Das Lied von der Veränderung

Dr. Marcel Kunze, KIT

Dr. Marcel Kunze ist leitender Wissenschaftler am Karlsruher Institut für
Technologie (KIT). Der 53-Jährige leitet hier die Forschungsgruppe für Cloud Computing. Die Forschung und Entwicklung von serviceorientierten IT-Architekturen und die Virtualisierung gehören zu seinen Themen.

Mieten statt kaufen – dieses Konzept hat sich bereits in verschiedenen Bereichen des täglichen Bedarfs als sinnvoll erwiesen. Die Cloud soll diese Flexibilität auch in die IT-Infrastruktur bringen. Experten wie KIT-Forschungsgruppenleiter Dr. Marcel Kunze sind überzeugt: Die Cloud wird das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ein Stück weit revolutionieren.

Compass: Die Industrialisierung hat unser Leben verändert. Was waren die Schlüsselfaktoren?

Kunze: Wir haben schon so manche industrielle Revolution erlebt. Und jedes Mal spielte dabei ein Paradigmenwechsel eine wichtige Rolle. Denken wir beispielsweise daran, wie sich Mobilität gewandelt hat: Wir sind von der Droschke aufs Automobil gekommen. Wir verfügen heute über Flugzeuge und Schnellzüge. Doch wir reden inzwischen meist nicht mehr von den einzelnen Fortbewegungsmitteln, sondern von Mobilitätskonzepten. Wir interessieren uns heute mehr dafür, wie wir am schnellsten, bequemsten oder günstigsten  von A nach B kommen und weniger für die Art des Verkehrsmittels. Wir leiten also von den konkreten Gegebenheiten unsere Anforderungen und Lösungen ab.

Compass: Und mit der IT ist es ähnlich?

Kunze: Ja, auch hier verändert sich die Landschaft. Der Trend geht weg vom Aufbau der eigenen statischen IT-Infrastruktur mit ihren Großrechnern und strengen Regeln. Vielmehr möchten wir hin zu dynamischen IT-Konzepten und dabei jederzeit die überall verfügbaren IT-Services in Anspruch nehmen. „Software“, „Infrastructure“ und „Platform as a Service“ sind hier die Schlagworte.

Compass: Welchen Nutzen bringt die Cloud mit sich?

Kunze: Die neue Technologie ermöglicht Kostensenkung, Agilität und Wertschöpfung. Fixkosten können in variable Kosten verwandelt werden. Ressourcen können bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt werden. Und es entstehen innovative Geschäftsmodelle, bei denen man eigentlich immer Gewinn einfahren kann, unabhängig davon, wie hoch der Umsatz ist. Warum? In der Cloud sprechen Unternehmen stets die Masse der Internetnutzer an. Eine millionenfache Kundschaft, weltweit. Jeder dieser Kunden bezahlt einen kleinen Obolus. Da alle Dienste vollautomatisiert sind und immer nur so viele Ressourcen eingesetzt werden wie aktuell nötig, entwickeln sich die Kosten entsprechend zum Umsatz. Zudem entsteht kein Arbeitsaufwand für die automatische Rechnungsstellung. Unterm Strich ist das ein lohnenswertes Geschäft, das auch bei komplexen Dienstleistungen von einem sehr kleinen Team betrieben werden kann. Denken Sie an Apple und den Apple-Store. Ursprünglich für den Download von Musik gemacht, vertreibt das Unternehmen hier heute auch Software für das iPhone. Und zwar so günstig, dass man Anwendungen teilweise schon für 79 Cent erwerben kann – aufgrund des Massengeschäfts eine Goldgrube.

Compass: Nun sind Musikdateien und Smartphone-Apps in der Regel recht unkritisch. Wie sieht es mit Office-Anwendungen aus? Google bietet heute schon Möglichkeiten zur Text- und Tabellenverarbeitung. Die Daten liegen dann aber auch beim Internet-Riesen.

Kunze: Das ist das Wesen der Cloud … Im Sinne des Geschäfts wird sich ein Provider größte Mühe geben, ordentlich zu arbeiten. Man muss darauf vertrauen, dass der Provider die Datenschutzrichtlinien entsprechend umsetzt und einhält. Aber das ist Teil eines Gewöhnungsprozesses, ähnlich wie beim Geld. Früher hat man sich das Gehalt noch unter das Kopfkissen gelegt, heute vertraut man es seiner Bank an. Treten Unregelmäßigkeiten auf, wechselt man das Geldinstitut. Nicht anders wird es sich künftig bei der „Datenbank“, dem Provider, verhalten. Auch hier sichern entsprechende AGB und Zertifizierungen den Kunden ab.

Compass: Was bedeutet das für das Arbeitsleben?

Kunze: Das typische Unternehmen ist heute in sich geschlossen. Dieser Umstand ist tief in der Unternehmenskultur verankert. Wenn Unternehmen von den Möglichkeiten der Cloud profitieren möchten, dann müssen sie umdenken. Ein Karlsruher Unternehmer hat sich neulich zum Erfolg seines Konzerns im Vergleich zum Wettbewerb so geäußert:
„Nicht die Größe ist wichtig, sondern die Veränderung.“ Diese Meinung teile ich. Die Cloud ist das Lied der Veränderung. Sie ermöglicht es Unternehmern, flexibler zu agieren und mit derselben Mannschaft mehr Dinge zu tun. Auch Dinge, die vor kurzem undenkbar waren.

Compass: Wie das?

Kunze: Die Cloud verbessert die Zusammenarbeit der Menschen. Über sogenannte „Access Control Lists“ lässt sich der Zugriff auf Daten und deren Nutzung gezielt steuern. Kollegen können auf diese Weise Dateien in ihrer eigenen projektspezifischen Sicherheitsdomäne miteinander teilen – ohne durch Firewalls oder Compliance-Anforderungen behindert zu werden. Sie können auch zur gleichen Zeit am selben Dokument arbeiten oder direkt aus der Anwendung heraus Chatfunktionen nutzen und Videokonferenzen schalten. Diese Herangehensweise ist nicht nur innerhalb eines Unternehmens, sondern auch über dessen Grenzen hinaus denkbar. Und das Ganze lässt sich weiterspinnen: Wenn man Arbeit so flexibel organisieren kann, warum verlegen wir dann nicht den kompletten Arbeitsplatz in die Cloud? Tätigkeiten, die standardisiert werden können, lassen sich schließlich auch von zu Hause aus oder mit Mobilgeräten unterwegs erledigen. Wozu sollten wir also jeden Tag ins Büro fahren?

Compass: Wie könnte der typische Arbeitsalltag in der Cloud aussehen?

Kunze: „Den“ Arbeitsalltag gibt es dann natürlich nicht mehr. Die arbeitnehmende Gesellschaft, wie wir sie kennen, löst sich in Wohlgefallen auf. Sie erfährt Flexibilität: Wer ein Nachtmensch ist, kann nachts seiner Tätigkeit nachgehen. Wer Kinder hat, kann sich tagsüber um diese kümmern und sein Berufsleben auf den Abend verlagern. Man muss auch nicht mehr nur für einen Arbeitgeber allein tätig sein, sondern könnte von unterschiedlichen Unternehmen Aufträge erhalten. Denn virtuelle Marktplätze, die das Angebot und die Nachfrage an Dienstleistungen zusammenbringen, werden künftig an Bedeutung gewinnen. Die Intelligenz von morgen besteht darin, sich entsprechend zu organisieren.

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