Perspektive ÖV: Was die Branche bewegt

     Dr.-Ing. Peter Mott ist Director Business Development bei der PTV Group.


Dr.-Ing. Peter Mott ist Director Business Development bei der PTV Group.

Er steigert die Lebensqualität in den Städten, bindet umliegende Regionen an und gilt als Wettbewerbsfaktor für die lokale Wirtschaft. Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Allein in Deutschland nutzen jährlich rund zehn Milliarden Fahrgäste das Angebot von Bus und Bahn. Tendenz steigend. Nichtsdestotrotz wird sich der ÖV in den kommenden Jahren verändern. PTV Compass hat Dr.-Ing. Peter Mott, Director Business Development bei der PTV Group und ÖV-Experte, gefragt, welche Perspektiven er für die Branche sieht.

Compass: Welches Thema wird deines Erachtens den öffentlichen Verkehr in den kommenden Jahren begleiten?

Mott: Ich bin überzeugt, dass der demografische Wandel eine wichtige Rolle spielen wird. Vor zwei Jahren lebten in Deutschland rund 81,7 Millionen Menschen, der Anteil an Kinder und Jugendlichen unter 20 Jahren machte dabei 19 Prozent aus. 2020 wird nur noch jeder Sechste zu dieser Altersgruppe gehören. Aktuelle Erhebungen bestätigen: Die Zahl der Schüler geht stetig zurück. So wurden beispielsweise zu Beginn des laufenden Schuljahres 2,7 Prozent weniger Erstklässler eingeschult als im Jahr zuvor. Diese Entwicklung hat Folgen: In vielen Regionen bilden Schülerverkehre das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs. Brechen sie weg, fehlt den Verkehrsbetrieben und Verbünden eine wichtige Nachfragegrundlage und damit auch eine Einnahmequelle. Sie sind also gefordert, neue und zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln.

Compass: Welche Konsequenzen könnten Verkehrsverbünde daraus ziehen?

Mott: Das Angebot sollte nachfragebasiert und serviceorientiert gestaltet sein. In der langfristigen, strategischen Planung wird es für die Verbünde immer schwieriger werden, das Linienaufkommen sowie die Linienerlöse abzuschätzen. Eine Konsequenz könnte beispielsweise sein, dass Linienbündel künftig, anders als dies derzeit vielerorts üblich ist, nicht mehr für acht Jahre ausgeschrieben werden. Denn innerhalb dieser recht großen Zeitspanne können sich sehr nachhaltige Veränderungen ergeben. Diese könnten so weit greifen, dass die Voraussetzungen, unter denen ein Linienbündel bei der Ausschreibung geschaffen und bewertet worden ist, bereits während der Laufzeit nicht mehr zutreffen. Eine weitere Konsequenz betrifft die Flexibilisierung des Angebots. In vielen Regionen stehen hier mit alternativen Bedienformen sowie bedarfsgesteuerten Betrieben verschiedene Ideen im Raum, mancherorts sind sie auch schon umgesetzt. Dazu gehören beispielsweise Rufbus-Systeme, bei denen der Service zwar fahrplangebunden sein kann, aber erst durch einen Fahrgast geordert werden muss. Es ist der Versuch, eben nicht mit geringen Fahrgastzahlen einen festen Fahrplan zu realisieren, sondern vielmehr eine bestimmte Anzahl an Fahrtwünschen auf einzelne Fahrten zu konzentrieren. Mit diesem Konzept lassen sich sowohl die Kosten für das Fahrzeug als auch die für den Fahrer gering halten und es hat zugleich das Potenzial, die Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen zu sichern.

Compass: Wenn man in anderen Fällen ÖV als ein Verkehrsmittel für gebündelte Ströme sieht, bedeutet Flexibilisierung des Angebots dann, dass der ÖV automatisch ausgedünnt wird?

Mott: Nein. Das Angebot öffentlicher Verkehre wird mancherorts vielleicht anders sein, automatisch ausdünnen wird es aber nicht. Schauen wir uns die Statistik an, sehen wir, dass die Fahrgastzahlen in Deutschland immer noch leicht steigen: 2010 legte der öffentliche Personenverkehr um 0,3 Prozent zu, 2011 verzeichnete er weitere Rekordzahlen. 10,9 Milliarden Fahrgäste nutzten das Angebot von Bus und Bahn. Das waren 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch auf diesen Erfolgen dürfen sich die Akteure nicht ausruhen. Die guten Ergebnisse rühren unter anderem von einem stärkeren Umweltbewusstsein her. Für die Zukunft bedeutet das: Nur wenn das ÖV-Angebot mit den Kundenerwartungen Schritt hält und ihnen auf diese Weise eine Alternative zum Auto bietet, werden sich die Fahrgastzahlen weiterhin positiv entwickeln. Äußere Faktoren, die diese Entwicklung begünstigen können, sind beispielsweise stetig steigende Benzinpreise sowie Parkraumdruck. Letzteres wird insbesondere dem ÖV in Ballungsräumen zu Gute kommen.

Compass: Wie sollte das ÖV-Angebot der Zukunft denn aussehen?

Mott: Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass die Stellung des Menschen in der Gesellschaft, seine Bildung, sein Einkommen und auch sein Alter das Mobilitätsverhalten beeinflussen. Und zwar insbesondere dann, wenn Alternativen geboten werden. Die Verfügbarkeit von zeitlichen und ökonomischen Ressourcen sowie die Gewohnheit und eine gewisse Erfahrung im Umgang mit einem Verkehrsmittel spielen hierbei eine Rolle. Wenn Studien wie „Mobilität in Deutschland“ (MID) aufzeigen, dass die ältere Generation zwar mehr Wege macht, dafür aber zunehmend den eigenen Pkw nimmt, anstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, müssen wir umdenken. Wir müssen uns fragen: Welche Bedürfnisse hat diese wachsende Gruppe? Und wie lässt sich das Angebot attraktiver gestalten, dass diese Gruppe für bestimmte Fahrten den eigenen Pkw in der Garage stehen lässt und stattdessen Bus und Bahn nimmt. Eine mögliche Maßnahme sind Seniorentickets. Viele Verbünde haben sie eingeführt, um die Fahrtwünsche dieser Zielgruppe bewusst in die nachfrageschwächeren Zeiten zu lenken. Auf diese Weise versuchen die Verbünde, das bekannte Problem der Spitzennachfrage in den Hauptverkehrszeiten zu entschärfen.

Compass: Attraktive Preise sind das eine, barrierefreies Fahren das andere …

Mott: Das ist richtig. Umsteigeverkehre werden in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnen. Für die Planung bedeutet das, das Aufkommen an Umstiegen muss neu ermittelt und anders bewertet werden und die Orte, an denen umgestiegen wird, müssen richtig eingeschätzt werden. Anschließend gilt es, eine geeignete Infrastruktur zu schaffen – sowohl bezüglich der Fahrzeuge als auch der Haltestellenanlagen. Und auch fahrplanseitig besteht Handlungsbedarf: Ältere Menschen sind langsamer zu Fuß als junge. Daher wird ein weiterer Fokus auf den Gehzeiten zwischen den einzelnen Haltestellenbereichen liegen. Diese müssen detailliert analysiert und bewertet werden. Ein Tool, mit dem sich das bewerkstelligen lässt, ist übrigens PTV Visum. Mit Version 12.5 haben wir einen neuen Grafik-Layer ‚Umsteigebeziehungen‘ eingeführt, mit dem sich Umsteigeströme zwischen den einzelnen Bereichen in den Haltestellen nicht nur als Liste, sondern auch als Belastungsbalken im Netz beziehungsweise am Knoten darstellen lassen. Mit Hilfe der sogenannten Umsteiger-Uhr lassen sich die Umsteigeströme darüber hinaus auch nach den verschiedenen Ankünften und Abfahrten am Knoten abbilden.

Compass: Anschaffung von Niederflurwagen, bauliche Anpassungen der Haltestellenanlagen – das hört sich teuer an.

Mott: Ja, es besteht ein Reinvestitionsbedarf – sowohl bei der baulichen Infrastruktur als auch bei den Fahrzeugen. Die finanziellen Mittel, die dafür erforderlich sind, werden die Möglichkeiten einzelner Unternehmen übersteigen. Das heißt, sie werden genau erörtern müssen, wo und wie sie zur Verfügung stehende Mittel optimal einsetzen können.

Compass: Welche Möglichkeiten bietet unsere Verkehrsplanungssoftware PTV Visum hier?

Mott: Die Linienleistungs- und Linienerfolgsrechnung von PTV Visum, auch LLE genannt, leistet einen Beitrag dazu, festzustellen, wie gut der Kostendeckungsgrad von Teilsystemen oder einzelnen Linien ist und was die Ursachen dafür sind. Wobei man sicherlich nicht davon ausgehen kann, dass sich alle ertragsschwachen Linien einsparen lassen. Denn oftmals übernehmen diese Linien wichtige Zubringerfunktionen. Der Planer muss sich fragen: Ist es möglich, durch Umverlagerung von Leistungen ein Gesamtnetz anzubieten, das wirtschaftlich stabiler und gleichzeitig auch für den Fahrgast attraktiver ist? Wo sind beispielsweise weitere Ausbaumaßnahmen sinnvoll, wo weitere Verdichtungen? In welchen Bereichen oder Zeiten muss ich mir vielleicht über einen alternativen Linienbetrieb Gedanken machen? Ziel sollte es immer sein, Flagge zu zeigen, nachfrageschwache Gebiete nicht komplett aufzugeben, sondern durch eine geeignete Form zu bedienen.

>> Mehr über den Einsatz von PTV Visum bei der Planung öffentlicher Verkehre