Renaissance der Straßenbahn

In Ulm und Neu-Ulm soll das Straßenbahnnetz weiter ausgebaut werden.

In Ulm und Neu-Ulm soll das Straßenbahnnetz weiter ausgebaut werden.

Die eine Hälfte fährt mit dem Auto, die andere nutzt die Verkehrsmittel des Umweltverbundes. So sieht der aktuelle Modal Split in Ulm und Neu-Ulm aus. Doch die Städte möchten den Anteil des Umweltverbundes steigern. Vor diesem Hintergrund hat die Aalener Niederlassung der Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft den Verkehrsentwicklungsplan für 2025 fortgeschrieben.

Mit der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans möchten Ulm und Neu-Ulm die Umweltbelastungen in der Donau-Doppelstadt reduzieren und so die Lebensqualität steigern. Das Ziel ist es, den motorisierten Individualverkehr (MIV) zu verringern. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt daher in der Attraktivitätssteigerung des öffentlichen Verkehrs (ÖV). Dafür hat die Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft ein Verkehrsmodell sowie verschiedene Szenarien entwickelt, die das Liniennetz und ÖV-Angebot für 2025 darstellen und bewerten. Zum Einsatz kommt die weltweit führende Verkehrsplanungssoftware PTV Visum.

Angebot und Nachfrage im Blick

PTV Visum zeichnet sich dadurch aus, dass alle Verkehre innerhalb eines Modells abgebildet werden können und dass dabei durchgängig Angebot und Nachfrage miteinander verknüpft sind“, sagt Dirk Kopperschläger, Leiter der Niederlassung in Aalen. Verändern sich Eingangsgrößen wie Netz-, Struktur- oder Verhaltensdaten, reagiert das Modell darauf und die Verkehrsplanungssoftware zeigt die einhergehenden Veränderungen im Modal Split. Auf diese Weise können Verkehrsingenieure sowohl für den MIV als auch für den ÖV prüfen, wie attraktiv eine geplante Maßnahme für die Bevölkerung ist.

Auch bei der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes spielt diese Stärke von PTV Visum eine Rolle. „In der Planung haben wir zwischen regionalem und städtischem ÖV unterschieden“, berichtet Verkehrsingenieurin Claudia Stahl, die das Projekt begleitet. Bei der Ausgestaltung des regionalen Verkehrs stehen derzeit Überlegungen an, das bestehende Schienennetz zu nutzen und einen S-Bahn-ähnlichen Betrieb aufzubauen. Dafür haben die Ingenieure einen Halbstundentakt modelliert. In diese Modellierung flossen Ergebnisse aus einer regionalen Studie ein, in der der Alb-Donau-Kreis mögliche Verkehrsverlagerungen sowie zusätzliche Haltepunkte untersucht hatte.

Von der Region zur Stadt

Für die städtische Planung betrachteten die Ingenieure von Dr. Brenner vor allem zwei Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen: die Optimierung des Busnetzes in Neu-Ulm sowie eine Neubelebung des Straßenbahnnetzes, das in den 1950er- und 1960er-Jahren zurückgebaut worden war. In Ulm betrachteten sie die vorgesehene Anbindung des Kuhbergs und der Wissenschaftsstadt, in die aufgrund vieler Arbeitsplätze täglich weit über 20.000 Fahrten unternommen werden. Der besondere Fokus galt aber der Neu-Ulmer Seite, wo die Ortsteile Ludwigsfeld und Wiley besser angeschlossen werden sollen. Denn hier liegt die Fachhochschule und hier entsteht neuer Wohnraum.

Ein Modell erzeugt Verkehr

„Mit Hilfe von PTV Visum haben wir untersucht, wie die Linien idealerweise verlaufen müssen, um sie für Fahrgäste attraktiver zu machen“, berichtet Claudia Stahl. Dafür nutzten die Ingenieure das Verkehrserzeugungsmodell Visem. Bei Visem handelt es sich um ein tourenbasiertes Tool: Im Gegensatz zum klassischen Vier-Stufen-Modell, das einen Weg (zum Beispiel von zu Hause zur Arbeit und zurück) zeigt, werden mit Visem ganze Aktivitätsketten (von zu Hause zur Arbeit, zum Einkaufen und dann nach Hause zurück) abgebildet. Das macht das Modell wesentlich realistischer. So zeigte sich beispielsweise, dass es in manchen Ortsteilen sinnvoll ist, den Linienverlauf nicht entlang einer Hauptstraße zu legen, sondern auf eine Parallelachse oder ein Gewerbegebiet an das Liniennetz anzubinden, das vorher nicht berücksichtigt wurde.Konzept zeigt Wirkung

Das Ergebnis: Die Straßenbahn nach Neu-Ulm erzielt einen deutlich höheren Fahrgastgewinn gegenüber der Optimierung des Busnetzes. Auf den Modal Split betrachtet, könnten die Städte durch die Renaissance der Straßenbahn den Anteil des ÖV und damit auch des Umweltverbundes um vier Prozent steigern. „Hier schätze ich an PTV Visum, dass sich solche Ergebnisse verständlich darstellen lassen“, sagt Dirk Kopperschläger. So verwandeln sich Matrizen mit abstrakten Zahlen in übersichtliche Grafiken und Streckenbelastungen in ansprechende Kartenansichten. Diese helfen den Ingenieuren dabei, die Vor- und Nachteile untersuchter Szenarien auch in politischen Gremien zu verdeutlichen. Für Ulm bedeutet das: Die Stadt entschied 2009, die Straßenbahnlinie 1 auszubauen. Der Spatenstich für eine weitere Trasse soll im kommenden Jahr erfolgen und die Straßenbahnlinie 2 noch im Herbst 2016 auf die Gleise gehen.

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