9 Aspekte für nachhaltige Verkehrspolitik

Dr. Hans Jeekel

Dr. Hans Jeekel, Secretary Board der Association for European Transport

Nachhaltigkeit baut auf drei Säulen auf: der Ökonomie, der Ökologie und Sozialem. Wer nachhaltige Verkehrspolitik betreiben möchte, muss alle drei Säulen adressieren. In Europa lässt sich derzeit jedoch beobachten, dass viele Länder dazu tendieren, vornehmlich ökonomische und ökologische Kriterien zu unterstützen. „Sowohl die europäische als auch die nationale Verkehrspolitik lassen die sozialen Aspekte nachhaltiger Mobilität oft unberücksichtigt“, sagt Dr. Hans Jeekel, Secretary Board der Association for European Transport. Auf Shaping Transportation (18. – 19. Juni, London) wird er die 9 Aspekte präsentieren, die zu einer nachhaltigen Verkehrspolitik führen. In einem Interview gibt er bereits vorab Einblick. 

Compass: Dr. Hans Jeekel, Sie beraten die niederländische Regierung seit Jahren in verkehrspolitischen Fragen und waren selbst als Abgeordneter für dieses Themenfeld zuständig. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach eine nachhaltige Verkehrspolitik umfassend und professionell aufziehen?

Jeekel: Es gibt meiner Meinung nach neun Aspekte, die zu einer nachhaltigen und umfassenden Verkehrspolitik führen können: Bietet sie beispielsweise Mehrwert für die wirtschaftliche Entwicklung? Nehmen dank ihr CO2-Emissionen ab? Oder führt sie zu mehr Verkehrssicherheit? Wenn wir die neun Punkte auf der Liste durchgehen, werden wir feststellen, dass insbesondere die sozialen Aspekte der Mobilität in Europa zu wenig bedient werden.

Compass: Welche Aspekte schauen Sie sich dabei genauer an?

Jeekel: Ein Beispiel wäre, ob für Menschen ohne eigenes Auto Krankenhäuser und andere Orte des täglichen Lebens schwer erreichbar sind. Ein anderes betrifft die Transportkosten: In zahlreichen Fällen übersteigen sie einen Mittelwert von 15 Prozent des Haushaltsbudgets.

Compass: In welchem Land fällt das Fehlen der sozialen Aspekte stark ins Auge?

Jeekel: Finnland ist so ein Land. Finnland hat eine hervorragende Verkehrspolitik, die auch darauf achtet, dass Investitionen in die Infrastruktur einen Mehrwert für die wirtschaftliche Entwicklung leisten – aber sie fokussiert sich sehr stark auf die Umweltaspekte. Was Finnland komplett außen vorlässt, ist ein Konzept, wie Menschen ohne Auto – und das sind in Finnland immerhin 22 Prozent aller Haushalte – für sie wichtige Orte erreichen. Dabei könnte ich mir vorstellen, dass dies für viele Finnen ein Problem darstellen könnte. Denn das Land ist äußerst spärlich besiedelt und die Wege sind sehr lang.

Compass: Gibt es denn ein Gegenbeispiel? Ein Land das vorbildlich mit den sozialen Aspekten der Mobilität umgeht?

Jeekel: Großbritannien führt in diesem Zusammenhang eine äußerst interessante Verkehrspolitik. In Großbritannien werden in der sogenannten Erreichbarkeitsplanung die Teile der Gesellschaft identifiziert, die Probleme beim Erreichen von Gesundheitseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten usw. Probleme haben. Anschließend wird gehandelt: Es werden Pläne entwickelt, dies zu ändern. Maßnahmen sind dann beispielsweise zusätzliche Busse oder Bezuschussung, um eine Art Taxi zu nehmen. Vieles geschieht auf der Planungsebene und das Land ist hinterher, diese Maßnahmen weiter voranzutreiben. Wenn man diese Erfolge sieht, stellt sich schon die entscheidende Frage, wieso man derlei Herangehensweisen nicht auf andere europäische Länder übertragen kann.

Compass: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Jeekel: Ich denke, dass unsere Gesellschaft in vielen Dingen Rahmenbedingungen geschaffen hat, die uns unflexibel machen. Insbesondere vergessen wir, dass Fragen zu Zeit und Raum und das Wahrnehmen und Anbieten von Aktivitäten innerhalb eines sehr engen Zeitrahmens essentiell in unserem modernen Leben geworden sind. Das ist die Entwicklung.

Compass: Wie lange dauert es Ihrer Erfahrung nach, bis sich Änderungen in der Verkehrspolitik durchsetzen?

Jeekel: Die Mühlen mahlen leider langsam. Von der Idee bis hin zum Konzept und der Maßnahme dauert es tatsächlich bis zu acht Jahren.

>> Mehr über Dr. Hans Jeekel und seinen Vortrag auf Shaping Transportation

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