Mit offenen Karten spielen

OSM-Gründer Steve Coast

Steve Coast studierte in London Informatik und gründete 2004 das Projekt OpenStreetMap, das seither stetig wächst. Seit 2011 arbeitet er als Principal Architect für Bing Mobile bei Microsoft. Eine fruchtbare Verbindung: Seither stellt Microsoft dem OSM-Projekt seine Luftbilder zur Verfügung.

Wie bei Hänsel und Gretel fing es an, als Steve Coast 2004 mit seinem neu erstandenen GPS-Gerät die ersten Brotkrumen streute. Er zeichnete seine zurückgelegten Wege in eine Karte, schrieb eine Software dafür und animierte andere, mitzumachen. OpenStreetMap (OSM) war geboren. Heute zählt seine Vision einer frei verfügbaren Weltkarte zu den erfolgreichsten Crowdsourcing-Projekten.

Compass: OpenStreetMap lebt vom Enthusiasmus der Personen, die die Karten erfassen, den sogenannten Mappern. Was ist deren Motivation?

Coast: OpenStreetMap ist eine verrückte, sehr ambitionierte Idee. Doch es gibt viele Menschen, die an diese Idee glauben und sich beteiligen. Ihre Motivation ziehen sie aus ihren persönlichen Interessen: Da sind beispielsweise die Radfahrer, die sich für verschiedene Orte dieser Welt bessere Fahrradkarten wünschen, oder die Wanderer, die die ihre Routen darstellen möchten und viele mehr. OpenStreetMap ist quasi die Summe der persönlichen Interessen aller beteiligten Individuen, welche sie in der Karte verzeichnet haben möchten.

Compass: In welchen Ländern sind die Mapper besonders aktiv und welche Länder weisen die größten Mapping-Lücken auf?

Coast: Allgemein mappen Menschen aus wohlhabenderen Ländern häufiger – wahrscheinlich weil sie über mehr Freizeit verfügen. Die aktivsten Mapper gibt es definitiv in Deutschland und UK. Wo sich die größten weißen Flecken befinden, ist hingegen schwierig zu beantworten, da es heute kaum einen Ort ohne Kartenmaterial gibt. Was wir aber an manchen Orten vermissen, sind Metadaten. Dabei handelt es sich um Orte, von denen es hervorragende Luftbilder gibt, auf deren Grundlage Mapper vom heimischen PC aus Straßen einzeichnen. Doch ohne den Ort persönlich besucht zu haben, kann man keine Straßennamen, Parkbezeichnungen und Ähnliches hinzufügen. Dazu gehören insbesondere Länder wie Nordkorea, Teile von Afghanistan oder Irak – also Orte, die schwierig zu erreichen sind.

Compass: Wie geht der typische Mapper vor?

Coast: Der typische Mapper nutzt heute in der Regel Apps über sein Smartphone, um seine GPS-Positionen aufzuzeichnen. Anschließend mailt er sich die GPS-Spur zu oder spielt sie direkt in OSM ein. OSM zeigt die Spur dann in einem Flash-basierten Editor namens Potlatch. Potchlatch bietet einen Blick auf die Kartendaten, die aufgezeichnete GPS-Spur sowie Satellitenbilder, die Microsoft für das Projekt zur Verfügung stellt. Auf diese Weise lassen sich dann Straßen, Schienen oder Flüsse entlang der aufgezeichneten Punkte kartografieren und auch Objekte wie Briefkästen, Bäume oder was immer der Mapper sich notiert hat, vermerken sowie bereits vorhandene Objekte ändern.

Compass: Wie bewerten Sie die Qualität der OSM-Daten?

Coast: OpenStreetMap funktioniert wie Wikipedia: Wenn man Daten entdeckt, die nicht stimmen, dann änderst man sie. Und wenn man offensichtlich nicht motiviert genug ist, Daten zu ändern, dann können sie nicht allzu fehlerhaft sein. Das ist ein einfacher Weg, um Fehler auszumerzen.

Compass: Wie unterscheidet sich OSM von kommerziellen Anbietern wie Teleatlas oder Navteq?

Screenshot von PTV Visum, Importer ÖV-Daten aus OSM

Auch mit PTV Visum lassen sich die OpenStreetMap-Daten nutzen. Beispielsweise als Netzgrundlage für den Aufbau oder die Ergänzung von Verkehrsmodellen. Mit dem neuen Release PTV Visum 13 können darüber hinaus ÖV-Daten aus OSM in die entsprechende Visum-Datenstruktur übernommen werden.

Coast: Im Wesentlichen in drei Dingen: Zum einen sind die OSM-Daten frei verfügbar und dürfen modifiziert werden. Zum anderen unterscheiden sie sich in der Qualität. Wir sind noch nicht so lange im Geschäft wie Teleatlas oder Navteq und verfügen auch nicht über deren Budget, um in unsere Daten zu investieren. Daher ist die Qualität der OSM-Daten niedriger als die der kommerziellen Anbieter. Beispielsweise fehlen uns Adressdaten, weil die ziemlich schwer zu sammeln sind. Der dritte Punkt betrifft das Tagging, also das Verschlagworten von Objekten. Hier folgen die kommerziellen Anbieter sehr formellen Ontologien und ordnen beispielsweise Straßen bestimmte Attribute aus einem definierten Set zu. In OSM hingegen existiert kein Set an Attributen, unser Tagging ist offen. Diese Offenheit ermöglicht uns wiederum eine Erweiterung des Systems, da jeder das mappen kann, was er möchte. Dennoch führt ein gewisser Gruppenzwang dazu, dass auch bei uns Objekte auf ähnliche Art und Weise getaggt werden.

Compass: Also bleiben die OSM-Daten nur dann aktuell, wenn es jemanden gibt, der sie aktuell hält. Ist es jedoch nicht viel spannender für einen Mapper, weiße Flecken auf der Landkarte zu füllen als existierende Objekte zu korrigieren oder zu taggen?

Coast: Bis zu einem gewissen Grad stimme ich da zu. Und in diesem Zusammenhang stelle ich mir häufig die Frage: Was wäre, wenn wir die Daten zwar behalten, aber nur die Karte rendern würden, sodass der Nutzer nichts außer der Karte sieht – keine Straßen, keine Adressen, nichts. Die Hälfte der Karte wäre fort und es würden wieder „weiße Flecken“ entstehen. Straßen würden künftig nur dann angezeigt werden, wenn sie Adressen erhalten oder – beispielsweise bei Autobahnen – zumindest mit einem Tag „Es gibt keine Adressen in dieser Straße“ versehen werden. Ich bin überzeugt, dass das funktionieren würde und dass das eine Menge Leute anspornen würde, mehr zu editieren, damit die Straßen wieder auf der Karte erscheinen. Andere glauben jedoch nicht an diese Möglichkeit.

Compass: Derlei Diskussionen werden in der Community aktuell geführt?

Coast: Ja, ich treibe das voran. Doch das bedeutet nicht, dass irgendwer auf mich hören wird. (Lacht.)

Compass: OSM wird zunehmend auch für kommerzielle Vorhaben genutzt. Was passiert eigentlich, wenn die Community die Lust am Mappen und Taggen verliert und kommerzielle Nutzer keine aktuellen Daten mehr erhalten?

Coast: Gut, dann werden sie wohl für Daten von Navteq oder Teleatlas zahlen müssen. (Lacht.) Nein, mal ehrlich. Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Die Community ist seit 2004 stark gewachsen, ein Ende ist nicht in Sicht. Genau genommen haben wir eher einen Überschuss an Daten und leiden keineswegs an Unterversorgung.

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