Gesellschaft und Mobilität im Wandel

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Die Anforderungen an eine zukunftsfähige Mobilität sind im Wandel, Foto: (c) iStock/PeskyMonkey

Unsere Gesellschaft verändert sich. Weltweit. Parallel zum demografischen Wandel entwickeln sich Informations- und Kommunikationstechnologien immer weiter und ermöglichen neue Lösungs- und Service-Angebote. Auch die Anforderungen an eine zukunftsfähige Mobilität sind im Wandel. Das erfordert ein Umdenken bei den Mobilitätsangeboten – bei Anbietern und Nutzern.

Auf der ganzen Welt lassen sich zwei Trends beobachten: Es gibt schrumpfende und wachsende Regionen – bedingt durch die jeweilige demografische und wirtschaftliche Entwicklung. Die Herausforderungen, mit denen die Regionen konfrontiert sind, sind jedoch völlig unterschiedlich. In schrumpfenden, oft eher ländlichen Gebieten nehmen die Bevölkerung und damit auch die Nachfrage kontinuierlich ab. Hier müssen sich die Verantwortlichen die Frage stellen, wie sie die Daseinsvorsorge der Menschen und wie sie welche Mobilitätsangebote sicherstellen können. Boomende Regionen haben hingegen mit einer hohen Nutzungsdichte zu kämpfen. Die Infrastruktur ist begrenzt. Mobilität muss auf engstem Raum und in Konkurrenz mit anderen Nutzungen stattfinden. Die Folge: Neue Mobilitätskonzepte braucht das Land!

Vom demografischem Wandel zum gesellschaftlichen Wandel

Die Menschheit wächst – aber höchst unterschiedlich. Das Bevölkerungswachstum findet inzwischen fast ausschließlich in Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Während sich die Bevölkerung in Afrika von heute 1,1 Milliarden bis 2100 vervierfacht, verliert Europa bis zur Jahrhundertwende 14 Prozent seiner Einwohner, hieß es von den Vereinten Nationen zum diesjährigen Weltbevölkerungstag. Wanderungsbewegungen von ländlichen Räumen in große Zentren und Verdichtungsräume verstärken zudem weltweit die demografischen Prozesse. So können viele Städte deutliche Einwohnerzuwächse verzeichnen – bis hin zur rasanten Entwicklung von Megacities. Stark alternde Industrieländer und vor allem ländlich geprägte Räume müssen mit teilweise deutlichen Einwohnerverlusten rechnen.

Neben dem demografischen wird der gesellschaftliche Wandel zunehmend die Trends von morgen bestimmen. Er wird geprägt durch die technologische Entwicklung, neue Arbeitswelten und veränderte Lebensstile, insbesondere bei der Einstellung gegenüber Statussymbolen. Neue Technologien fördern vor allem bei jungen Menschen ein verändertes Verhalten, sei es beim Einkaufen über das Internet oder beim Buchen von Online-Services und Nutzen von komfortablen Angeboten. Diese neuen Trends wirken sich auf das Mobilitätsverhalten und die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung sowie auf die Mobilitätsangebote aus.

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Trends im urbanen Raum

Die Entwicklung der IuK-Technologie (Informations-und Kommunikationstechnik) eröffnet neue Möglichkeiten für eine flexible Betriebsorganisation und Kommunikation im Mobilitätsbereich. Das Spektrum reicht von Fahrerassistenzsystemen über Möglichkeiten zur GPS-gesteuerten Fahrzeugdisposition bis hin zur Kundenkommunikation oder E-Ticketing über Mobiltelefon oder Smart-Phone. Und unter dem Motto „Weniger Auto, mehr Mobilität“ wird die multimodale Mobilität zunehmend wichtiger. Die Bevölkerung wird alle verfügbaren Verkehrsmittel entsprechend ihrer Funktionalität nutzen. Car-Sharing und E-Bikes erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Wie der urbane Raum künftig optimal gestaltet werden kann, ist aktuelles Thema der in diesem Sommer vergebenen ExWoSt-Studie (Experimenteller Städte- und Wohnungsbau) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Unter dem Titel „Neue Mobilitätsformen, Mobilitätsstation und Stadtgestalt“ wird untersucht, wie intermodale Mobilitätsangebote sich sinnvoll in das Stadtbild integrieren lassen. Unterschiedliche Formen der Elektromobilität sind zudem auf dem Vormarsch und werden derzeit bei Auto, Fahrrad und Bus intensiv und in Kombination getestet.

Trends im ländlichen Raum

Der demografische Wandel macht sich vor allem auf dem Land bemerkbar. Er gehört zu den langfristigen Entwicklungen, die soziales und wirtschaftliches Leben in den kommenden Jahrzehnten deutlich beeinflussen werden. Um die Herausforderungen zu lösen, müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft umdenken und zusammenarbeiten.

Deutschland hat viele Forschungsvorhaben dafür in die Wege geleitet. Beispiele für die Unterstützung der Bundesregierung sind „Mobilität 21“ oder „Demografischer Wandel – Region schafft Zukunft“. Als zukunftsweisendes Projekt daraus hat sich das ÖPNV- und Mobilitätskonzept für die Region Südharz-Kyffhäuser von 2010 erwiesen. Erstmals etablierte sich ein zentrales Instrument zur Einbindung der regionale Akteure mit dem „Stammtisch Nahverkehr“. Dieser trug wesentlich dazu bei, ein tragfähiges, neues Konzept zu entwickeln. Es beschreibt das notwendige Grundangebot im konventionellen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und zeigt Möglichkeiten für flexible Bedienformen (z. B. Rufbusse) sowie weitere mobile oder stationäre Angebote. So wurden zwei Bürgerläden aufgebaut und ein Bürgerbus-Projekt begleitet.

Die Erkenntnis: Mobilitätsbedarf lässt sich zum Teil ersetzen, indem Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs auch weiterhin – oder wieder – vor Ort vorgehalten werden. Hierzu bedarf es jedoch neuer Angebots- und Kooperationsformen. Für den verbleibenden Mobilitätsbedarf bietet sich ein öffentlich zugängliches Mobilitätsangebot mit einem Mix aus konventionellen und alternativen Lösungen an. Ziel muss es sein, die verfügbaren Ressourcen „intelligent“ einzusetzen. Dabei müssen die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Mobilität fließender werden.

Auch im grenzüberschreitenden Raum um das Stettiner Haff waren der Aufbau und das Mitwirken eines Arbeitskreises mit allen regionalen Akteuren aus Deutschland und Polen der Schlüssel für einen erfolgreichen Projektabschluss 2010. Das Ergebnis ist ein integriertes Angebotskonzept aus Schienenpersonenverkehr, Regionalbus und flexiblen Bedienungsformen, das jetzt stufenweise zur Verbesserung des grenzüberschreitenden ÖPNV-Angebots umgesetzt wird.

Aktuell wurden im November 2013 die Ergebnisse eines neuen Mobilitätskonzepts für Nordfriesland der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Resultate dieses Pilotprojekts sollen später bundesweit auf andere ländliche Räume übertragen werden. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) hat das Vorhaben aufbauend auf dem für die Region erarbeiteten „Masterplan Daseinsvorsorge“ in Auftrag gegeben. Beauftragt wurde eine Arbeitsgemeinschaft mit PTV Group für die Verkehrsplanung und pakora.net für die Stadt- und Regionalplanung.

Kernelement des Projektes ist ein „Forum Mobilität“, das sich aus regionalen Organisationen und Institutionen zusammensetzt. Neben Vertretern aus dem ÖPNV und politischen Akteuren waren auch betroffene Interessensgruppen, wie der Kreisjugendring oder der Landfrauenverband, mit eingebunden. Dieser projektbegleitende Beirat war von Anfang an dabei und wird auch künftig die Umsetzung begleiten. PTV-Projektleiterin Annette Kindl: „Mobilität im ländlichen Raum ist vom Staat alleine nicht mehr leistbar. Mehr Eigenengagement der Bürger wird erforderlich. Das Projekt hat eindrucksvoll bewiesen, dass sich durch die Einbindung aller Akteure Verständnis für die verschiedenen Bedürfnisse und Sachzwänge gewinnen und damit ein neues Bewusstsein schaffen lässt. Durch tragfähige Konzepte und neue Kooperationen zwischen den Gemeinden können ländliche Räume wieder attraktiver gemacht werden.“

Dokumentation des BMVBS zur Mobilitätssicherung in Zeiten des demografischen Wandels: bit.ly/HLe2A8

Die Grafik zeigt, wie unterschiedlich sich die Bevölkerung in einzelnen Ländern entwickelt: In Nigeria werden bis zum Ende des Jahrhunderts 740 Millionen mehr leben. Das ist eine Vervierfachung der heutigen Bevölkerungszahl.

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