Konkurrenz im Verkehr

Arturo Ardila Gomez ist als Spezialist für städtischen Verkehr und Transport in der Asien-Pazifik-Abteilung der Weltbank tätig und setzt sich für nachhaltige Mobilitätslösungen ein.

Arturo Ardila Gomez ist als Spezialist für städtischen Verkehr und Transport in der Asien-Pazifik-Abteilung der Weltbank tätig und setzt sich für nachhaltige Mobilitätslösungen ein.

Wie lässt sich städtischer Verkehr in Schwellen- und Entwicklungsländern schneller abwickeln und sicherer gestalten? Im Interview berichtet Arturo Ardila Gomez, Verkehrsexperte bei der Weltbank, über seine Erfahrungen aus Lateinamerika und Ostasien.

COMPASS: Warum setzen Sie besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern den Fokus auf öffentliche Verkehrsmittel?

ARDILA GOMEZ: Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Ich nenne Ihnen die drei wichtigsten: Es muss erstens verhindert werden, dass immer mehr Menschen das Auto für ihren Arbeitsweg nutzen. Das ist mit steigendem Einkommen der Fall – und dazu müssen wir eine gute, günstige und nachhaltige Alternative schaffen. Zweitens können wir nur durch eine Verbesserung der öffentlichen Verkehrssysteme die verkehrsbedingten CO2-Emissionen senken. Und drittens nutzen Menschen, die nach 1980 geboren wurden, grundlegend andere Verkehrsmittel. Sie bevorzugen öffentliche oder nicht-motorisierte Verkehrsmittel.

COMPASS: Wie müssen wir uns die Situation in Asien heute vorstellen?

ARDILA GOMEZ: Da Autos und öffentliche Verkehrsmittel sich die Straße teilen, herrscht eine permanente Konkurrenzsituation. Beide Verkehrsträger haben unterschiedliche Bedürfnisse: Busse halten oft an, um Fahrgäste ein- und aussteigen zu lassen. Autofahrer dagegen wollen so wenig wie möglich anhalten müssen, um rasch ans Ziel zu gelangen. Die Gesamtsituation verlangsamt alle Verkehrsteilnehmer. Dazu kommt: Öffentliche Verkehrsmittel konkurrieren untereinander um jeden einzelnen Fahrgast. Das führt zu schnellem Fahrstil und hohen Unfallraten.

COMPASS: Welche Empfehlungen leiten Sie konkret daraus ab?

ARDILA GOMEZ: In Lateinamerika und in Ostasien müssen die öffentlichen Verkehrsmittel dringend verbessert und aufgerüstet werden. Was die Konkurrenz um den Straßenraum anbelangt, sind Bus Rapid Transit-Systeme, kurz BRT genannt, die Antwort. Diese Schnellbus-Methode funktioniert, indem Autos und Bussen jeweils eigene Fahrstreifen zugewiesen werden. Die Konkurrenz um Fahrgäste kann man nur durch klare vertragliche Regelungen entschärfen.

Foto: © Sonja Koesling

Foto: © Sonja Koesling

COMPASS: Aktuellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation zufolge sterben besonders in der Region Asien-Pazifik überdurchschnittlich viele Menschen in Verkehrsunfällen, obwohl der Anteil der Autos pro Kopf noch relativ gering ist. Können nachhaltige Verkehrskonzepte daran etwas ändern?

ARDILA GOMEZ: Ja, auf jeden Fall. In manchen Städten, wo Busunternehmen untereinander um Fahrgäste konkurrieren, ist an jedem zweiten Unfall mit Verletzung oder Todesfolge ein Bus beteiligt. Verbesserung und Aufrüstung der öffentlichen Verkehrsmittel wird die Verkehrssicherheit enorm verbessern. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Durch das Lima Transport Project, bei dem BRT zum Einsatz kommt, ist die Zahl der Unfälle mit Toten und Verletzten um 90 Prozent gesunken. Der wirtschaftliche Gewinn dieser Verbesserung der Straßensicherheit ist in Zahlen kaum auszudrücken.

COMPASS: Was genau sollten Regierungen also bei der städtischen Verkehrsplanung beachten?

ARDILA GOMEZ: Regierungen müssen verstehen, dass der Bedarf an nachhaltigen Transportlösungen in den Städten hoch ist. Eine einfache Herangehensweise an das Problem wäre es, besonders unfallträchtige Orte aufzuspüren und dort anzusetzen. Gleichzeitig müssen wir uns klarmachen, dass der Besitz eines Autos an Bedeutung verliert. Den Menschen reicht es, sich ein Fahrzeug mit anderen teilen zu können und ansonsten den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Außerdem sollten neue Transportsysteme barrierefrei sein. Eine Behinderung ist häufig der Grund dafür, dass jemand keines der vorhandenen Transportmittel nutzen und deshalb auch keiner produktiven Arbeit mehr nachgehen kann. Diese Barrieren kann man mithilfe von entsprechenden Investitionen abbauen und so dafür sorgen, dass Menschen mit Einschränkungen mobil sind und am Leben teilhaben können.

COMPASS: Sind solche umfassenden Maßnahmen in urbane Zentren armer Länder überhaupt finanzierbar?

ARDILA GOMEZ: Schon günstige und kreative Lösungen können die Verkehrssicherheit deutlich erhöhen. Eine Maßnahme ist die gezielte Lenkung der verschiedenen Verkehrsströme, insbesondere an Kreuzungen. Hier nutzen Fußgänger, Autos, Busse, Taxis, Fahrräder jeweils den ihnen zugewiesenen Raum. Dadurch sinkt die Gefahr beim Überqueren der Kreuzung. Häufig denken Laien, dass man nur mit Milliardenprojekten Resultate erzielt, aber das stimmt nicht.

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