Unsere Welt verändert sich – und wir verändern den Verkehr

Mary Crass über Trends im Verkehrswesen im Interview mit PTV Compass Blog. Bildquelle: International Transport Forum

Mary Crass über Trends im Verkehrswesen im Interview mit PTV Compass Blog.
Bildquelle: International Transport Forum

Einmal im Jahr findet in Leipzig das International Transport Forum (ITF), der Gipfel der Verkehrsminister statt. Mary Crass, Head of Policy and Summit Preparation, über das Treffen und die Herausforderungen, die eine “Welt im Wandel” für das Verkehrswesen birgt.

Compass: Das International Transport Forum ist eine überstaatliche Organisation innerhalb der OECD. Wer beteiligt sich an dieser Kommunikationsplattform?

Crass: Derzeit sind 54 Länder weltweit Mitglied des ITFs. Die einzelnen Länder werden dort von den zuständigen Ministerien für Verkehr vertreten. Die Arbeit des ITFs beruht auf evidenzbasierter Forschung und der Erhebung statistischer Daten. Häufig arbeiten wir mit weltweit führenden Verkehrsexperten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammen.

Compass: Warum ist es so wichtig, eine solche Konferenz abzuhalten?

Crass: Der jährliche Gipfel des ITF bringt die einflussreichsten Entscheidungsträger des globalen Verkehrs zusammen. Dazu gehören die Verkehrsminister der Mitgliedsstaaten, Führungskräfte aus der Wirtschaft, angesehene Forscher sowie Abgeordnete und Parlamentarier. Die Konferenz will eine Plattform schaffen, auf der sich all diese Akteure zu verkehrspolitischen Fragen austauschen können. Der Gipfel bietet damit Vertretern aller Verkehrszweige die Gelegenheit, ihre Ideen und Erfahrungen zu diskutieren. Wir wollen erreichen, dass durch diese Veranstaltung die Verkehrspolitik auf der ganzen Welt verbessert wird.

Compass: Der diesjährige Gipfel hat sich mit dem Thema „Transport for a Changing World“ befasst. Was war die Idee dahinter?

Crass: Wir leben in Zeiten eines tiefgreifenden Wandels. In vielen Bereichen der globalen Wirtschaft und Gesellschaft erleben wir rasante Veränderungen. Daher haben wir beim diesjährigen Gipfel wirtschaftliche und gesellschaftliche Megatrends in den Mittelpunkt gestellt, die das 21. Jahrhundert prägen: die massive Urbanisierung, die alternde Bevölkerung sowie der rasante technologische Fortschritt. Während des Gipfels haben die Minister und die Führungskräfte aus dem Verkehrssektor diese Trends im Detail erörtert und die Auswirkungen auf ihre jeweiligen Länder und Verkehrssysteme aufgezeigt.
Compass: Welche Auswirkungen haben diese Trends auf das Verkehrswesen?

Crass: Durch die Urbanisierung werden bis 2050 fast drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten leben. Das hat zur Folge, dass die Verkehrspolitik verstärkt umweltfreundliche Verkehrsträger sowie gemeinschaftliche Verbrauchsmodelle wie beispielsweise Car-Sharing fördern muss. In vielen Teilen der Welt werden die Menschen außerdem immer älter. Die Verkehrspolitik muss dringend sicherstellen, dass Verkehrssysteme auf alle Nutzer zugeschnitten sind – egal ob sie gesund, behindert, jung oder alt sind und unabhängig davon, ob sie in städtischen, vorstädtischen oder ländlichen Gebieten leben. Die eigentliche Herausforderung ist, herauszufinden, wie wir Verkehr ökologisch nachhaltig gestalten und soziale Inklusion ermöglichen können. Außerdem müssen wir verstehen, dass das Verkehrswesen selbst ein Motor für Veränderung ist. Innovationen eröffnen neue Perspektiven, zum Beispiel im Bereich intelligente Verkehrssysteme oder bei Informations- und Kommunikationssystemen.

Compass: Wie kann jeder Einzelne von uns dazu beitragen, dass unsere Verkehrssysteme nachhaltiger werden?

Crass: Jeder von uns spielt eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines nachhaltigen Verkehrssystems. Unser Lebensstil entwickelt sich immer weiter: Wir haben ein höheres Einkommen, leichteren Zugang zu Informationen, sind zunehmend mobil und besser gebildet. Dank innovativer Produkte können wir unser Leben individuell gestalten. Der sinnvollste Beitrag ist somit, sich die eigenen Entscheidungen im Hinblick auf Verkehr und Transport bewusst zu machen: Fahre ich heute mit dem Auto zur Arbeit oder nutze ich öffentliche Verkehrsmittel? Könnte ich eine Echtzeit-Verkehrs-App benutzen, um die effizienteste Strecke zu meinem Ziel zu planen?

Compass: Inwiefern beeinflussen wir dadurch das Verkehrswesen?

Crass: Ein bewussteres und umweltfreundlicheres Verhalten des Einzelnen wird Einfluss auf die Verkehrstrends haben. Dank des technologischen Fortschritts und anhand verbesserter Analysewerkzeuge können Mobilitätsmuster immer genauer untersucht werden. So können Entscheidungsträger im Verkehrssektor nicht nur auf diese Entwicklungen reagieren – sie können auch flexiblere, besser zugänglichere und nachhaltigere Verkehrsstrategien entwickeln, die in einer Welt, in der Veränderung sowohl unvermeidlich als auch immer gegenwärtig ist, effektiv umgesetzt werden können.

Mary Crass hat in den USA internationale Beziehungen studiert und war anschließend als Beraterin unter anderem für die Europäische Kommission und die Vereinten Nationen zu Umwelt- und Verkehrsfragen tätig. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie für die OECD in Paris. Als Head of Policy and Summit Preparation ist sie hier für den jährlichen Gipfel der Verkehrsminister, dem International Transport Forum, verantwortlich. Zu ihren Fachgebieten gehören nachhaltiger Stadtverkehr, Verkehrskonzepte für mobilitätseingeschränkte Personen sowie die soziale Eingliederung im Verkehrswesen.

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