Weltweite Bemühungen zur Rettung von Menschenleben im Straßenverkehr: CityFix Brasil im Interview mit Paulo Humanes

CityFix Brasil im Interview mit Paulo Humanes

CityFix Brasil im Interview mit Paulo Humanes: 1,2 Mio. Menschen verlieren jedes Jahr ihr Leben auf der Straße. (Foto: Hr. Hayata)

Einige Menschen setzen sich dafür ein, das Leben vieler anderer zu retten. So auch Paulo Humanes, Director Strategic Business Development & Corporate Marketing bei der PTV Group. Er arbeitet daran, Verkehrsprojekte in der ganzen Welt sicherer und effizienter zu gestalten. Der gebürtige Portugiese leitete bereits über 100 Verkehrssicherheitsaudits in verschiedenen Teilen der Welt und ist derzeit für die Durchführung strategischer Projekte bei Organisationen wie der Weltbank, der afrikanischen Entwicklungsbank und den Vereinten Nationen verantwortlich.

Vom 6. bis zum 10. Oktober haben EMBARQ, die PTV Group und die Universität Newcastle in Rio de Janeiro, Brasilien, Workshops zum Thema Verkehrssicherheit durchgeführt. Paulo Humanes gehörte zum Dozentenkreis, der mit Fachleuten der Companhia de Engenharia de Tráfego aus Rio und São Paulo, Professoren der wichtigsten Universitäten des Landes sowie internationalen Experten des EMBARQ-Netzwerks erfolgreiche Vorgehensweisen zur Senkung der Unfallquoten im brasilianischen Verkehr diskutierten. In Brasilien sterben 44.800 Menschen pro Jahr auf der Straße.

TheCityFix Brasil sprach mit Paulo Humanes, um zu verstehen, wie trotz der Herausforderungen Verbesserungen herbeigeführt werden können. Schließlich darf keine Anstrengungen zu groß sein, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht.

TheCityFix Brasil: Derzeit gibt es pro Jahr 1,24 Millionen Verkehrstote weltweit. Wie können wir diese Zahl so schnell wie möglich senken?

Paulo Humanes: Diese Zahl ist sehr hoch und es ist nicht leicht, sie zu senken. Daher müssen wir der hohen Unfallquote auf verschiedenen Wegen begegnen. Wenn man das Problem mit anderen globalen Problemen – wie aktuell der Ebolaepidemie – vergleicht, kann man feststellen, dass gegen diese viel getan wird. Die Verkehrssicherheit hingegen scheint nicht beachtet zu werden. Das Problem wird nicht ausreichend aufgegriffen, dabei sollte es auf verschiedenen Ebenen, lokal bis global, angegangen werden. Im Rahmen der Decade of Action for Road Safety 2011-2020 der UNO gibt es viele Aktionen und diese müssen fortgesetzt werden. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, angefangen bei den lokalen Behörden bis hin zu den Ministern und Staatsoberhäuptern. Wenn wir etwas erreichen möchten, müssen wir uns auf weltweiter Ebene einsetzen. Dies ist der einzige Weg.

TheCityFix Brasil: Welche guten Beispiele gibt es, die dazu beitragen, die Zahl der Unfallopfer heutzutage zu senken?

Paulo Humanes: Der größte Erfolg ist, wenn wir es schaffen, die Menschen dazu zu bringen, statt des Autos nachhaltige Verkehrsmittel zu nutzen. Dies erfordert keine strukturellen oder physischen Veränderungen und bringt enorme Erfolge. Jemand, der die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, verursacht weniger Probleme im Hinblick auf das Unfallrisiko.
Kopenhagen ist ein gutes Beispiel. Dort konnte die Unfallquote durch verschiedene Maßnahmen drastisch gesenkt werden. Auch in London konnten große Erfolge verzeichnet werden. Dort nutzen die Menschen seit Einführung der Stadtmaut das Fahrrad als Verkehrsmittel – und das nicht aufgrund sportlicher Anreize. Der Erfolg basierte auf zwei Komponenten: der Durchführung der Maßnahmen sowie der Änderung der Kultur und Mentalität. Nämlich die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und die Stadt als Erweiterung der Gesellschaft zu sehen, die den Menschen zur Verfügung steht. Auf diese Weise haben sie es geschafft.

TheCityFix Brasil: Welche Rolle spielen die öffentlichen Maßnahmen in diesem Prozess?

Paulo Humanes: Die öffentlichen Maßnahmen sind sehr wichtig, da sie die Fortsetzung der Projekte sicherstellen und daran gezeigt werden kann, dass die Sicherheit auf den Straßen mit verschiedenen Faktoren in Zusammenhang steht. Manchmal fällt es den Menschen schwer zu verstehen, dass ihre Mobilitätserfordernisse unter anderem mit der Sicherheit auf den Straßen korrelieren. Derzeit konzentrieren wir uns beispielsweise stark auf die Stadtlogistik: Wir sagen den Menschen, dass sie nicht zum Supermarkt fahren müssen, sondern die Einkäufe nach Hause gebracht werden können. Auf diese Weise wird ein weiteres Fahrzeug oder eine weitere Fahrt in der Stadt eingespart. In vielen Fällen sind es genau diese Fahrzeuge, die in Unfälle verwickelt sind, durch die Menschen sterben.

TheCityFix Brasil: Sie haben über 100 Verkehrssicherheitsaudits in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt geleitet. Welche Bedeutung haben diese?

Paulo Humanes: Bei der Durchführung eines Verkehrssicherheitsaudits geht es darum, sicherzustellen, dass wir von den Menschen, die das Projekt durchführen, lernen und diese gleichzeitig schulen. Dabei wird aus dem Prozess auf gewisse Weise eine Lektion für die Planer und gleichzeitig auch für die Straßenverkehrsteilnehmer. Es geht dabei darum, das Risiko zu beschreiben und es zu senken. Mögliche Vorfälle, die zu Katastrophen führen können, versuchen wir dabei zu minimieren.

TheCityFix Brasil: Welche großen Herausforderungen haben Sie in Brasilien festgestellt und welche wirkungsvollen Maßnahmen sollten eingeleitet werden?

Paulo Humanes: Gewöhnlich ist es nicht die Geschwindigkeit, die Menschenleben fordert – es ist der Geschwindigkeitsunterschied. Wenn ein Auto mit einem Fahrrad bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h kollidiert, geht die Wahrscheinlichkeit, dass der Fahrradfahrer überlebt, nahezu gegen Null. Leider ist das die Realität in Brasilien. In den meisten Ländern liegt die zulässige Höchstgeschwindigkeit bei 50 km/h. Bei dieser Geschwindigkeit wird die Wahrscheinlichkeit der Todesfolge bei Kollisionen auf 50 % gesenkt. Mit zunehmender Geschwindigkeit steigt die Todeswahrscheinlichkeit exponentiell – ab 70 km/h liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit bei nur 5 %. Aus diesem Grund gibt es in Europa und in den Vereinigten Staaten große Bemühungen zur Senkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf 50 km/h und sogar zu einer weiteren Senkung. In Deutschland liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung in innerstädtischen Wohngebieten zum Teil bei 10 km/h.

TheCityFix Brasil: In diesem Sinne ist eine Kontrolle grundlegend?

Paulo Humanes: Ja, die ist wichtig, aber wir müssen Straßen schaffen, die sich quasi „selbst regulieren “, auf denen keine permanente Kontrollen erforderlich sind. Dem Fahrer ist dort aufgrund der besonderen Planungsweise klar, dass er sich einer anderen Umgebung befindet und sich deshalb anders verhalten muss. Natürlich bieten Autobahnen ein hohes Sicherheitsniveau. Es wird zwar schnell gefahren, aber es gibt keine Konflikte mit Fußgängern und Fahrradfahrern. Darin besteht der Unterschied.
Wenn wir hier in den brasilianischen Stadtzentren Gleichberechtigung anstreben, müssen wir alle Verkehrsmittel berücksichtigen – nicht nur die Autos. Das Auto hat hier den Status des Königs der Straßen und das ist falsch. Der Raum muss gleichberechtigt genutzt werden, schließlich sind wir auf einem Teil unseres Weges auch alle einmal Fußgänger. Dies ist bisher noch das größte Problem, das ich bisher in Brasilien feststellen konnte.

TheCityFix Brasil: Sind Treffen und technische Schulungen wie die, die das EMBARQ-Netz durchgeführt hat, der Schlüssel für eine Veränderung und die Schaffung von Gleichberechtigung im städtischen Raum?

Paulo Humanes: Diese Treffen haben eine große Bedeutung, da wir Maßnahmen auf allen Ebenen benötigen. In dieser Woche sind Menschen aus der ganzen Welt zusammengekommen, die zur Entwicklung neuer Ideen Gedanken und Unterschiede austauschen und Gemeinsamkeiten feststellen konnten. Gemeinsam mit allen Anwesenden – Akademikern, Fachleuten und Experten – haben wir versucht, eine gemeinsame Verständigungsgrundlage zu schaffen, auf dessen Grundlage wir neue Maßnahmen entwickeln und diese koordinieren können. Ziel war es, dafür zu sorgen, dass sie von allen verstanden werden.

>> Zur Originalversion des Artikels in portugiesischer Sprache: “Entrevista: um esforço global para salvar vidas no trânsito”

Über den Autor:

Maria_Fernanda_CavalcantiMaria Fernanda Cavalcanti hat die Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (UFRGS) absolviert und gehört zum Kommunikationsteam von EMBARQ Brasil an. Als Redakteurin für TheCityFix Brasil schreibt sie, seit der Gründung des Blogs im Jahr 2011, über inspirierende Ideen und nachhaltige städtische Mobilitätsprojekte.

Mit ihrer Leidenschaft für das Reisen, berichtet sie über die wichtigsten Brachnenmessen in Brasilien und wie auch über internationale Projekte zum Thema städtische Mobilität in Kolumbien, Mexiko und den Vereinigten Staaten.

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