Big Data = Big Value?

Michael Schade im Interview: „Alles, was zur Demokratisierung der Daten beiträgt, und was den Menschen ermöglicht, schneller und einfacher auf Daten zuzugreifen und diese selbst zu analysieren, ist eine gute Sache."

Michael Schade im Interview: „Alles, was zur Demokratisierung der Daten beiträgt, und was den Menschen ermöglicht, schneller und einfacher auf Daten zuzugreifen und diese selbst zu analysieren, ist eine gute Sache.“ Foto: Ted Eytan

Zunehmend entstehen verkehrlich relevante Daten. Echtzeitdaten ergänzen historische Daten und bieten völlig neue Auswertungs- und Analysemöglichkeiten. Wie Big Data im Verkehrswesen von praktischem Nutzen sein kann, erläutert Michael Schade, Datenanalyst bei Mobility Lab in Greater Washington, USA.

COMPASS: Was machen Sie mit (Big) Data?

SCHADE: Ich arbeite für Mobility Lab, eine Forschungsgruppe, die versucht, den Menschen eine größere Auswahl an Verkehrsmitteloptionen aufzuzeigen. Beliebte Datensätze stammen beispielsweise von Capital Bikeshare (CaBi), einem Bikesharing-Anbieter in Washington, der alle drei Monate neue Daten zu sämtlichen Fahrten über diesen Zeitraum hinweg bereitstellt. So werden Millionen von Fahrten erfasst und jeder einzelne Datensatz steht den Anwendern zur Verfügung.

COMPASS: Wie wurden die Daten gesammelt und was kann man mit ihnen machen?

SCHADE: Der CaBi-Anbieter sammelt die Daten und fügt sie alle drei Monate der Online-Bibliothek hinzu. Man kann die Daten einfach von der Webseite downloaden und gleich verwenden. Dazu habe ich eine Gruppe namens Transportation Techies ins Leben gerufen. Wir treffen uns regelmäßig und laden Leute aus der Community zu unseren „CaBi Hack Nights“ ein, damit sie uns zeigen, was sie mit den Daten gemacht haben. Das macht sehr viel Spaß, denn hier treffen unterschiedlichste Personengruppen aufeinander – von professionellen Programmierern, Experten, die für Verkehrs- oder Planungsbehörden arbeiten, bis hin zu Mitgliedern von Fahrradarbeitsgruppen oder Leuten, die einfach nur neugierig sind.

COMPASS: Welche fahrradbezogenen Daten werden gespeichert?

SCHADE: Ganz einfach: Quell-Ziel-Informationen. Jede Station verfügt über einen Rechner, der die Aktivitäten protokolliert, also wann das Fahrrad aus der Station genommen und wieder angeschlossen wird.

COMPASS: Wie verwenden Sie diese Daten?

SCHADE: Zuerst einmal schauen wir, an welchen Stellen das Netz am meisten beansprucht wird. Veränderungen im Verkehr ergeben sich meist durch eine Veränderung im jeweiligen Gebiet. Wenn beispielsweise ein Bezirk wächst, so nimmt auch die Fahrradnutzung zu. Es ist interessant zu sehen, dass die Fahrradnutzung eine Art Marker für andere Daten ist.

COMPASS: Jeder kann die Daten nutzen, teilen und mit anderen Informationen ergänzen?

SCHADE: Es gibt keinerlei Beschränkungen, es sind absolut offene Daten.

COMPASS: Welche anderen Organisationen haben Interesse an diesen Daten?

SCHADE: Die Verkehrsbehörden zeigen sehr starkes Interesse. Denn es ist ihre Aufgabe zu prüfen, wo wir unsere nächste Station einrichten können. Und sie müssen planen, wie sie ihr Netz gestalten und kontrollieren können. Das Schöne daran: Wenn Sie die Daten der Öffentlichkeit zugänglich machen, kann sie Ihnen bei der Analyse dieser Daten behilflich sein

COMPASS: Verwenden Sie auch ÖV-Informationen?

SCHADE: Ja, wir greifen auch auf Daten des U-Bahn-Netzes zurück. Die Daten, die die U-Bahn-Betreiber anbieten, verfügen über eine API-Schnittstelle, die uns Zugang zu ihren geplanten Informationen sowie Informationen in Echtzeit ermöglicht. Auch erhalten wir gelegentlich historische Informationen in Form von Statistiken. Im Februar haben wir eine sogenannte „Metro-Hack-Night“ veranstaltet. Hacking ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass wir die Leute darin bestärken, kleine kreative Projekte mit den U-Bahn-Daten zu entwickeln. Wir hatten beispielsweise jemanden, der nur Grafiken erstellt hat, Aktivitätsdiagramme für jede einzelne Station. Dies hat sich zu einem sehr großen Projekt mit mehr als 90 U-Bahn-Stationen entwickelt.

Danach kommt die Analyse: Sobald man auf eine ungewöhnliche Veränderung stößt, schaut man sich diese ganz genau an. Warum gibt es hier um fünf Uhr morgens Aktivitäten? Und Sie stellen fest, dass es da ein großes Rennen gab. Deshalb kam jeder, der zu diesem Rennen wollte, zu dieser Station. So verbindet das Projekt unser Leben in der Gemeinschaft und unser Verkehrsnetz unterstützt uns dabei.

COMPASS: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Fahrrad- und U-Bahn-Daten?

SCHADE: Wir versuchen, zwei Stationen zu vergleichen, eine in der Nähe der U-Bahn-Station und eine, die weiter entfernt liegt. Dann schauen wir uns die Verhaltensmuster der Verkehrsteilnehmer an, um herauszufinden, ob sie das System verwenden, um beim Pendeln beide Angebote miteinander zu verbinden. Wir nennen dies das „Last Mile“-Problem. Wie kommen die Verkehrsteilnehmer von ihrer Haustür zur U-Bahn-Station? Die Muster lassen darauf schließen, dass sie mehrere Systeme verwenden.

metrotraffic

COMPASS: Erwarten Sie, dass die Informationen mit Daten zu anderen Verkehrsmitteln verbunden werden?

SCHADE: Wir laden alle dazu ein, sich die Daten anzuschauen, die für sie von Interesse sind. Deshalb veranstalten wir auch Fahrrad-Hack-Nights, bei denen die Leute ihre GPS-Daten sammeln und visualisieren. Anschließend diskutieren wir, wie man sie auf der Karte abbilden kann und wie man Gruppenfahrten anzeigen kann, wenn Wettbewerbe durchgeführt werden. Ich fände es prima, wenn Verkehrsteilnehmer verschiedene Verkehrsmittel kombinieren würden und auch weiterverfolgen, wie diese sich wechselseitig beeinflussen.

COMPASS: Teilen Sie Ihre Erfahrungen auf internationaler Ebene mit anderen Regionen?

SCHADE: In unserer Gruppe versuchen wir, ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dabei bauen wir zurzeit noch unsere Mitgliedschaft in Washington und Umgebung aus. Vor ein paar Monaten hatten wir einen ersten ausländischen Teilnehmer aus England.

COMPASS: Worin liegt Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung in Bezug auf große Datenmengen?

SCHADE: Die große Herausforderung besteht darin, die Verkehrsunternehmen mit ins Boot zu holen – mit wirklich offenen Daten, die geteilt werden können.

MICHAEL SCHADE hat Informatik mit dem Schwerpunkt Verkehrssysteme studiert. Er ist bei Mobility Lab als Berater tätig sowie als Programmierer bei einem Start-up-Unternehmen namens Transitscreen. Sein Motto: „Alles, was zur Demokratisierung der Daten beiträgt, und was den Menschen ermöglicht, schneller und einfacher auf Daten zuzugreifen und diese selbst zu analysieren, ist eine gute Sache. Die Daten sollten nicht nur den Planungsbehörden oder den Verkehrsunternehmen gehören, sie sollten allen gehören. Es sind unsere Daten.“

DER FAHRRADVERLEIHSERVICE „CAPITAL BIKESHARE“ rund um Washington ist einzigartig und investiert seit 2008 kontinuierlich in den Ausbau seiner Stationen und Services. Er wird in vier Regionen (Washington, Arlington, Alexandria, Montgomery County) betrieben. Die Nutzer schätzen das übergreifende Angebot. 2014 wurde er zum größten Bikeshare-Anbieter der USA und hat die Stadt New York auf Rang 2 verwiesen.

[ratings]