Die Rolle des Wirtschaftsverkehrs

PTV Compass fragt nach zum Thema Wirtschaftsverkehr und nachhaltige Verkehrskonzepte. Foto: iStock/Roberto A. Sanchez

PTV Compass fragt nach zum Thema Wirtschaftsverkehr und nachhaltige Verkehrskonzepte. Foto: iStock/Roberto A. Sanchez

Eine erfolgreiche Stadt sollte beides vereinen: logistische Notwendigkeiten leisten und zugleich ein attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten sein. Doch diese Anforderungen unter einen Hut zu bekommen, ist nicht so einfach. Zu lange wurde die Rolle des Wirtschaftsverkehrs übersehen. Nachhaltige Verkehrskonzepte konzentrierten sich sehr einseitig auf den Umweltverbund und Verbesserungen im Personenverkehr.

Das Schöne an städtischen Ballungszentren ist, dass sie Menschen zusammenbringen, sie nah an ihren Arbeitsplatz, nah an den Ort des Konsums bringen und so den Handel miteinander ermöglichen“, sagt Philippe Crist, Senior Economist Administrator bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Um das Angenehme des städtischen Lebens herauszukehren, ist eine funktionierende Ver- und Entsorgung wichtig. „Wirtschaftsverkehr ist also essentiell, um den städtischen Lifestyle zu erhalten und hat ganz klar ökonomische und soziale Auswirkungen in diesem Zusammenhang“, sagt Gabriela Barrera, Deputy Director bei Polis, einem Netzwerk europäischer Städte und Regionen, die gemeinsam innovative Technologien und Richtlinien für den lokalen Nahverkehr entwickeln. „Denn alle Güter und Dienstleistungen, vom Pausenbrot für die Schüler bis hin zu Apothekenbelieferungen oder Paketzustellungen, werden über den Wirtschaftsverkehr bereitgestellt.“

Schon heute dienen mehr als ein Drittel aller Fahrten nicht privaten, sondern dienstlichen Zwecken. Experten schätzen, dass Trends wie demografischer Wandel, Hauszustellungen und E-Commerce die Nachfrage an urbanem Wirtschaftsverkehr noch weiter steigern werden. Eine Nachfrage, der die Städte gerecht werden müssen.

Im Spannungsfeld der Interessen

Die Kommunen sind es, die die Rahmenbedingungen des städtischen Wirtschaftsverkehrs im Zuge von Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung schaffen. Doch agieren sie zwangsläufig im Spannungsfeld öffentlicher und wirtschaftlicher Interessen: Auf der einen Seite sollen sie die Verlagerung zu nachhaltigen Verkehrsmitteln fördern, die Straßen sicherer machen und Luft- und Lärmemissionen reduzieren. Auf der anderen Seite erwartet die industrielle Klientel ideale Rahmenbedingungen für eine gute Erreichbarkeit, Liefertreue sowie niedrige Transportkosten. Hinzu kommt, dass Wirtschaftsverkehr nicht wirklich im Planungsfokus steht.

„Wirtschaftsverkehr wurde lange Zeit im Rahmen der Verkehrspolitik nicht als Priorität betrachtet“, sagt Gabriela Barrera. Während lediglich ein paar Vorreiter ihr Augenmerk auf den geschäftlich motivierten Verkehr legten, fokussierte sich das Gros auf die Etablierung nachhaltiger Verkehre, baute dafür ÖV-Netze aus oder optimierte die Infrastruktur für Fußgänger und Fahrradfahrer.

Dieser Blickwinkel hat sich verändert. Zu drückend sind die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen, die der Wirtschaftsverkehr mit sich bringt, als dass man sie weiterhin ignorieren könnte. Studien gehen davon aus, dass er rund 25 Prozent der CO2-Emissionen sowie andere Schadstoffe, darunter Feinstaub und Stickoxide, verursacht.

CO2 sorgt für Diskussionsstoff

Die hohe Umweltbelastung war schließlich auch ausschlaggebend dafür, dass die Europäische Kommission von den Interessenvertretern 2010 erstmals eine klare Empfehlung für den Umgang mit Wirtschaftsverkehr einforderte. In ihrem White Paper „Roadmap to a Single European Transport Area – Towards a competitive and resource efficient transport system“ gibt sie das Ziel aus, die Treibhausgase im Logistiksektor um 20 Prozent unter das Niveau von 2008 zu senken; als Teil der weltweiten Klimaschutzziele bis 2050.

„Allein die Tatsache, dass es in der Europapolitik verankert wurde, hat viel bewegt“, berichtet Gabriela Barrera. „Viele Städte haben daraufhin den Dialog mit den Interessenvertretern vor Ort gesucht und angefangen, sich mit dem Sektor auseinanderzusetzen.“ Wahrscheinlich auch, weil auf nationaler Ebene mehr passiert. „Viele Mitgliedsstaaten der OECD haben sich verkehrspolitische Ziele gesetzt und, insbesondere in Europa, mit CO2-Bestrebungen verknüpft“, erklärt Philippe Crist.

Doch ist das wirklich die beste Strategie? Schließlich gibt es so viele Faktoren, die es einzubeziehen lohnt. Dazu zählen beispielweise Verkehrssicherheit und Lärmemissionen. „Das Beste aus seinem Mobilitätssystem herauszuholen, ist kein umweltpolitisches, sondern ein allgemeinpolitisches Ziel“, sagt Philippe Crist. „Städte sollten mit dem Thema kreativ umgehen und sich fragen: Was ist der kosteneffektivste, umwelt- und sozialverträglichste Weg, Güter und Menschen in der Stadt zu bewegen? Es gibt so viele Möglichkeiten in der Raumplanung, im Reorganisieren des Tagesgeschehens einer Stadt oder in der Nutzung der verschiedenen Verkehrsmodi.“

Dialog ist der erste Schritt, um die individuelle Lösung zu finden. Wer Wirtschaftsverkehr in das Gesamtkonzept integrieren möchte, muss ihn kontinuierlich mit den Interessenvertretern führen.

PTV Visum 15 mit neuem Nachfragemodell

Um städtischen Wirtschaftsverkehr adäquat modellieren zu können, hat die PTV Group die strategische Verkehrsplanungssoftware PTV Visum um das Modul „Wirtschaftsverkehr“ erweitert. Mit PTV Visum 15 steht damit ein neues Nachfragemodell zur Verfügung, das speziell auf die logistischen Anforderungen zugeschnitten ist und mit dem Anwender relevante Logistikkonzepte in ihr strategisches Verkehrsmodell integrieren können. Dabei können sie nach verschiedenen Branchen und je nach Branche auch nach verschiedenen Fahrzeugtypen wie Lkw, Pkw oder Motorroller unterscheiden. So können sie gezielt die Wirtschaftsverkehre von beispielsweise Einzelhandel, Handwerk oder Pflegebranche betrachten und das jeweilige Quell-Zielaufkommen adäquat modellieren.

Das neue Modul beruht auf dem in der Logistik etablierten Savings-Algorithmus, bei dem mögliche Kosteneinsparungen durch Tourenbildung und Reihenfolgenoptimierung innerhalb der Touren bewertet werden. In PTV Visum sorgt der Savings-Algorithmus dafür, dass die in der Erzeugung und Verteilung generierten Auftragsmatrizen in Fahrtenmatrizen umgerechnet werden, die neben ein- und ausgehenden Fahrten auch Verbindungsfahrten berücksichtigen. Die Fahrtengenerierung lässt sich über zwei Größen für verschiedene Logistikkonzepte individuell steuern: über die mittlere Anzahl an Fahrten einer Tour sowie die Effizienz der Tour.