Zuverlässigkeit im Verkehr

Was Zuverlässigkeit im Verkehr bedeutet, untersucht Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, gemeinsam mit weiteren Experten für die World Road Association. Foto: iStock/itsskin

Was Zuverlässigkeit im Verkehr bedeutet, untersucht Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, gemeinsam mit weiteren Experten für die World Road Association. Foto: iStock/itsskin

Zuverlässigkeit im Verkehr gehört zu den Themen, mit denen sich eines der Komitees der World Road Association (WRA) vier Jahre lang intensiv beschäftigen wird. Aber was bedeutet Zuverlässigkeit im Verkehr eigentlich und: bedeutet sie überall das Gleiche? Wir haben unseren Experten Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, befragt, der im Februar 2016 in das Komitee Road Transport System Economics and Social Development berufen wurde.

Compass: Die WRA ist eine Organisation, die von den Regierungen der Mitgliedsländer getragen wird und sich in internationaler Zusammenarbeit für alle Belange des Straßenwesens engagiert. Jeweils vier Jahre lang bearbeiten Expertenteams in Komitees verschiedene Themenfelder. Christoph, du wurdest auf Vorschlag des deutschen Verkehrsministeriums von der WRA in eines ihrer Komitees berufen. Kannst du deine Arbeit dort für uns beschreiben, insbesondere in Bezug auf das Thema Zuverlässigkeit?

Christoph Walther: Das oben genannte Komitee, das sich aus etwa 20 Mitgliedern zusammensetzt, befasst sich zum einen mit dem Thema Zuverlässigkeit und zum anderen mit Ex-post-Analysen. Bei den Ex-post-Analysen geht es darum zu prüfen, welche Veränderungen sich nach der Realisierung eines Projekts im betrachteten Straßennetz ergeben haben und ob diese auch mit dem Projekt so intendiert waren. Also etwa, ob sich Reisezeiten verkürzt haben, wie sich die Lärmbelästigung innerorts entwickelt oder wie sich das Projekt auf die Verkehrssicherheit ausgewirkt hat. Und das für Projekte auf der ganzen Welt. In manchen Ländern sind Ex-post-Analysen gesetzlich vorgeschrieben, bei uns in Deutschland allerdings nicht.

Ebenfalls hochinteressant ist das Thema Zuverlässigkeit von Verkehrssystem, weil Zuverlässigkeit zwar in aller Munde, aber gar nicht einfach zu definieren ist, weil sie die Infrastruktur ebenso wie den Verkehrsfluss betrifft und nicht zuletzt, weil dabei Unterschiede ebenso zwischen Industrie- und sich entwickelnden Ländern wie zwischen verschiedenen Klimazonen herauszuarbeiten sind.

Zuverlässiger Verkehr lässt sich, vereinfacht gesagt, daran messen, wie stark die reale Fahrzeit von der erwarteten abweicht. Das ist ein Thema, das nicht nur für uns als Privat- oder Dienstreisende interessant ist, sondern auch für die Transportbranche, wo Zeit wirklich bares Geld ist. Zuverlässigkeit betrifft daher eine Vielfalt an Bereichen und findet sich auch bei ganz neuen Themen wie Autonomem Fahren und Urban Logistics wieder. Und das überall auf der Welt – mit jeweils lokalen Akzenten.

Prof. Dr. Christoph Walther verstärkt das Thema Transport Economics bei der World Road Association für den Zyklus 2016 bis 2019.

Prof. Dr. Christoph Walther verstärkt das Thema Transport Economics bei der World Road Association für den Zyklus 2016 bis 2019.

Compass: Bei Abweichungen denkt man ja zunächst an Staus.

Christoph Walther: Das ist ein gern und oft genanntes Beispiel – aber eigentlich für Unzuverlässigkeit. Wobei der morgendliche Stau, in dem Berufspendler regelmäßig stehen, genau genommen zuverlässig ist. Aber es gibt natürlich auch Verfrühungen im Kontext der Unzuverlässigkeit, wobei wir diese bei Privatreisen als weniger unangenehm empfinden als Verspätungen.

Compass: Und wie kann man Zuverlässigkeit exakter erfassen und bewerten?

Christoph Walther: Es gibt im Großen und Ganzen drei Ansätze, um Zuverlässigkeit  im Verkehrssektor zu quantifizieren: Die Standardabweichung der Reisezeitverteilung, Häufigkeit und Ausmaß der Abweichung von vereinbarten Ankunftszeiten in fahrplangebundenen Systemen und schließlich Pufferzeiten, um Verspätungen zu vermeiden. Die Transportzeit wird durch Puffer zwar länger, aber sicherer.

Compass: Ich nehme an, bei der Bewertung der Zuverlässigkeit wird zwischen Personen- und Güterverkehr unterschieden?

Christoph Walther: Richtig. Dabei lassen sich auch sehr unterschiedliche Anforderungen feststellen. Im Personenverkehr ist die Reisezeit die entscheidende Größe, die unmittelbar die Ankunftszeit bestimmt. Im Güterverkehr ist die rechtzeitige Ankunft an der Rampe des Zielunternehmens entscheidend. Es ist also nicht unbedingt relevant, ob der eigentliche Transport schnell oder langsam vor sich geht. „Just in time“ ist immer bezogen auf die Ankunft zu verstehen. Extreme Beispiele gibt es in der Chemieindustrie, wenn beim Transport mit der Bahn diese über mehrere Tage als rollendes Lager benutzt wird, um teure Zwischenlagerungen beim Produzenten oder Empfänger zu vermeiden.

Compass: Ist diese Definition oder Art der Erfassung und Bewertung international übertragbar?

Christoph Walther: Diese sehr allgemeinen Ansätze können in einer weltweiten Diskussion nur als Ausgangspunkt dienen. Streuungen der Reisezeiten, die in Europa zur Überplanung von Touren führen würden, werden in Ländern mit sehr langen und unsicheren Transportrouten keinerlei Bedeutung haben. Wir werden im Rahmen der Arbeiten der WRA im nächsten Zyklus auch einen internationalen Workshop organisieren, um die verschiedenen Aspekte von Zuverlässigkeit in unterschiedlichen wirtschaftlichen, klimatischen und kulturellen Umgebungen herauszuarbeiten und in Bewertungsverfhren für Infrastrukturprojekte zu integrieren.