Nachgefragt: Logistik in der Stadt (Teil 1)

Urban logistics

Logistik im urbanen Raum – ein weltweites Trendthema (Foto: iStock Alija 87363503)

Den Einzelhandel mit Ware versorgen, Pakete zustellen und Abfall entsorgen – Urban Logistics ist essentiell für das Funktionieren einer Stadt und das Wohlergehen ihrer Bewohner. Im Interview mit dem Magazin Zoom! erläutert Matthias Hormuth, Solution Director Logistics Concepts bei der PTV Group, die neuesten  Trends und Herausforderungen.

Zoom!: Herr Hormuth, lassen Sie uns doch bitte damit beginnen, den Begriff »Urban Logistics« zu definieren.

Matthias Hormuth: Früher sprach man vorzugsweise von »City Logistics« oder dem Begriff »Letzte Meile«, heute hat sich eher Urban Logistics – ob in deutscher oder englischer Schreibweise – oder »Urban Freight Transport« durchgesetzt (wobei ich erst gestern »Metropolitan Logistics« gelesen habe, nur ein anderer Begriff für das gleiche Thema). Das hat auch mit der Entwicklung zu tun, da City Logistics zumindest in Deutschland ein verbranntes Thema ist.

Zoom!: Inwiefern?

Matthias Hormuth: Vor ca. 15 Jahren hat sich City Logistics als ein Kooperationsmodell entwickelt mit der Idee, am Rande der Stadt Güterverkehrszentren einzurichten als zentrale Warenlager. Über kooperative Modelle zwischen Logistikdienstleistern wurde versucht, den Verkehr in der Stadt zu reduzieren. Diese Konzepte haben in der Regel nur solange gehalten, wie es Unterstützung aus den Forschungsprojekten gab, in der täglichen Praxis haben sie sich nicht als sehr effizient erwiesen.

Zoom!: Wie sehen die neuen Konzepte aus?

(Foto: iStock AleksandarNakic 64873291)

Matthias Hormuth: Ich will zunächst einmal definieren, wie wir Urban Logistics sehen: Im engen Sinn ist es der Transport von Gütern innerhalb von Städten und in die Stadt hinein und heraus. Wir sprechen aber gerne von »Wirtschaftsverkehr« als Sammelbegriff, damit adressieren wir alles, was nicht dem privaten Zweck der Mobilität dient. Der Warenverkehr ist ein Teilbereich davon, aber auch die Entsorgungslogistik, also der Abtransport von Müll und Verpackungen, oder jeder Verkehr im Zusammenhang mit Dienstleistungen wie Servicetechniker oder Außendienstmitarbeiter – alles trägt zur Gesamtbelastung der Städte bei. Und sollte daher auch in die Betrachtung von Urban Logistics mit einfließen.

Zoom!: Also ein übergreifender Ansatz …

Matthias Hormuth: Urban Logistics ist ein interdisziplinäres Thema, da verschiedene Aspekte zusammenkommen. Fangen wir mit den urbanen Fragestellungen an – dem verkehrlichen, stadtplanerischen, eher öffentlichen Aspekt. Hier können die Städte eingreifen und tun es auch teilweise schon, denken Sie an Einfahrverbote für Lkw in bestimmten Bereichen, eine Regulierung durch zeitliche Befristung von Lieferverkehr oder den Schutz von historischen Stadtbereichen. Das kann aus Umweltaspekten – Vermeidung von Schadstoff- oder Lärmemissionen – oder auch unter touristischen Gesichtspunkten geschehen. Aber immer haben wir das Zusammenspiel der öffentlichen Hand, die die Interessen der Bürger vertritt (die wiederum selbst im Interessenkonflikt stehen, da sie nicht belästigt werden wollen, ihre Ware aber erhalten wollen), der Logistikdienstleister, die Ware zu transportieren haben, und den Vertretern aus Handel, Hotellerie, Gaststätten oder Baugewerbe, die als Auftraggeber des eigentlichen Transportes ihre Ware am richtigen Ort und zur richtigen Zeit haben möchten.

Zoom!: Und die Logistikbranche steht mitten drin.

Matthias Hormuth: In erster Linie interessiert den Logistikdienstleister die ökonomisch-effiziente Abwicklung des Transportes. Aber die aktuelle Entwicklung des Aufkommens führt zu Problemstellungen, denen sich auch die Branche in Zukunft vermehrt stellen muss. Beispiel Verkehr: Früher war das Versprechen einer Anlieferung am Vormittag meist einzuhalten, heute klappt das oftmals nicht mehr, da die Stauhäufigkeit zugenommen hat. Auch die Erwartungshaltung der Kunden hat sich geändert, die Anlieferung in einem Zeitfenster von einer Stunde wird inzwischen als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Prognostizierbarkeit des Verkehrs und der Auswirkung von Störungen hat damit plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Zoom!: Und das hat Auswirkungen auf die Arbeit mit Ihren Kunden?

Matthias Hormuth: Hier kommt uns unsere lange Historie an Erfahrung zu diesem Thema zugute. Die Sparte Verkehrsplanung beschäftigt sich intensiv eben mit dem Thema Verkehrssteuerung und auch –prognostizierbarkeit, um die Auswirkungen steigender Belastungen abbilden zu können und daraus Szenarien und Modelle abzuleiten. Auf der anderen Seite haben wir die Logistik, die mehr aus dem operativen Umfeld kommt und Themen wie Filialbelieferungen für einen Lebensmitteleinzelhändler oder die Endkundenbelieferung im Rahmen von Paketzustellungen mit unserer Planungssoftware unterstützen.

Zoom!: Und Standortplanung …

Matthias Hormuth: … spielt natürlich auch mit rein. Aber ich hätte erwartet, dass Sie einen anderen Aspekt mit ins Spiel bringen, für den Sie stehen: Daten. Standortdaten, Verbraucherdaten, Verkehrsdaten, Marktdaten – die Verfügbarkeit einer Fülle unterschiedlichster Daten wird immer wichtiger, um den Herausforderungen zu begegnen. Wie werden Elektrofahrzeuge für einen optimalen Einsatz richtig navigiert, was bringen Vorzugsnetze für bestimmte Fahrzeugtypen, wie kann ich Tourenplanung, Routenoptimierung oder Navigationslösungen speziell im städtischen Kontext am besten einsetzen – Daten sind quasi der »Treibstoff « für viele Fragestellungen.

Zoom!: Welche Herausforderungen sehen Sie im Bereich der Urban Logistik und welche Ursachen verbergen sich dahinter?

Matthias Hormuth: Gerade in den letzten wenigen Monaten hat der Markt das Thema Urban Logistics enorm gepusht. Die Tatsache, dass der Güterverkehr in den Städten zunimmt, ist ein Faktum. Und der Grund liegt nicht zuletzt in der Zunahme des E-Commerce- und Lieferservices.

Zoom!: Haben Sie Zahlen dazu?

iStock_000020820420_medium

(Foto: iStock Franz Wilhelm Franzelin 20820420)

Matthias Hormuth: Kurierdienstleister reden von jährlichen Wachstumsraten im zweistelligen Bereich, ein Plus von mehr als 10 Prozent jedes Jahr, und das nicht erst seit 2015. Nicht nur in Deutschland, weltweit »explodiert« gerade der Markt der Paketdienstleistung im Zusammenhang mit E-Commerce und den daraus resultierenden Paketlieferungen. Das heißt: Immer mehr kleinere Fahrzeuge sind in den Städten unterwegs und immer häufiger, da Kunden nicht immer anzutreffen sind und zwei- bis dreimal angefahren werden müssen. Wenn Sie nachdenken, dann werden Sie meine Aussage allein aus dem Gefühl heraus bestätigen können – und dann geht es Ihnen wie den Städten auch: »Wir wissen gar nicht genau, was da gerade passiert, aber es passiert viel.«

Zoom!: Und das erzeugt ein großes Unbehagen?

Matthias Hormuth: Das ist der Anlass, wie ich glaube, warum das Thema wieder so stark ins Gespräch gekommen ist. Dazu kommt noch, dass viele andere Entwicklungen in das Geschehen mit eingreifen: Amazon steigt in den Güterverkehr mit ein; gleichzeitig habe ich heute morgen einen Artikel darüber gelesen, dass das Unternehmen auch in San Francisco in das Home-Delivery-Geschäft in der Gastronomiesparte einsteigt – und das, obwohl es auch viele kleinere und innovative Betriebe gibt –; Uber, bekannt für seine Personentransporte, beginnt weltweit in einigen Städten mit dem Güterverkehr. Alles auch im Zusammenhang mit dem Trend des »Same Day Delivery« zu sehen.

Zoom!: Wie ist das mit Lieferungen am gleichen Tag?

Matthias Hormuth: Wenn Kunden Ware bestellen und diese innerhalb von z. B. vier Stunden zu Hause in Empfang nehmen möchten, kommen logistische Herausforderungen auf die Unternehmen zu: Wie ist das zu organisieren, zu optimieren, wie kann sichergestellt werden, dass der Kunde anwesend ist, um die Ware in Empfang zu nehmen? Wird sie ins Büro geliefert, am Abend nach Hause, oder gibt es Alternativen.

Zoom!: Packstationen zum Beispiel.

Matthias Hormuth: Genau. In Nürnberg gibt es Projekte, die über Kooperationen einen vergleichbaren Service aufbauen wollen. Und auch das sind wieder planerische Herausforderungen: Wo werden diese Paketboxen am besten platziert? Sofort ist man im Bereich der Standortoptimierung und Tourenplanung.

Zoom!: Gab es nicht noch die Idee, den Kofferraum seines Autos dafür zu nutzen?

Matthias Hormuth: Interessanterweise wird dies im Bereich der Service-Techniker schon seit Jahren praktiziert, um die Ersatzteillieferung zu optimieren. Ob sich das im privaten Sektor durchsetzt … obwohl sich gerade aktuell Jürgen Gerdes von der Deutschen Post sehr optimistisch gibt, dass junge Empfänger in Städten bald schon den Kofferraum ihres Autos als Briefkasten nutzen. Aber Sie sehen insgesamt, dass sehr viel in Bewegung ist, und die Tatsache, dass wir von PTV schon sehr viel aus der Erfahrung der Vergangenheit und der aktuellen Produkte und Projekte wissen, ist mehr als Motivation, Urban Logistics erheblich stärker zu fokussieren.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews.

 

Das Interview führte die DDS Digital Data Services GmbH. Die Tochterfirma der PTV Group ist der führende Spezialist für Daten und Inhalte und veröffentlicht drei Mal jährlich das Magazin für moderne Geodaten-Anwendungen Zoom!.


Foto Matthias HormuthDipl.-Wirtschaftsingenieur Matthias Hormuth ist seit 21 Jahren in verschiedenen leitenden Positionen bei der PTV Group, dem Karlsruher Software- und Beratungshaus im Bereich Transport und Verkehr. Als Solution Director Logistics Concepts verantwortet er seit vier Jahren die Umsetzung von innovativen Lösungen und Konzepten für kundenindividuelle Fragestellungen, innovative Prototypen und Ansätze im Rahmen nationaler und internationaler Forschungsprojekte. Er ist Mitglied im BVL, vertritt die PTV Group in mehreren Arbeitskreisen des BITKOM und ist im Verkehrsausschuss der IHK Karlsruhe.

This post is also available in: Englisch