Nachgefragt: Logistik in der Stadt (Teil 2)

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Urbane Logistik – Versorgung der Stadtbevölkerung mit Nahrung, Waren und Dienstleistungen (Foto: Nabek)

Den Einzelhandel mit Ware versorgen, Pakete zustellen und Abfall entsorgen – Urban Logistics ist essentiell für das Funktionieren einer Stadt. Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews mit Matthias Hormuth und erfahren Sie mehr über die aktuellen Forschungsthemen und Zukunftstrends.

 

 

Zoom!: Könnten Sie das Zusammenspiel von Stadt und Logistik näher erläutern?

Matthias Hormuth: Ich glaube, das Zusammenspiel muss sich jetzt erst richtig entwickeln. Denn zunächst einmal hängen die spezifischen Aufgaben und Herausforderungen für die Logistik in der Stadt sehr von den einzelnen Branchen ab. Ein typischer E-Commerce-Paketdienstleister hat andere Voraussetzungen und damit auch andere Anforderungen als eine Spedition mit klassischen Lkw, die gerade Waren für eine Baustelle anliefert. Die wiederum hat anderen Bedarf andere und Randbedingungen als ein Entsorgungs-Lkw für Hausmüll. Im Prinzip bewegen alle Güter in der Stadt und unterliegen den gleichen städtischen Randbedingungen, im Detail ist es aber schon unterschiedlich.

Zoom!: Können Sie dazu ein paar Beispiele nennen?

Matthias Hormuth: Zunächst natürlich das schon angesprochene Thema der Paketdienstleister: Was bedeutet es für den Verkehr, wenn Lieferfahrzeuge vielleicht in der zweiten oder dritten Reihe parken? Welche Sicherheitsaspekte sind zu beachten? Oder die Filiallogistik: Zeitmanagement bei der Belieferung von Filialen in Innenstadtlagen – wann komme ich, wie ist die Standzeit, wie die Parksituation? Das Thema der Ersatzteilversorgung z. B. im Automobilsegment ist ein großes Thema: Schaffe ich es, bis Mittag das Ersatzteil zu liefern, damit das morgens angelieferte Auto rechtzeitig fertig wird?

Zoom!: Das illustriert aus eigener Anschauung sehr gut das Spannungsfeld, in dem sich der Bürger bewegt: Wie selbstverständlich erwarte ich die schnelle Reparatur meines Wagens, begreife aber nicht so einfach die Zusammenhänge zwischen Anspruch und z. B. Verkehrsbelastung.

Matthias Hormuth: Genau. Anlieferung und Mitnahme von Miettextilien, Entsorgung von Hausmüll, Versorgung von Baustellen und Baumärkten, Hotels, Restaurants, Catering … weitere Sparten, die alle zu den wesentlichen Akteuren innerhalb der städtischen Logistik gehören. Und deren Funktionieren als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Zoom!: Wie Sie schon sagten, ist das Thema Urban Logistics gerade in jüngster Zeit in den Vordergrund gerückt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Branche nicht längst reagiert hat.

(Foto: TNT Benelux)

Matthias Hormuth: Das stimmt, diejenigen, die in der Stadt unterwegs sind – ganz vorne dran die Kurier- Express-Dienstleister –, haben das Thema schon seit einigen Jahren im Fokus und tragen mit dazu bei, dass es zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Wir haben mit dem Anstieg der Paketdienstleistungen auch vermehrt Anfragen aus der Branche erhalten. Mit TNT in Benelux und anderen europäischen Firmen haben wir Lösungen entwickelt, die sowohl im strategisch-taktischen Sinne (Wie schneide ich meine Gebiete intelligenter?) als auch im operativen Geschäft (Wie funktioniert die Auslieferung? Was ist daran zu verbessern?) die Prozesse optimieren halfen.

Zoom!: Bevor wir abschließend noch einen Blick in die Zukunft wagen, lassen Sie uns noch auf das Thema Forschung eingehen. Wie ich gelesen habe, ist PTV da sehr aktiv.

Matthias Hormuth: Forschung ist der ideale Platz, um dem notwendigen interdisziplinären Ansatz von Urban Logistics gerecht zu werden. Seit Langem schon beteiligen wir uns an Forschungsprojekten in Deutschland wie auf internationaler europäischer Ebene. Ob als Leitung von Expertenrunden oder als fachlich Beteiligte in verschiedenen Projekten – das Wissen darum, welche Ideen gerade diskutiert werden, welche Lösungen und neue Ansätze es gibt oder mit welchen Auswirkungen zu rechnen ist, hilft uns sehr, immer den Pulsschlag der Entwicklung zu spüren.

Zoom!: Können Sie ein paar interessante Projekte nennen?

(Foto: Fotolia_57185897)

Matthias Hormuth: CityLog war ein EU-Forschungsprojekt mit dem Ziel, über IT-gestützte Planung, innovative Lieferkonzepte über schadstoffund lärmoptimierte Nutzfahrzeuge sowie neuartige Ladeeinheiten die Effizienz und Nachhaltigkeit des städtischen Lieferverkehrs zu steigern. Oder SmartFusion: Konzeption und softwareseitige Unterstützung einer intelligenten Motorsteuerung für Hybrid- Lkw, die in sensiblen Bereichen automatisch auf Elektro-Antrieb umstellt. Das hilft, das Reichweiten-Thema zu steuern – über eine Optimierung zwischen Nutzlast, Zuladung, Volumina und Verbrauch an Batterieplatz.

Zoom!: Apropos innovative Lieferkonzepte: Als Bub habe ich in Hamburg mit einem Lastenfahrrad die Waren eines kleinen Einzelhandels ausgefahren…

Matthias Hormuth: (lacht) … aus heutiger Sicht sehr innovativ! Aber Sie haben natürlich recht, die alternativen Lieferkonzepte beschränken sich nicht auf motorgetriebene Fahrzeuge, in Städten ist das Fahrrad dabei, sich als schnelles und auch – in seiner Ausführung als Lastenfahrrad – leistungsfähiges Verkehrsmittel einen festen Platz zu erobern. Im letzten Forschungsprojekt »LaMiLo« (Last Mile Logistics) wurden in verschiedenen Städten unterschiedliche Konzepte erprobt, die Auslieferung von Waren zu bündeln. In Paris z. B. wurden die Waren aus Mikrokonsolidierungszentren heraus mit Elektrolastenrädern verteilt. Und in London sorgte die Konsolidierung dafür, dass der Lieferverkehr zu öffentlichen Einrichtungen um 40 Prozent sank.

Zoom!: Der weltweite Trend geht nach Schätzungen dahin, dass bis zum Jahr 2050 66 Prozent aller Menschen in Städten leben. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für Urban Logistics, für Deutschland?

Matthias Hormuth: Ich bin überzeugt, der Güterverkehr in den Städten wird noch mehr ein Zukunftsthema werden – auch wenn es manche Städte jetzt noch nicht betrifft. Die Warensendungen werden immer kleinteiliger: Solange ich als Premiumkunde keine Versandkosten bezahlen muss, bestelle ich immer mehr einzelne Kleinstpakete – warum sollte ich Bestellungen zusammenfassen? Aber auch im Handel ist es so: Die Fläche der Shops wird kleiner, Lagerflächen entfallen, Saisonzyklen werden immer kürzer, Ware wird zwischen Shops ausgetauscht, kurz: Schon zurzeit ist extrem viel in Bewegung, und ich sehe keinen Grund, warum das abnehmen sollte.

Zoom!: Der Lieferverkehr wird zunehmen – das betrifft sicher auch den Dienstleistungssektor.

Matthias Hormuth: Richtig. Die Jugend, die mit Smartphone groß geworden ist, wird noch viel selbstverständlicher Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die mit mehr Verkehr verbunden sind. Deswegen ist es jetzt an der Zeit, dass sich die unterschiedlichen Akteure zusammensetzen, sich austauschen und nach Lösungen suchen. Kooperationsansätze in der Logistikbranche, entlang der Lieferkette – und auch mit der öffentlichen Seite: Ein Lieferfenster von nur einer Stunde führt zu mehr Stau, dreimal eine Stunde entzerrt den Verkehr – und das Gespräch mit Verladern, Empfängern und Logistikdienstleistern hilft zu klären, welche Zeiträume denn zu echten Entlastungen führen.

Zoom!: Bleibt zum Schluss noch ein Blick weiter in die Zukunft – wenn das Thema autonomes Fahren den Kinderschuhen entwachsen ist, wird das nicht zu einer spürbaren Entlastung des Verkehrs führen?

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(Foto: iStock Iumoan 9726244)

Matthias Hormuth: Auch da sind wir stark involviert. Wenn das Teilen der Fahrzeuge mal kommt, das eigene private Auto an Notwendigkeit verliert, wird die Anzahl der Fahrzeuge spürbar abnehmen. Aber es wird nach aktueller Einschätzung zu keiner echten Reduktion des Verkehrs kommen, die Fahrzeuge sind ja immer unterwegs zu einem anderen Einsatzort. Der große Vorteil wird in der Freigabe von öffentlichem Raum liegen, der Parkplatzraum wird in dem Umfang nicht mehr benötigt.

Zoom!: Und vielleicht werden dann auch autonome Fahrzeuge Güter transportieren.

Matthias Hormuth: Möglich. Aber die nächsten zehn Jahre werden sicher noch relativ normal ablaufen, und wie es dann weitergeht – da bin ich selbst sehr gespannt!

Zoom!: Wir auch, Herr Hormuth! Und damit herzlichen Dank für das Gespräch!

Teil 1 des Interviews finden Sie hier.

Das Interview führte die DDS Digital Data Services GmbH. Die Tochterfirma der PTV Group ist der führende Spezialist für Daten und Inhalte und veröffentlicht drei Mal jährlich das Magazin für moderne Geodaten-Anwendungen „Zoom!“.


Foto Matthias HormuthDipl.-Wirtschaftsingenieur Matthias Hormuth ist seit 21 Jahren in verschiedenen leitenden Positionen bei der PTV Group, dem Karlsruher Software- und Beratungshaus im Bereich Transport und Verkehr. Als Solution Director Logistics Concepts verantwortet er seit vier Jahren die Umsetzung von innovativen Lösungen und Konzepten für kundenindividuelle Fragestellungen, innovative Prototypen und Ansätze im Rahmen nationaler und internationaler Forschungsprojekte. Er ist Mitglied im BVL, vertritt die PTV Group in mehreren Arbeitskreisen des BITKOM und ist im Verkehrsausschuss der IHK Karlsruhe.

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