Urban Logistics: Interview mit Jacques Leonardi

Dr. Jacques Leonardi, Senior Research Fellow – Freight an der University of Westminster, London, über die Anfänge der Urban Logistics und aktuelle Entwicklungen.

Beim Transport von Gütern im städtischen Raum und dem Zusammenspiel mit der Infrastruktur und anderen Verkehrsteilnehmern gilt es, logistische und wirtschaftliche mit verkehrspolitischen und städtischen Interessen in Einklang bringen. Im Interview erzählt Dr. Jacques Leonardi, Senior Research Fellow – Freight an der University of Westminster, London, von den Anfängen der Urban Logistics und aktuellen Entwicklungen.

Compass: Worin sehen Sie den Unterschied zwischen der Situation der „City Logistik“ vor 15 Jahren und heute?

Jacques Leonardi: Den Hauptunterschied sehe ich darin, dass die Städte und Kommunen heute enger mit Industrie und Handel in verschiedenen Initiativen zusammenarbeiten. Die Aktionen beschränken sich nicht mehr allein auf Konsolidierungszentren und effiziente Logistik, sondern involvieren auch Schiene und Frachtschifffahrt, saubere Fahrzeuge, Qualitäts- und Sicherheitsaspekte sowie IT-Planungssysteme für Touren, um Staus zu reduzieren.

Compass: Warum ist Urban Logistics so wichtig für die Stadt und ihre Verwaltung?

Jacques Leonardi: Weil viele Aktionen auch vielfältige Vorteile für den öffentlichen Sektor und den Handel bringen; das hat man inzwischen auch dort erkannt.

Compass: Welche Städte sind am meisten betroffen, die, in denen der Druck an Problemen am höchsten ist?

Jacques Leonardi: Betroffen von Staus und Luftverschmutzung sind vor allem historische Städte und touristische Stadtzentren. Betroffen von mangelndem Interesse und Ineffizienz sind vor allem kleine Städte sowie die städtischen Regionen und die Vorstädte der großen Metropolen.

Compass: Warum sollten Logistikdienstleister und andere Transportunternehmen sich mehr mit dem Thema Urban Logistics befassen?

Jacques Leonardi: 40 % der gefahrenen Kilometer, 50 % der Kosten und 60 % der CO2-Emissionen entfallen auf die Städte. Diese Zahlen stammen von GEODIS, einem französischen Logistikdienstleister, der mit dem Schienenbetreiber SNCF zusammenarbeitet. Von Seiten des Gesetzgebers sind entsprechend mehr Auflagen zu erwarten, das macht geeignete Lösungen ratsam.

Compass: Was halten Sie für den wichtigsten Einfluss auf Urban Logistics und was könnte der wichtigste Einfluss in naher Zukunft werden?

Jacques Leonardi: E-Commerce und Hauszustellung haben Urban Logistics sehr stark beeinflusst. Andere Trends wie zunehmende Luftverschmutzung und Stau, enge Lieferzeitfenster, Zugangsbeschränkungen und weitere Restriktionen sind ebenfalls entscheidend. Der Zusammenschluss von TNT und FedEx sowie der generelle Trend in der Logistik, mit engen Margen arbeiten zu müssen, sind weitere Faktoren, deren Folgen in ihrer Tragweite erkannt werden müssen. Es gibt zahlreiche innovative Ansätze, nach denen man Ausschau halten sollte, um so mehr über effiziente Managementmethoden und neue Technologien zu erfahren, die man im eigenen Unternehmen einführen könnte.

Compass: Gibt es gute Beispiele für erfolgreiche Urban Logistics-Lösungen?

Jacques Leonardi: Ja, beispielsweise BESTFACT. In diesem Projekt wurden 44 praktikable Lösungen erarbeitet, die insbesondere zu einer nachhaltigen Logistik beitragen. Aber es gibt auch viele weitere Projekte, die aktuelle Lösungen aufzeigen, einschließlich der Analyse von Erfolgsfaktoren, Kosten und Nutzen sowie Hürden bei der Umsetzung.

Compass: Wie funktionieren diese Projekte? Und vor allem: Wie schaffen sie es, über die Pilot- oder Projektphase hinauszuwachsen?

Jacques Leonardi: Jede Lösung ist einzigartig. Wie auch Start-Up-Unternehmen, haben alle Lösungen jedoch eins gemeinsam: Sie basieren auf hervorragender Zusammenarbeit und hoher Verfügbarkeit von Daten – die besten Voraussetzungen, um erfolgreich durchzustarten und sich ohne größere Schwierigkeiten langfristig zu entwickeln. So startete Gnewt Cargo beispielsweise ohne Subventionen oder Bankdarlehen. Nach Inbetriebnahme in der Innenstadt Londons war das Unternehmen innerhalb von drei Monaten schuldenfrei, da es auf ein solides Geschäftsmodell aufbauen und von Beginn an auf einen zuverlässigen Hauptkunden zählen konnte.

Compass: Was halten Sie von Kooperationsmodellen (horizontal oder vertikal) zwischen unterschiedlichen Unternehmen, die dieselbe Stadt mit Dienstleistungen versorgen?

Jacques Leonardi: Vertikale Kooperationen kommen sehr häufig vor: Jeder große Paket- oder Palettentransportdienstleister benötigt mehrere Subunternehmer. Zwischen sehr großen Unternehmen ist eine horizontale Kooperation fast nicht möglich und bei mittelgroßen Unternehmen gestaltet sie sich sehr schwierig. Dabei ist es üblich, dass einzelne, unabhängige Fahrer auf informeller Basis zusammenarbeiten.

Compass: Wer müsste die Initiative ergreifen, um die Situation hinsichtlich des Güterverkehrs in den Städten zu verbessern, die Gemeinden, die Logistikanbieter oder eher Industrie und Einzelhandel?

Jacques Leonardi: Sie alle müssten aktiv werden. Zum einen jeder für sich und zum anderen alle Akteure gemeinsam, denn sie alle würden von Initiativen profitieren, die der Stadt zu Gute kommen – ob als Einzelaktion oder im Zusammenschluss. In Großstädten und Ballungszentren sollten alle Beteiligten zusammenarbeiten und sich zumindest mehrmals im Jahr treffen, um die Probleme gemeinsam anzugehen und neue Lösungen zu testen.

Compass: In der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche Forschungsprojekte und Initiativen, die sich mit dem Thema Urban Logistics befasst haben. Wie können Wirtschaftsunternehmen von den Ergebnissen lernen und profitieren?

Jacques Leonardi: Mein Rat an die Führungskräfte: Einfach loslegen und neue Lösungen einführen! Lernen Sie von den bereits vorhandenen Anwendungsbeispielen und überlegen Sie, welche Lösungen für Ihr Unternehmen sinnvoll wären. Und führen Sie dann erste Tests in kleinem Umfang durch. Nach Auswertung der Testdaten (Vergleich von Kosten und Nutzen eines typischen Geschäftsszenarios mit/ohne der Lösung) können Sie sich für oder gegen die Implementierung des Konzepts entscheiden.

Compass: Was würden Sie Unternehmen, die ihre Prozesse für den städtischen Güterverkehr optimieren möchten, als nächsten Schritt empfehlen?

Jacques Leonardi: Es gibt eine BESTFACT-Liste, die rund 12 unterschiedliche Lösungen aufführt, die für den städtischen Güterverkehr äußerst gewinnbringend sind. Zu besonders bewährten Konzepten gehören u. a. die Urban Consolidation Centres (UCCs), Verteilzentren, von denen die Ware in Kleintransportern zugestellt wird, umweltfreundliche Fahrzeuge, Kooperationen, IT für optimiertes Routing, Navigation und Transportmanagement, Transport per Bahn und Schiff. Es lohnt sich wirklich, sich diese Beispiele aus BESTFACT näher anzusehen.

Compass: Welche Rolle spielen hier (Echtzeit-)Daten?

Jacques Leonardi: Echtzeitdaten sind in der Tat der Schlüssel zum Erfolg, wenn es darum geht, die Aufträge in besonderen Marktsegmenten zu bearbeiten, wie beispielsweise Paket-Zustellungen am nächsten oder gleichen Tag oder die Abholung für vernetzte Organisationen. Dabei spielen die Echtzeitdaten zum Lieferstatus eine größere Rolle als die zum Fahrzeug.

Compass: Welche wichtigen Anforderungen müsste eine Software zur Unterstützung des städtischen Güterverkehrs erfüllen?

Jacques Leonardi: Eine große Herausforderung stellt nach wie vor die Anpassung der Routen- und Transportplanung an das tatsächliche Verhalten der Fahrer dar, zumal die Lieferungen im E-Commerce mit einer hohen Anzahl an Zustellungen und Stopps pro Tag einhergehen.

LeonardiDr. Jacques Leonardi ist seit 2007 als Wissenschaftler am Institut für Planung und Verkehr an der Universität Westminster tätig. Sein Forschungsteam beschäftigt sich intensiv mit den Themen Güterverkehr, Logistik und Supply Chains. Besondere Schwerpunkte liegen auf Transportabläufen, Energienutzung und Aspekten der Nachhaltigkeit.
Zurzeit arbeitet er am europäischen Projekt Citylab. Zu den kürzlich abgeschlossenen Projekten gehören Smartfusion, BESTFACT und SUGAR.