Autonome Fahrzeuge = höhere Verkehrssicherheit?

Autonome Fahrzeuge werden unsere Städte verändern (© Chesky_W)

Im Juni 2016 gab Tesla Motors den ersten tödlichen Unfall in Verbindung mit einem selbstfahrenden Auto bekannt. Ein Vorfall, glaubt man denn den Medien, der Tesla Kunden dazu bringen wird, ihr Vertrauen in autonome Fahrzeuge noch einmal zu überdenken. Dies hielt Teslas CEO Elon Musk jedoch nicht davon ab, seinen „Master Plan, Part Deux“ zu veröffentlichen, in dem er unter anderem die Erweiterung des Produktsortiments auf alle wichtigen Sparten, darunter auch Busse und LKWs, ankündigt. Zusätzlich dazu plant er eine „Tesla Shared Fleet“ – eine Flotte aus selbstfahrenden Taxis, die Kunden per App zu sich rufen können. Der Zeithorizont für seinen Masterplan? Lediglich zwei bis drei Jahre. Sollte Musk seine Ideen erfolgreich umsetzen können, so wird das massive Auswirkungen auf den Verkehr, die Infrastruktur und die Verkehrssicherheit haben – ganz besonders im urbanen Raum.

Welche Auswirkungen hat das auf Städte?

Teslas ambitionierter Plan kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Technologie der autonomen Fahrzeuge noch in den Kinderschuhen steckt. Zum jetzigen Zeitpunkt sollte der Fahrer deshalb noch immer dazu verpflichtet sein, im Ernstfall die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen. Nichtsdestotrotz hat die Technologie definitiv das Potential, die Straßen für alle Verkehrsteilnehmer sicherer zu machen. Werfen wir dazu doch einmal einen Blick auf die Zahlen. Der erste tödliche Unfall mit einem vom Autopiloten gesteuerten autonomen Fahrzeug ereignete sich nach 130 Millionen Meilen. Nach Angaben der National Highway Safety Administration kommt es in den USA mit einem herkömmlichen Fahrzeug statistisch gesehen jedoch alle 100 Millionen Meilen zu einem tödlichen Unfall. Weltweit ist dies sogar alle 60 Millionen Meilen der Fall. 3.561 Personen sterben täglich in Folge eines Autounfalls. Das entspricht der Anzahl der Passagiere von 1,3 Kreuzfahrschiffen oder 6,8 voll besetzten Airbus A380.

Städte sind besonders betroffen: 70% der Verkehrsunfälle ereignen sich im urbanen Raum. Sollten Städte autonome Fahrzeuge deshalb mit offenen Armen empfangen? Könnte das die Anzahl der Verkehrstoten reduzieren? Und wie müsste eine Stadt aussehen, die selbstfahrenden Autos den roten Teppich ausrollt? Die PTV Group beschäftigt sich seit langem mit diesen Fragen. So entwickeln wir zum Beispiel Simulationen, mit deren Hilfe die Automobilhersteller und –zulieferer ihre Sensoren und Algorithmen in einer virtuellen Umgebung und unter realistischen Bedingungen testen können. In enger Zusammenarbeit mit Städten weltweit arbeiten wir zudem daran, die Auswirkungen autonomer Fahrzeugtechnik auf die Gemeinden zu simulieren und verstehen. Dieses Thema sollte auf der Agenda aller Verkehrsämter und –ministerien stehen, auch wenn es zurzeit noch schwierig ist, die genauen Folgen der Entwicklung vorherzusehen. Für viele ist noch nicht einmal klar, ob diese Entwicklung positiv oder negativ einzuschätzen ist.

Anpassungen der Infrastruktur

Häufig liegt der Fokus auf der Instandhaltung: Wie können wir sicherstellen, dass eine Straße für autonome Fahrzeuge geeignet ist? Sollte ein selbstfahrendes Auto aufgrund eines Schlaglochs einen Unfall verursachen, wäre dann die Behörde schuld und müsste dafür haften? Oder sollten die Fahrzeuge in der Lage sein, mit solchen Umständen zurecht zu kommen? Wir müssen uns dabei vor Augen führen, dass die Straßeninfrastruktur für Menschen gebaut wurde. Menschen haben Emotionen, Maschinen nicht. Sollten wir deshalb überdenken, wie wir Straßen bauen und das Design auf Maschinen und Sensoren ausrichten? Viele Experten sind dieser Meinung und versuchen die Entwicklung in diese Richtung zu lenken.

Ein solches Neudesign könnte viele Vorteile mit sich bringen. Man denke nur an all die neuen Möglichkeiten. Wir könnten zum Beispiel Kreuzungen schaffen, die einen reibungslosen und sicheren Fluss von Autos, Radfahrern und Fußgängern ermöglichen. Damit könnten Autofahrten in Zukunft möglicherweise ganz ohne Zwischenstopps und Halte auskommen. Dazu bräuchten wir jedoch nicht nur herkömmliche Geschwindigkeitsbegrenzungen, sondern auch Beschleunigungs- und Bremslimits.

Keine Unfälle mehr dank selbstfahrender Fahrzeuge? Vermutlich nicht!

Sicherheit hat oberste Priorität. Deshalb ist nachvollziehbar, dass viele Menschen vor der neuen Technologie zurück schrecken. Zumal es in den ersten Jahren oder Jahrzehnten eine nur schwer berechenbare Übergangsphase sowohl mit herkömmlichen als auch mit autonomen Fahrzeugen geben wird. Wird in dieser Phase Chaos herrschen? Höchstwahrscheinlich nicht. Aber sie wird neue Herausforderungen mit sich bringen. Wie sollen die besonders verwundbaren Verkehrsteilnehmer, wie Fußgänger und Radfahrer damit zurechtkommen? Viele Autohersteller arbeiten bereits an Lösungen, mit denen diese Personen über visuelles Feedback mit den Fahrzeugen kommunizieren können. So könnte ein Fahrzeug zum Beispiel ein hellgrünes Licht aussenden, um einem Fußgänger zu signalisieren, dass es ihn wahrgenommen hat.

Die PTV Group beschäftigt sich seit mittlerweile über 25 Jahren mit Verkehrssicherheit. So verwendet die deutsche Polizei seit 2002 die Software PTV Euska um rund 1,6 Millionen Unfälle jährlich zu registrieren. Und mit PTV Visum Safety geben wir Verkehrsplanern rund um den Globus ein Tool an die Hand, mit dem sie Unfalldaten analysieren und Sicherheitsaspekte in ihre strategischen Planungen einbeziehen können. Wir wissen, dass 90% der Unfälle durch menschliches Verhalten verursacht werden. Dabei ist jedoch häufig nicht das Fehlverhalten des Autofahrers unfallverursachend, sondern eine Unachtsamkeit eines Fußgängers oder Radfahrers. Damit ist klar, dass autonome Fahrzeuge nicht automatisch zu einer Reduzierung der Unfallzahlen auf Null führen würden. Nichtsdestotrotz werden sie uns diesem Ziel, der Vision Zero, signifikant näher bringen. Insbesondere wenn wir sie mit neuen Technologien, smarten Mobilitätslösungen und Apps kombinieren. Sicherere Straßen können nicht nur Leben retten. Sie sparen uns auch viel Geld. 1.436.600.000.000 $ – auf diese Summe belaufen sich die jährlichen Kosten, die im Jahr 2013 aufgrund von Verkehrsunfällen ausgegeben werden mussten. Eine Zahl, die so groß ist, dass man Probleme hat, sie laut vorzulesen.

Der Unfall mit dem Tesla Autopiloten ist sehr tragisch. Ich glaube jedoch, dass er dafür sorgen wird, dass die Technologie weiterentwickelt und verbessert wird. Das bedeutet auch, dass Städte keine Angst vor der autonomen Zukunft haben sollten. Selbstfahrende Fahrzeuge werden den urbanen Raum sicherer, umweltfreundlicher und lebenswerter machen, ohne dabei das Wirtschaftswachstum zu gefährden.

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