Wie bewertet man ein Verkehrsprojekt?

Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group

Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, über dynamische Aspekte bei der Projektbewertung und Investitionsplanung im Verkehrssektor.

Will man die Nutzen und Kosten eines Verkehrsprojektes bewerten, nutzt man häufig den Ansatz eines  komparativ-statistischen Bewertungsverfahrens. Dabei werden für den Bewertungszeitraum konstante jährliche Nutzen, aber Zinseffekte berücksichtigende jährliche Kosten (Annuitäten) verwendet. Im Interview erläutert Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, warum man diesen Ansatz dynamisieren sollte und was dabei zu berücksichtigen ist.

Compass: Die Lebensdauer besonders auch von Infrastrukturprojekten umfasst meist mehrere Jahrzehnte. Gerade für längere Projektzeiträume kann man sich gut vorstellen, dass verschiedene Faktoren, die sich möglicherweise im Laufe der Zeit verändern, einen Einfluss auf die Nutzen und vielleicht auch auf die Kosten eines Projekts haben werden. Wie kann man diese Effekte einfangen, wie sind die Bewertungsverfahren zu dynamisieren und was ist dabei zu berücksichtigen?

Christoph Walther: Bei der Dynamisierung des Bewertungsansatzes sind zwei Aspekte zu berücksichtigen: Zum einen, dass es sich bei den Nutzen und Kosten eines Projektes nicht um Beiträge handelt, die über die Zeit konstant bleiben. Es sind vielmehr Größen, die über die ganze Lebensdauer des Projektes anfallen, sich aber aufgrund von nicht-konstanten Randbedingungen, wie Demografie, Wirtschaft oder technischer Fortschritt, von Jahr zu Jahr ändern können.

Zum anderen betrifft die Dynamisierung die Realisierungsreihenfolge möglicher konkurrierender Projekte, ihrer Einflüsse aufeinander im Netzkontext und damit auch ihre Zusammenfassung zu Projektbündeln. Hierbei sieht man, dass sich manche Projekte in ihren Wirkungen verstärken, andere hingegen schlechter abschneiden, weil dritte Projekte bereits umgesetzt wurden.

Compass: Das klingt logisch und sinnvoll, aber wird durch die Dynamisierung die Bewertung nicht unheimlich komplex? Sprich: Ist eine solch umfangreiche Bewertung noch rentabel gemessen an ihrem Ziel und Aufwand?

Christoph Walther: Sicher bedeutet die geschilderte Dynamisierung eine deutliche Erhöhung des Planungs-, Modellierungs- und Bewertungsaufwands für Verkehrsprojekte. Verglichen mit den Projektvolumina in der Größenordnung von Millionen oder gar Milliarden (z. B. Stuttgart 21) sind diese Kosten aber immer noch minimal und ermöglichen zugleich vertiefte Einsichten in mögliche Auswirkungen der Projekte, beispielsweise auf Bevölkerung, Umwelt sowie Stadt- und Raumgestaltung.

Compass: Du hattest bereits auf der hEART2016 in Delft mit französischen Partnern von der Université Paris-Est, LVMT, und der Paris School of Economics – Ecole des Ponts ParisTech dazu einen Vortrag gehalten. Wie war das Feedback darauf vom Publikum, kam es noch zu Gesprächen darüber?

Christoph Walther: Die Diskussionen zu diesem Thema verlaufen meistens ähnlich. Die Notwenigkeit einer dynamischen Betrachtung wird nicht bestritten, der Aufwand dafür und damit die Umsetzung in der Planungspraxis eher kritisch gesehen. Am Vortag hatte ich schon ein Treffen mit europäischen Verkehrsökonomen zu aktuellen Trends auf diesem Gebiet. Auch hier haben wir diskutiert, wie man die Anwender schulen müsste, um solche Verfahren in die Planungspraxis zu bringen.

Compass: Das Thema scheint gerade hochaktuell zu sein, auch auf dem Straßen- und Verkehrskongress der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), der heute beginnt, wirst du darüber sprechen.

Christoph Walther: So ist es, mein Vortrag basiert auf einem  Dokument der FGSV mit dem Titel „Hinweise zu dynamischen Aspekten bei der Projektbewertung und Investitionsplanung im Verkehrssektor“. Es wurde über vier Jahre in einem Arbeitskreis der FGSV erarbeitet, den ich geleitet habe.

Compass: Warum ist das Thema gerade in den letzten Jahren wieder aktuell geworden?

Christoph Walther: Dafür gibt es verschiedene Gründe: Als ich mich vor vielen Jahren in meiner Dissertation mit diesem Thema beschäftigt habe, waren die Rechner noch nicht in der Lage, diese komplexen Probleme in einer auch nur annähernd akzeptablen Zeit zu lösen. Das gilt  heute natürlich nicht mehr so.

In Deutschland ist das Thema über die Erhaltungsplanung wieder aktuell geworden, die eine besondere Art der dynamischen Planung erfordert, da die Bewertungsgegenstände, Verkehrsbauwerke und ihre Schäden, sich dynamisch über die Zeit verändern. Letztlich werden heute in einem sehr dichten europäischen und gerade deutschen Verkehrsnetz gar nicht mehr so viele Neubauprojekte realisiert – und entsprechend intensiv ist die Befassung mit diesen eher wenigen Planungen.