Mobilität neu denken: Warum Städte auf disruptive Technologien setzen sollten

istock_000026693776Fahrzeuge, die unsere Straßen verstopfen, die Staus und Unfälle verursachen, dazu noch die Luft verschmutzen und den stark umkämpften urbanen Raum für sich einnehmen – ein allgegenwärtiges Phänomen in fast allen Städten der Welt. So versuchen immer mehr Kommunen und lokale Behörden dieser Entwicklung mit Durchfahrtsbeschränkungen und -verboten für den Autoverkehr im Stadtzentrum entgegenzuwirken. Doch die alleinige Bekämpfung der Symptome ist nicht zielführend. Auch der eigentlichen Ursache, die da heißt „konventionelle Nutzung konventioneller Fahrzeuge“, müssen wir entgegentreten. Hierzu benötigen wir disruptive Technologien im Bereich der Mobilität.

Lassen Sie uns einen Blick auf das Ende des 18. Jahrhunderts werfen.

Überall Pferde – die „große Pferdemist-Krise von 1894“.

Im 19. Jahrhundert waren Pferde für den täglichen Betrieb in den Städten unerlässlich. Über 11.000 Kutschen und mehrere von Pferden gezogene Busse tummelten sich damals auf Londons Straßen. Täglich transportierten insgesamt 50.000 Pferde Fahrgäste von A nach B.

Zugleich produzierten die fleißigen Vierbeiner große Mengen an Pferdedung. Zwischen 15 und 35 Pfund pro Tag und Tier verteilten sich auf den Straßen der Stadt und zogen zahlreiche Fliegen an. Auch andere Großstädte wie New York oder Paris sahen sich mit diesem Problem konfrontiert. Die rund 100.000 Pferde, die hier im Einsatz waren, produzierten Unmengen an Pferdedung.

So spitzte sich die Lage im Jahr 1894 zur bekannten „Großen Pferdemist-Krise von 1894” zu. Damals schrieb die Times: „In 50 Jahren wird jede Straße in London unter einer 3 Meter dicken Schicht Pferdemist begraben sein.“ Folglich waren Pferde und ihr Dung das Topthema auf der weltweit ersten internationalen Konferenz für Stadtplanung, die im Jahr 1898 in New York stattfand. Zur Lösung des Problems kam es jedoch nicht.

„Pferdemist war das Hauptthema bei der weltweit ersten internationalen Konferenz für Stadtplanung.“

Doch, wie heißt es so schön: Not macht erfinderisch. Und in diesem Fall war es die Erfindung des Automobils. Als Henry Ford das Leben der Menschen mit seiner Idee veränderte, durch Fließbandproduktion erschwingliche Autos auf den Markt zu bringen, war der Einsatz der Pferde nur noch eine Frage der Zeit. Bereits im Jahr 1912 hatte sich dieses scheinbar unüberwindliche Problem von selbst aufgelöst.

Eine Lösung für die „Autokrise 2016“?

Wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt: „Eine interessante Geschichte. Doch wie soll sie uns dabei helfen, unsere Städte vom Autoverkehr zu befreien?“ Die Pferdekrise wurde in der Tat eher zufällig gelöst, zumal die Entwicklung des Automobils nicht seitens der Politiker oder Städteplaner vorangetrieben wurde, sondern von privaten Unternehmen und Geschäftsleuten. Und doch trug sie dazu bei, die Mobilität auf radikalste Weise zu verändern und zu erneuern. Die Städte mussten sich entsprechend an die neuen Begebenheiten anpassen.

„Heute sind es Autos und nicht Pferde, die die Straßen unserer Städte verstopfen.“

Ganz ähnlich stellt sich derzeit die Situation in den Städten dar. Nur ist es heute der stetig ansteigende Autoverkehr, der zur Verstopfung unserer Straßen führt. Diesem Phänomen stehen städtische Behörden wiederholt hilflos gegenüber. Auch hier ringen sie um wirksame Lösungen. Und wie im 19. Jahrhundert sind es abermals private Geschäftsleute und -initiativen, die bestrebt sind, ganz neue Ansätze zum Thema Mobilität zu entwickeln.

Die Lösung für die „Pferdekrise“, die uns aktuell umtreibt, gibt es bereits und sie wird in naher Zukunft die Welt erobern. Doch im Gegensatz zur Erfindung des Automobils im 18. Jahrhundert, besteht die Lösung der Neuzeit aus einem Dreigestirn disruptiver Technologien: Shared Mobility, autonome Fahrzeuge und Elektrifizierung. Jede für sich betrachtet erscheint nicht wirksam genug, um das Problem nachhaltig lösen zu können. Doch gemeinsam bilden sie eine starke Allianz und haben das Potenzial, die Mobilität in der Form, in der wie sie heute kennen, entscheidend zu prägen.

Teilen statt Besitzen

Lovely interracial couple talking near bike rental stationFür die sogenannten Millenials, die Generation, die zwischen 1983 und 2000 geboren wurde, stellt sich die Situation eindeutig dar: Sie schätzen die Annehmlichkeiten eines Fahrzeugs, aber sie müssen es nicht unbedingt besitzen. Nach Abschätzung der Kosten und Nutzen und unter Berücksichtigung des hohen Maßes an Konnektivität verzichten immer mehr Menschen darauf, ein Auto zu kaufen oder sogar zu fahren. Das Ergebnis: 42 % der Millenials sind bereit, Carsharing-Angebote zu nutzen. Ob in Metropolen, Städten oder auf dem Universitätsgelände – Shared Mobility-Angebote kombiniert mit passenden Technologien sind hier mittlerweile äußerst beliebt und erweisen sich als richtungsweisend – sowohl für Städte als auch für die Automobilindustrie. Aber, wie auch bei vielen anderen disruptiven Technologien, führen sie zu erheblichen Problemen und Spannungen, sodass sie teilweise sogar rechtswidrig in vielen Städten sind.

Die neuen Mobilitätsangebote, wie Online-Vermittlungsdienste für Fahrdienstleistungen, erleben somit einen wahrhaft kometenhaften Aufstieg. Viele sehen darin aber auch eine Beeinträchtigung der Einnahmen, die die Stadt mit Einführung der gebührengestützten Verkehrssteuerungssysteme einspielen konnte. So verzeichnete London zwischen 2014 und 2015 eine Zunahme von rund 20.000 Privatfahrzeugen, die Fahrdienstleistungen erbringen. Damit einher geht natürlich auch eine Bedrohung der Lebensgrundlage der Londoner Taxifahrer, was wiederum für Aufregung und öffentliche Aufmerksamkeit sorgt. Denn die schwarzen Londoner Taxis sind, wie der Big Ben und die Doppeldecker-Busse, Ikonen der Stadt und gehören zum Stadtbild von London.

Anpassung der Infrastruktur an die Automatisierung

Shared Mobility könnte ein Teil der Lösung sein. Das volle Potenzial wird sich jedoch erst in Verbindung mit dem Einsatz autonomer Fahrzeuge entfalten. Automobilindustrie und Mobilitätsdienstleister stehen im Wettlauf um den ersten Platz – wer präsentiert als Erster neue Lösungen, testet seine Konzepte auf den Straßen und gewinnt die Kunden. Vor ein paar Tagen preschte Uber voraus. Das Unternehmen präsentierte in Pittsburgh eine Flotte autonomer Fahrzeuge, die es Kunden ermöglicht, ein selbstfahrendes Taxi zu bestellen.

„Um das volle Potenzial der Automatisierung nutzen zu können, muss die Infrastruktur entsprechend angepasst werden.“

Doch dies stellt noch keine Schlüsseltechnologie dar. Die Vorteile der Automatisierung wird man erst dann voll ausschöpfen können, wenn sich die Infrastruktur an die Technologie autonomer Fahrzeuge anpasst. Die Infrastruktur in den Städten ist komplett auf den Autoverkehr und das menschliche Verhalten des Fahrers eingestellt. Deshalb gibt es Verzögerungen an Ampeln, Verkehrszeichen mit bestimmten Farben und Formen und Straßenführungen, die sich nach dem menschlichen Verhalten richten. In der Zukunft müssen wir diese Dinge nicht mehr berücksichtigen.

Stellen Sie sich beispielsweise Kreuzungen vor, an denen der Verkehrsfluss nicht mehr von den Fahrzeugen und Fußgängern abhängt. Fahrzeuge müssen dann noch nicht einmal mehr anhalten, sie werden lediglich ihre Geschwindigkeit und Beschleunigung in der Stadt anpassen. Sämtliche verkehrsrelevanten Parameter werden in die Cloud hochgeladen und von dort aus gesteuert.

Ob Fahrzeug oder Straße – alles elektrifiziert

Die Elektrifizierung der Flotte ist ebenfalls Teil dieses Puzzles. Herkömmliche Motoren werden durch Elektromotoren ersetzt. Doch das ist erst der Anfang. Bereits heute entstehen im Energiebereich immer umweltfreundlichere und effizientere Stromnetze. Schon bald könnten die Straßen zu Energieerzeugern werden, d. h. die Fahrzeuge laden sich während der Fahrt auf, sodass Ladestationen und Reichweiten keine Rolle mehr spielen.

Diese Art der Energieübertragung würde auch das Verkehrsmanagement der Städte sehr vereinfachen: die Berechnung der Stromaufnahme könnte auf Basis der gefahrenen Kilometer oder der Beliebtheit einer Straße erfolgen. Dies wiederum würde dazu führen, dass die Verkehrsteilnehmer eine andere Route nehmen und somit die Staugefahr minimieren.

Disruptive Neuerungen für eine bessere Welt von morgen

Nur im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Technologien wird es möglich sein, unsere Städte umweltfreundlicher zu gestalten und sie im Sinne der Bewohner weiterzuentwickeln. Dabei steht der Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt und nicht das jeweilige Verkehrsmittel. Dieses viel offenere System ermöglicht uns, Räume für Menschen – und nicht für Fahrzeuge – zu gestalten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Wandel vollständig vollzogen ist. Wenn wir diese Veränderungen annehmen und sie in die richtige Richtung lenken, werden wir alle davon profitieren.

„Wir wollen diesen Wandel proaktiv mitgestalten und die passenden Tools für die Städte von morgen entwickeln.“

Deshalb bewerten wir bei der PTV Group die Auswirkungen dieser Technologien auf die Städte. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit den Städten selbst sowie Stakeholdern aus Forschung, Wissenschaft, Start-up-Unternehmen und der Automobilindustrie. Wir wollen diesen Wandel proaktiv mitgestalten, indem wir die passenden Tools entwickeln, die die Städte bei ihren vielfältigen Aufgaben unterstützen: von der Verkehrsplanung über den Betrieb bis hin zu Verkehrsmanagement in Echtzeit sowie nützliche Informationen für die Verkehrsteilnehmer.

Wir wollen sicherzustellen, dass der Wandel besser geplant und nachvollzogen wird als im späten 19. Jahrhundert. Auch Fehler sollen dabei minimiert werden. Durch eine urbane Mobilitätsgemeinschaft schaffen wir eine umweltfreundliche, sichere und ressourcenschonende Welt – drei grundlegende Aspekte, die die PTV bewegen.