Wie lassen sich die Klimaziele erreichen?

Vom Bundesverkehrswegeplan zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung – Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, begleitet die Pläne für die Zukunft.

Vom Bundesverkehrswegeplan zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung – Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, begleitet die Pläne für die Zukunft.

Der Bundesverkehrswegeplan 2030, kurz BVWP, stößt nicht überall auf Begeisterung. Einer der Kritikpunkte betrifft die Klimaziele, die sich mit dem BVWP nicht erreichen ließen. Aber das sei auch gar nicht dessen Aufgabe, so Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, der im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur die Erarbeitung des BVWP als Fachkoordinator sechs Jahre lang begleitet hat. Er sieht den BVWP vielmehr als eine solide Prognose der verkehrlichen Entwicklung, der sehr gut begründete Annahmen zu Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung zugrunde liegen. Darauf kann die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung,  die er wiederum als einer von drei Koordinatoren begleitet, aufbauen. Im Interview berichtet er von Zielen und Möglichkeiten für ein ökologisches Verkehrssystem der Zukunft.

Bund, Länder, Eisenbahnstrukturunternehmen und zahlreiche weitere Akteure arbeiten daran, Mängel im Verkehrsnetz zu identifizieren und zu beheben. Dabei müssen die öffentlichen Mittel für den Erhalt sowie Aus- und Neubau verantwortungsvoll und dem Gemeinwohl dienend eingesetzt werden. Die Investitionen müssen folglich sorgfältig geplant werden: Wo sind sie am sinnvollsten, wo am dringlichsten? Beim BVWP 2030 geht es um die Bundesverkehrswege, also Bundesautobahnen und Bundesstraßen, Schieneninfrastruktur und Binnenwasserwege (Flüsse und Kanäle). See- und Binnenhäfen, Flughäfen und Güterverkehrszentren sind i. d. R. nicht Eigentum des Bundes und fallen so auch nicht in dessen Zuständigkeit, ihre Anbindung an das Netz der Bundverkehrswege allerdings schon. In die Planungen werden alle Verkehrsträger mit einbezogen.

Compass: Lass uns kurz die eigentlichen Ziele des Bundesverkehrswegeplans rekapitulieren.

Christoph Walther: Da sind zum einen die übergeordneten Ziele der Verkehrspolitik, die sich aus den verkehrs- und umweltpolitischen Programmen ergeben, und zum anderen die daraus abgeleitete Ziele, die der BVWP konkret verfolgen kann. Diese abgeleiteten Ziele sind dann auch die Basis für die Priorisierungsstrategie der bewerteten Projektvorschläge. Zu den übergeordneten Zielen gehören ausreichende Mobilität im Personenverkehr, ein leistungsfähiger Güterverkehr, Erhöhung der Verkehrssicherheit, Begrenzung der Inanspruchnahme von Natur und Landschaft und Verbesserung der Lebensqualität einschließlich der Lärmsituation in Regionen und Städten.

Wie ich auch bei der Anhörung als Sachverständiger im Verkehrsausschuss des Bundestags betont habe, ist der BVWP ein Infrastrukturplan, sprich: Er dient in erster Linie dazu, ein bedarfsgerechtes, sicheres Verkehrsnetz herzustellen. Er ist nicht die Lösung für die Klimaschutzziele der Bundesregierung. Die Reduktion der Emissionen von Schadstoffen und Treibhausgasen ergibt sich im Rahmen des BVWP zentral durch die Stärkung „umweltfreundlicher“ Verkehrsträger, wie Schiene und Wasserstraße, die Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur an sich ist selten eine Maßnahme zur Senkung der CO2-Emissionen. Mit dieser Herangehensweise stellt der BVWP eine sehr gute Basis dar, um ein Gesamtpaket zur Erreichung der Klimaziele zu schnüren.

Compass: Und du schnürst gerade an einem solchen Paket im Rahmen der Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung mit?

Christoph Walther: So könnte man das sagen.

Compass: Worum geht es da konkret?

Christoph Walther: Die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung oder kurz MKS, beschreibt, welche Antriebs- und Kraftstoffoptionen der Verkehrssektor – Straße, Luft, Schiff und Schiene – hat und welche Energie-Infrastrukturen benötigt werden, um bis 2050 die Ziele des Klimaschutzplans der Bundesregierung zu erfüllen. Es geht darum, transitorische Pfade – Entwicklungspfade – mit denen die klimapolitischen Ziele erfüllt werden können, aufzuzeigen. Dazu entwickeln und bewerten wir verschiedene Maßnahmen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der erforderlichen Ladeinfrastruktur für alternative Antriebe, die Verbesserung der Umschlagstrategien Straße auf Bahn, den Einsatz von hybriden Oberleitungs-Lkws oder die Ausweitung der Elektrifizierung der Bahn.

Compass: Und was passiert nach der Bewertung der Maßnahmen?

Christoph Walther: Sie werden, wo möglich, in Bündel zusammengefasst und ihre Einführung dann sukzessive simuliert oder zumindest ihre Auswirkungen abgeschätzt. Diese Berechnungen stellen dann, ebenso wie beim BVWP, Entscheidungsgrundlagen für die Regierung da. Schon jetzt hat die MKS sozusagen einen internationalen Eindruck hinterlassen. So wurde kürzlich eine Absichtserklärung zwischen Deutschland und China unterzeichnet, die einen Austausch mit der Metropolregion Bejing zu diesem Thema vorsieht. Das heißt, wir unterstützen die Experten dort mit unserem Know-how und unseren Erfahrungen.

Compass: Bis wann soll die MKS abgeschlossen sein?

Christoph Walther: Bis Ende 2017.

Compass: Rechnest du mit unerwarteten Ergebnissen, ganz ungewöhnlichen Maßnahmenempfehlungen, z. B. der Einsatz von Drohnen auf dem Land für Online-Bestellungen, um Lkws auf den Straßen zu reduzieren?

Christoph Walther: Nein, das eher nicht. Aber bei genauem Hinschauen ist sicher aufgefallen, dass ich noch keine preis- und ordnungspolitischen Maßnahmen genannt habe. Und wann der letzte Verbrennungsmotor ausgeliefert wird, diese Jahreszahl gehört in Berlin derzeit zu den beliebtesten Zahlenrätseln …