ProveIT – auf dem Weg zu stabilen Lieferketten

Michael Schygulla, Senior Project Manager Global Research bei der PTV Group, im Interview zum Projekt ProveIT.

Michael Schygulla, Senior Project Manager Global Research bei der PTV Group, im Interview zum Projekt ProveIT.

Wenn bei Staus, technischen Störungen oder anderen Unvorhersehbarkeiten die gefahrene Tour vom Plan abweicht, helfen nur noch manuelle Korrekturen. Im Projekt ProveIT (Production plan based recovery of vehicle routing plans within integrated transport networks) haben Forscher eine Grundlage für objektiv richtige und verlässliche Eingriffe in vernetzte Logistiksysteme geschaffen: eine IT-Plattform, die Disponenten dabei unterstützt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Ziel sind wirtschaftlich optimierte und stabile Lieferketten, die durch die passenden Eingriffe und Reaktionen im Takt bleiben. Michael Schygulla, der das Projekt von PTV-Seite leitete, erläutert im Interview Arbeit und Ergebnisse der PTV Group.

Compass: Was war die Aufgabe der PTV innerhalb des Projekts?

Michael Schygulla: Wir waren für die taktische und operative Tourenplanung und -steuerung des Logistikdienstleisters sowie für die Schnittstellen zum Tracking und Tracing verantwortlich. Für die Tourenplanung haben wir die Software PTV Smartour eingesetzt, die wir mit den Basiskomponenten Planung und Tourdurchführung und insbesondere dem Modul Track&Trace aufgesetzt haben. Hinzu kamen Schnittstellen zu den mobilen Endgeräten sowie zu den Komponenten für die Störungserkennung und die Berechnung der erwarteten Ankunftszeit (ETA) mit einem PTV xServer. Dabei wurde auch das Auftragsverwaltungssystem des Spediteurs angebunden.

Compass: Und all diese Informationen, also zu Transportaufträgen, Kunden, zu Disposition, Fahrern bzw. Fahrzeugen, zu Transportdurchführung und Überwachung lief über diese eine Plattform? Das klingt kompliziert.

Michael Schygulla: Wichtig ist bei einer solchen Plattform natürlich ein gutes Rechtemanagement, also das Thema, wer welche Daten sehen und nutzen darf. Außerdem haben wir die Systemarchitektur mit den virtuellen Maschinen und standardisierten Schnittstellen zu den Partnern professionell nach dem Vorbild kommerzieller Projekte umgesetzt.

Über ein integriertes Planungs- und Steuerungssystem wurden alle Planungs- und Durchführungsinformationen zum operativen Transport über Schnittstellen den Systembeteiligten zur Verfügung gestellt. Aus der operativen Planung gingen die Transportaufträge an ein Telematiksystem für die Transportdurchführung. Die darüber verfügbaren Statusinformationen zur Durchführung bildeten durch den Vergleich mit den Ergebnissen aus der operativen Planung die Grundlage für das operative Management der Abweichungen der tatsächlichen Tour. Hierbei wurden nicht nur Abweichungen festgestellt, sondern auch Reaktionsvorschläge für den Disponenten generiert.

Plan-Ist Vergleich der Testtour in PTV Smartour: Darstellung der GPS-Tracks und Plan-Tour

Plan-Ist Vergleich der Testtour in PTV Smartour: Darstellung der GPS-Tracks und Plan-Tour

Compass: Und wie kann ein solches System nun konkret dabei helfen, bei Abweichungen vom Tourplan während der gefahrenen Tour angemessen zu agieren?

Michael Schygulla: Für den Disponenten geht es darum, dass er nicht hektisch bei jeder Abweichung eine rote Flagge sieht, sondern dass er angemessene Reaktionen auf Events vorgeschlagen bekommt. Im täglichen Geschäft sind nach der Durchführung der Tour dann die wichtigsten Kennzahlen zu den Plan-/Ist-Touren in der Planungsoberfläche ersichtlich. Darüber hinaus können auf taktischer Ebene Touren über einen längeren Zeitraum analysiert werden, um bestimmte Abweichungsmuster erkennen zu können. Und aufgrund dieser Muster lassen sich dann im Netzwerk Planänderungen anstoßen, damit die Lieferketten künftig wieder stabiler werden.

ProveIT – Production plan based recovery of vehicle routing plans within integrated transport networks

Projektleitung: Robert Bosch GmbH

Das Projektkonsortium vereint alle Kompetenzen, die für die Entwicklung und den Betrieb der ProveIT-Plattform nötig sind. Die Robert Bosch GmbH leitet das Projekt und ist, wie auch die ZF Friedrichshafen AG, industrieller Anwender der Plattform. Der Logistikdienstleister Geis übernimmt die operative Transportplanung und Umsetzung. LOCOM und PTV als IT-Anbieter entwickeln die Systemlösungen zur Transportplanung und -steuerung. Das Forschungszentrum Informatik (FZI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verantwortet die Komponenten für das Abweichungs- und Störungsmanagement. Für das Gesamtkonzept und den wissenschaftlichen Ansatz ist das Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme (IFL) am KIT verantwortlich.

Das Forschungsprojekt, das nach dreijähriger Laufzeit im Herbst 2016 endete, wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des Forschungsschwerpunkts “Zukunftsfähige Logistiknetzwerke“ mit insgesamt rund 2,8 Millionen Euro gefördert.