Impulse für mehr Verkehrssicherheit – ein Fallbeispiel aus Bolivien

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Jeder weiß, dass Maßnahmen für die Verkehrssicherheit Menschenleben retten können. Leider kommt das Bewusstsein für das Thema in vielen Ländern noch zu kurz. PTV-Mitarbeiterin Sofia Salek de Braun hat sich für das Thema in ihrem Heimatland Bolivien stark gemacht und gemeinsam mit Kollege Paulo Humanes Ende 2016 einen Road Safety Workshop organisiert. Das Ergebnis: die Erarbeitung einer neuen „Verkehrssicherheitscharta für Bolivien“ sowie eine breite positive Resonanz auf politischer, gesellschaftlicher und medialer Ebene.

Compass: Um was genau geht es bei dem Projekt im Bolivien?

Sofia Salek de Braun: Verkehrssicherheit ist ein Thema, das in Lateinamerika wenig Präsenz hat. Weder in den Medien, noch in der Bevölkerung. Nach wie vor ist die Region weltweit die mit den meisten Unfalltoten. Einfache Dinge, die bereits für viele Länder zum Standard gehören, werden in Lateinamerika vernachlässigt, beispielsweise konsequent den Sicherheitsgurt anzulegen. Letztlich ging es uns darum, bei den Behörden und den Menschen ein Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser Thematik zu wecken.

Compass: Was war der Beweggrund für eure Reise?

Sofia Salek de Braun: Ich komme ursprünglich aus Bolivien, aus Santa Cruz de la Sierra, um genau zu sein. Eine sehr schöne Großstadt, wo auch meine Familie noch wohnt. Das ist auch der Grund, warum wir nahezu alle zwei Jahre dorthin reisen, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Doch im Dezember 2015 kam alles anders. Wir erlitten gleich nach Ankunft einen schweren Autounfall, bei dem mein Sohn Luca und seine Großeltern ums Leben kamen. In nur wenigen Sekunden hatte sich unser Leben komplett geändert. So etwas soll keine Familie durchleben müssen, denn Verkehrsunfälle sind vermeidbar. Deshalb haben wir entschieden, etwas zu unternehmen.

Schritt für Schritt, von Gespräch zu Gespräch kam es zu tollen Begegnungen. So auch die Begegnung mit meinem Kollegen Paulo Humanes, mit dessen Know-how und Netzwerk wir gemeinsam aus einer Idee dann einen konkreten Plan entwickelten. Wir wissen, dass Bolivien  einige Schwierigkeiten zu bewältigen hat, und im Hinblick auf Verkehrssicherheit sollte hier nun ein neuer Impuls gesetzt werden, um Bewegung in die richtige Richtung zu erzeugen.

Sofia Salek de Braun und Paulo Humanes in Bolivien.

Compass: Welche Ziele habt ihr euch gesetzt und mit welchen Erwartungshaltungen seid ihr gestartet?

Paulo Humanes: Um einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft zu erreichen, müssen die Menschen umdenken. Verkehrssicherheit geht uns alle etwas an. Aber jede Kultur ist anders. Deshalb können Maßnahmen und Regeln aus anderen Ländern nicht einfach auf Lateinamerika übertragen werden. Mit dem Workshop wollten wir gemeinsam mit den bolivianischen Behörden und beteiligten Organisationen ein Grundwissen und erste Handlungsschritte erarbeiten. Wir haben uns dabei an den Maßnahmen von Ländern orientiert, die bereits erfolgreich auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit agieren. Die Faktoren dafür sind mannigfaltig und komplex. Der erste Schritt ist demnach eine Analyse der bestehenden Situation. Erst dann können wirklich Maßnahmen ausgearbeitet werden, die die Situation erfassen und dann zu einem verbesserten Verkehrssystem führen.

Compass: Welchen Personenkreis sprecht ihr bei diesem Projekt an?

Paulo Humanes: Von Beginn an haben wir uns viele Gedanken über die richtige Zielgruppe gemacht. Es musste sichergestellt werden, dass wir einen Personenkreis erfassen, der die Informationen und Inhalte des Workshops gänzlich versteht, aufnimmt und diese dann auch anwendet. Vor allem aber sollten die Teilnehmer zu Multiplikatoren werden, um dieses Wissen zu streuen.

An Workshops teilgenommen haben: öffentliche Funktionäre und technische Fachangestellte, (z. B. Ingenieure, Architekten) in deren Verantwortungsumfang die Verkehrssicherheit beinhaltet ist – und dies auf den verschiedenen Ebenen des Landes, der Region und der Stadt. Dabei waren auch Gremien und Vertreter aus unterschiedlichen Sektoren im Bereich  Transport und Verkehr, akademische Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Zivilgesellschaft sowie Presse und Medien.

Letztendlich müssen alle zusammenkommen und lernen, an einem Strang zu ziehen. Denn die Verkehrssicherheit betrifft uns alle und erfordert eine kollektive Zusammenarbeit. Nur so schaffen wir es, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Nur so schaffen wir es, Leben zu retten.

Compass: Wie war die Resonanz?

Sofia Salek de Braun: Der Enthusiasmus der Leute vor Ort war unglaublich. Sobald die ersten von unserem Plan erfuhren, wurden wir mit Anfragen bombardiert. Ob aus unserem privaten Umfeld, Vertreter der regionalen Polizei und Verwaltung, von der Presse oder Mitglieder von Stiftungen – engagierte Menschen aus allen Bereichen boten sofort ihre Hilfe an und wollten uns unterstützen. Wir haben uns über jeden einzelnen gefreut und sind direkt in den Dialog eingestiegen.

Compass: Welche Maßnahmen sind bereits erfolgt?

Sofia Salek de Braun: Bereits die erste Meldung zu dem Workshop hat eine unglaubliche Bewegung in Bolivien ausgelöst. Die Menschen schienen nur darauf gewartet zu haben, die bestehende Situation zu verändern. Am allerwichtigsten ist, dass alle Parteien, die am Thema Verkehrssicherheit beteiligt sind, zum ersten Mal überhaupt gemeinsam eine Lösung erarbeitet haben. Viele der Vorschläge der Experten wurden von ihnen dankend angenommen, aber vor allem auch an ihre eigene Situation angepasst und verbessert. Ein Punkt war beispielsweise der Einsatz von Radarkameras zur Regulierung der Geschwindigkeiten auf den Straßen und die Wiederverwendung des dabei erhaltenen Bußgeldes für weitere Sicherheitsmaßnahmen.

Während der gesamten Woche, wurden weitere Aktionen realisiert, unterstützt von der Polizei und den örtlichen Behörden in Santa Cruz. Am Ende haben wir eine „Verkehrssicherheitscharta für Bolivien“ erarbeitet, die alle Workshop-Teilnehmer unterschrieben haben. Diese Charta dient jetzt als Basis für ein neues Verkehrssicherheitsgesetz in Bolivien und wurde dem Regierungsministerium bereits vorgelegt.

Compass: Welche nächsten Schritte wurden vereinbart, wie geht es 2017 weiter?

Paulo Humanes: Wir setzen unsere Arbeit fort. Gemeinsam mit unseren Partnern bei dem World Ressource Institute (WRI) vor Ort unterstützen wir bei der Erarbeitung eines neuen Gesetzes zur Verkehrssicherheit in Bolivien. Unsere Unterstützung wird sich nicht nur darauf beschränken, erfolgreiche Beispiele zu kopieren. Wir haben bereits Kontakt zu Entwicklungsbanken, die großes Interesse daran haben die Initiative finanziell zu unterstützen. Zusätzlich sollen konkrete Projekte umgesetzt werden. Diese müssen entwickelt, geprüft und realisiert werden. Gemeinsam mit unseren Freunden von WRI sind wir dabei, all diese Maßnahmen umzusetzen.

Compass: Was hat euch besonders überrascht?

Paulo Humanes: Am vorletzten Workshop-Tag bestand die Aufgabenstellung darin, fünf Gefahrenschwerpunkte der Stadt zu untersuchen. Somit wurden die Teilnehmer in verschiedene Teams aufgeteilt und den jeweiligen Schwerpunkten zugeordnet. Auf dem Rückweg am Ende dieses langen, anstrengenden und sehr heißen Workshop-Tages bei 35 Grad, wünschten wir uns eine Abkühlung im Pool. Doch zu unserer Überraschung fanden wir die Teilnehmer-Teams im Workshop-Raum hochmotiviert und diskutierend – weit über die übliche Arbeitszeit hinaus. Obwohl anstehende Aufgaben, wie die erfassten Daten zu analysieren und Verbesserungsmaßnahmen zu erarbeiten, erst für den nächsten Tag angedacht waren, war die Dynamik der Teilnehmer nicht zu bremsen. Überflüssig zu sagen, dass wir gar nicht bis zum Pool kamen.

Compass: Was ist für euch die größte Errungenschaft?

Sofia Salek de Braun: Das Größte für uns war es, zu sehen, wie die unterschiedlichen Gruppen und Menschen miteinander ins Gespräch kamen und wie sie im Prozess selbst verstanden, dass sie nur gemeinsam die Verkehrssicherheit in ihrem Land verbessern können.

Compass: Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Paulo Humanes: Das Road Safety Training in Santa Cruz war nur der erste Schritt von vielen, die noch folgen müssen, um die Verkehrssicherheitsproblematik in den Griff zu bekommen. Dabei müssen drei wichtige Punkte beachtet werden: Die Verhaltensweise jedes einzelnen, die Fahrzeuge und die Infrastruktur.

Compass: Wo und wie kann das Projekt auch von anderen Interessierten unterstützt werden?

Paulo Humanes: Das Projekt ist gerade angelaufen. Wir von PTV kümmern uns darum und sind hinterher, dass bewährte Methoden umgesetzt werden. WRI koordiniert die Umsetzung. Dabei konzentrieren sie sich nicht nur auf Verkehrssicherheit, sondern auch darauf, wie sich das Verkehrswesen nachhaltiger gestalten lässt. Das ist auch der Grund, warum der Workshop in Bolivien an eine solch heterogene Gruppe gerichtet war. Vertreter unterschiedlicher Behörden und Regierungsabteilungen, die örtliche Polizei, Verkehrsexperten, NGOs, Automobilclubs und Bürger sind in den Prozess integriert und benötigen Hilfe, Beispiele und Best Practices auf unterschiedlichem Niveau. Jegliche Form von Unterstützung ist willkommen. Wir glauben fest an den Grundsatz des Events: Wahrscheinlich können wir die Welt nicht ändern, aber unsere persönliche Einstellung ganz bestimmt.

Uns ist sehr wichtig, dass der Workshop keine einmalige Aktion bleibt. Um wirklich etwas zu bewegen, muss die gesamte Bevölkerung eingebunden werden. Deshalb haben wir eine Facebook-Seite eingerichtet. Die Community wächst täglich und ist sehr aktiv. Wir freuen uns über jeden Unterstützer.