Schwarmdaten für die Verkehrsplanung

Clevere Kombination: Schwarmdaten von Motionlogic und Verkehrsmodelle von PTV (Foto: Motionlogic)

Fast jeder telefoniert täglich mit dem Handy, schickt SMS oder nutzt das mobile Internet. Wie sich diese Aktivitäten in wertvolle Informationen für die Stadt- und Verkehrsplanung verwandeln lassen, erklärt Norbert Weber, Datenexperte bei Motionlogic im Interview.

Compass: Welche besondere Art von Daten bietet Motionlogic?

 

Norbert Weber: Der Datenbestand von Motionlogic basiert auf anonymen Schwarmdaten aus dem Mobilfunknetz der Deutschen Telekom. Das heißt, die statistischen Auswertungen beruhen auf dem soliden Fundament von rund 40 Millionen Endgeräten. Damit können Bewegungsströme – zum Beispiel Quelle-Ziel-Matrizen – sehr viel genauer abgebildet und differenziert werden, als dies bisher mit anderen Methoden möglich war. Diese Daten liegen uns ausschließlich anonym vor und werden nur in Gruppen ausgewertet, so dass die strengen Datenschutzanforderungen bei der Auswertung jederzeit berücksichtigt sind.

Im Gespräch: Norbert Weber, Senior Business Development Manager bei Motionlogic

Compass: Für welche Verkehrsmodi sind die Daten relevant?

Norbert Weber: Der Vorteil der Mobilfunkdaten ist, dass Fahrten mit allen Verkehrsmitteln einfließen – egal ob Auto, Zug oder Fahrrad. Alleiniges Kriterium ist, dass die Verkehrsteilnehmer ein Handy mit sich führen. Derzeit weisen wir die Verkehrsbewegungen in aggregierter Form aus, das heißt die Verkehrsmittel werden nicht unterschieden. Zukünftig wollen wir diese auch separat ausweisen, so dass noch genauere Auswertungen möglich werden.

Compass: Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für diese Daten?

Norbert Weber: In erster Linie nutzen wir die Daten für die Erstellung von Quelle-Ziel-Matrizen. Interessant ist hierbei vor allem, dass auch Fahrten am Abend und am Wochenende in die Auswertung einfließen und auch Unterschiede je nach Wetter und Jahreszeit erkennbar werden. Daneben können jedoch auch Verkehrs- und Fahrgastzählungen durchgeführt werden, zum Beispiel in U-Bahnen oder Zügen. Alle Auswertungen sind zudem auch im Rückblick auf die Vergangenheit möglich.

Compass: Welche neuen Anwendungsgebiete gibt es jetzt durch die Kooperation mit PTV?

Norbert Weber: PTV ist ein Spezialist für Verkehrsmodellierung. Wir können immer nur den Ist-Zustand abbilden, und auch dieser hat manchmal Einschränkungen. Indem wir Verkehrsbewegungen aus dem Mobilfunknetz in ein Verkehrsmodell integrieren, werden die Aussagen prognosefähig. Simulationen von Veränderungen im Netz oder ÖV-Fahrplan können so durchgespielt werden. Durch die Kombination einer fundierten Datenbasis mit einem Modellansatz können die relevanten Fragestellungen im Verkehrsbereich beantwortet werden.

Compass: Welche konkreten Beispiele gibt es, wo die Daten im Umfeld Verkehr und Mobilität bereits zum Einsatz kommen?

Die Grafik veranschaulicht den Verkehrsfluss für ein typisches Wohngebiet in Stadtrandlage: mit steiler Morgenspitze und breiterer Abendspitze.

Die Grafik veranschaulicht den Verkehrsfluss für ein typisches Wohngebiet in Stadtrandlage: mit steiler Morgenspitze und breiterer Abendspitze.

Norbert Weber: Im Rahmen eines ersten Pilotprojekts mit PTV haben wir eine Quelle-Ziel-Matrix für die Stadt Karlsruhe generiert. Hierbei haben wir die Verkehrsbewegungen in einem Zeitraum von sechs Wochen zwischen 136 Verkehrszellen ausgewertet. Die so entstandene Quelle-Ziel-Matrix ist ein Verkehrsmodell für die Stadt eingeflossen, das für das Verkehrsmanagement in der Stadt genutzt wird.

Compass: Welche Hürden gilt es noch zu meistern?

Norbert Weber: In den letzten Monaten haben wir viel Energie in eine bessere Datenbasis investiert. Dadurch können wir heute sehr viel dichtere Daten auswerten als dies noch vor wenigen Monaten der Fall war. Der nächste Schritt ist nun die Weiterentwicklung der Algorithmen zur Interpretation dieser Datenmengen. Unser Ziel ist es, möglichst jedes Verkehrsmittel unterscheiden und auch Fahrgäste in Bahnen und Bussen zählen zu können. Daran werden wir in den nächsten Monaten arbeiten.

Compass: Worin sehen Sie das größte Potential? Welche Erwartungen haben Sie an die Zukunft?

Norbert Weber: Kurzfristig sehen wir das größte Potenzial bei Fragestellungen der Verkehrsplanung, wir sehen jedoch auch viel Nachfrage bei Fahrgastzählungen im ÖV-Bereich. Technisch ist es zudem möglich, die Daten nahezu in Echtzeit auszuwerten. Damit werden neue Anwendungen im Bereich Verkehrsmanagement möglich. In diesem Zusammenhang interessiert uns das Feedback der Städte und Kommunen.

Compass: Wie wird der Datenschutz gewährleistet?

Norbert Weber: Datenschutz ist für uns ein ganz wesentliches Thema. Die Art der Daten-Anonymisierung haben wir intensiv mit der Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit (BfDI) abgestimmt. Die zugrundeliegenden Daten enthalten keine personenbezogenen Merkmale wie Namen oder Telefonnummer und werden zerstückelt. Wesentliches Element ist weiterhin, dass immer nur Gruppen ab einem Schwellwert von 30 ausgewertet werden. Die Bundesbeauftrage für Datenschutz hat diese Vorgehensweise bestätigt.

Weitere Info: Pressemitteilung zur Kooperation von PTV und Motionlogic