TransformingTransport: Leuchtturm-Projekt sendet erste Signale

Michael Schygulla, Senior Project Manager Global Research bei der PTV Group, im Interview zum Projekt TransformingTransport.

Michael Schygulla, Senior Project Manager Global Research bei der PTV Group, im Interview zum Projekt TransformingTransport.

TransformingTransport heißt das EU-geförderte Leuchtturm-Projekt im Big-Data-Bereich, das für die ganze Transport- und Logistikbranche Signalkraft ausstrahlen soll. Denn Big Data ist bisher nur bei jedem fünften europäischen Transport- und Logistikunternehmen in der Praxis ein Thema. Ziel des Projekts sind unterschiedliche Big-Data-Anwendungen, aufgrund derer sich Transporte effizienter und nachhaltiger gestalten lassen. Dabei sollen konkrete, mess- und verifizierbare Beispiele den Wert von Big Data für Mobilität und Logistik aufzeigen. Michael Schygulla, der das Projekt von PTV-Seite leitet, spricht im Interview über das Projekt und die Aufgaben der PTV Group.

Compass: Big Data – alle haben davon gehört, aber viele wissen noch immer nicht so richtig, was genau sie mit den gewaltigen Datenmengen anfangen können. Diese Daten zu analysieren, intelligent zu verknüpfen und so für Transport und Logistik nutzbar zu machen, wie TransformingTransport das vorhat, das ist nicht nur eine spannende Aufgabe, sondern vermutlich auch eine, die erstmals so in Angriff genommen wird?

Michael Schygulla: In dieser Größenordnung bestimmt. Wir sind insgesamt 47 Partner aus neun verschiedenen Ländern. Es sind sämtliche Stakeholder aus der Transport-, der Verkehrs-, der Logistik- und der IT-Branche beteiligt. Wir betrachten alle Seiten des Transports, also von Menschen und Gütern, zur See, auf der Straße, auf Schienen, in der Luft, in der Stadt, über Land. Für dieses Großprojekt werden mehrere Piloten realisiert. Ihr Fokus liegt darauf, Praxisbeispiele mit Big Data für die Mobilität umzusetzen. Es geht also nicht nur um Forschung, sondern vor allem um Demonstration. Und eben auch darum, wie sich mit Big Data Kosten und Umweltauswirkungen senken und die Effizienz des Transports steigern lassen.

Compass: Das sind ziemlich viele Aufgaben für ein Projekt, das zweieinhalb Jahre dauert.

Michael Schygulla: Schon, aber der Nutzen von Big Data ist wirklich enorm für die Transport- und Logistikbranche. Nach Schätzungen lassen sich weltweit etwa 450 Milliarden Euro einsparen und 380 Megatonnen CO2-Ausstoß vermeiden. Je schneller man sich darüber klar wird, wie das funktionieren kann und was dafür zu tun ist, desto besser.

Und natürlich werden wir die Zeit gut nutzen. Sieben Pilotregionen in Europa werden auf sieben Themen hin genau untersucht: Smart Highways, nachhaltige Fahrzeugflotten, proaktive Schienen-Infrastrukturen, Häfen als intelligente Logistik-Hubs, effizienter Lufttransport, multimodale urbane Mobilität und dynamische Lieferketten. Diese Themen sind wiederum in 13 Projekte und einzelne Arbeitspakete unterteilt. Wir bei PTV arbeiten an zwei Piloten mit: einmal zu Sustainable Connected Trucks, nachhaltig vernetzte Lkws, und dann noch zum Thema Integrated Urban Mobility.

Compass: Lass uns mit den Connected Trucks beginnen, um was geht es da und was tragen wir dazu bei?

Michael Schygulla: Am Piloten Sustainable Connected Trucks arbeiten wir zusammen mit dem Logistikdienstleister JDR, TomTom und dem Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung (IDG). Unser Ziel ist es, Planungs- und Optimierungssysteme für Flottenmanager mit verbesserten Daten und Informationen aus dem Verkehr anzureichern, und zwar speziell für schwere Lkws. Kunden erwarten stets 100-prozentige Lieferzuverlässigkeit, aber für Logistik-Service-Provider, Flottenmanager oder Lkw-Fahrer ist es oft schwer, Planungssicherheit und Pünktlichkeit im Alltag zu gewährleisten. Das liegt unter anderem daran, dass die Infrastruktur oft ihre Kapazitäten ausgeschöpft hat, besonders in urbanen Gebieten, an internationalen Häfen, Grenzübergängen oder anderen Logistik-Hotspots. Zwar sind aktuelle Verkehrsinfos und Vorhersagen vorhanden und über Navigationssysteme für Lkw-Fahrer verfügbar. Aber Lkw-spezifische Verkehrsinfos für den Schwerlastverkehr sind oft nicht erhältlich oder zumindest nicht in der nötigen Qualität oder dem passenden Format, um sie für das Lkw-Routing oder in Planungsanwendungen einzusetzen.

Beim Piloten Sustainable Connected Trucks wird ein Big-Data-Ansatz genutzt, um zusätzliche Informationen zu gewinnen, die sich für präzises Routing und für Planungssysteme einsetzen lassen. Dazu ist es wichtig, den Verkehrsfluss für Lkw-Touren abzuschätzen und die Daten logistischer Hotspots zu messen und zu analysieren. Hinzu kommt die Verarbeitung von Satellitenbildern als weitere Datenquelle für die Analyse von Infrastrukturbereichen, die für die Logistik von besonderer Bedeutung sind. Das heißt, dass in diesen Piloten nicht nur Daten des aktuellen Status an einer bestimmten Örtlichkeit gewonnen und untersucht werden, sondern auch ihre Veränderungen im Laufe der Zeit.

Compass: Kannst du dazu ein, zwei Beispiele geben, wie das konkret in der Projektarbeit aussieht?

Michael Schygulla: TomTom unterstützt uns dabei mit Hilfe von Analysen ihrer Flotten-Bewegungsdaten. Hiermit sollen in den Systemen wiederum die Truck-spezifischen Informationen verbessert werden. Fraunhofer liefert Satellitendaten und Auswertungen, aus denen sich Erkenntnisse zu Logistik-Hotspots oder auch bestimmten Grenzübergängen herauslesen lassen. Vor allem die spurabhängigen Feinheiten und Unterschiede sind dabei interessant, da sie so nicht in normalen Verkehrsinformationssystem verfügbar sind. Beispielsweise wenn es an einem Grenzübergang für Lkws längere Wartezeiten gibt wegen der Abfertigung, der Pkw-Verkehr aber gut fließt. Eine Info über diese Verzögerung kann ein normales Verkehrsinformationssystem nicht liefern, weil es die spurabhängigen Feinheiten nicht erkennt. Diese zusätzlichen Analysen und Daten können wir künftig in unseren Systemen für die Tourenplanung- und Steuerung nutzen. Das sind nur zwei von vielen Bausteinen, die in ihrer Gesamtheit und ausgewertet einen enormen Mehrwert für das Flottenmanagement bringen.

Compass: Wie sieht die Arbeit für den Piloten Urban Mobility aus?

Michael Schygulla: Städtische Verkehrsmanagementzentralen sorgen ja dafür, dass der Verkehr auf dem städtischen Verkehrsnetz in Fluss bleibt. Da sie aber keinen visuellen Kontakt zu allen Straßen haben, sind sie auch nicht immer über den aktuellen Verkehrsstatus oder den Grund für eine Störung informiert. Hier ist eine akkuratere Informationsgewinnung und -auswertung nötig, die wiederum den Verkehrsteilnehmern zur Verfügung gestellt werden kann. Und dann in Summe für einen besseren Fluss sorgt. Das betrifft nicht nur Infos in Bezug auf bestimmte Strecken, sondern beispielsweise auch für die Optimierung der Park- bzw. Lademöglichkeiten, die gerade für den Lieferverkehr besonders interessant sind.

In diesem Piloten soll in der spanischen Stadt Valladolid ein Verkehrsmodell auf Basis von unterschiedlichen aktuellen und historischen Infos aus dem Verkehr angepasst werden, um so bessere Verkehrsprognosen bezüglich tageszeitabhängiger Verkehrsbelastungen in den einzelnen Stadtgebieten erstellen zu können. Dadurch lassen sich z. B. verschiedene Lieferszenarios im Innenstadtbereich analysieren. Für die Praxis hilft das zum Beispiel auch dabei, den Verkehrsfluss und die Pünktlichkeit des Transports in Stadtzentren zu verbessern sowie Umwelteinflüsse durch optimiertes Routing zu verringern. Daran arbeiten wir gemeinsam mit CARTIF, TomTom, LINCE und der Stadt Valladolid.

Compass: Wie geht es jetzt weiter?

Michael Schygulla: Im März hatten wir ein zweitägiges Treffen der Arbeitspaketleiter und sind nun dabei das Pilot-Design abzuschließen. Und dann geht es in die Praxis. Schon im September gibt es dann die ersten Einzeldemonstrationen und Modellergebnisse.

TransformingTransport

Die EU fördert Transforming Transport im Rahmen von Horizon 2020 mit fast 15 Mio. Euro. Beteiligt sind 47 europäische Partner aus der Transport-, der Logistik- und der IT-Branche.
Projektleitung: Rodrigo Castiñeira (INDRA)
Projektdauer: 01.01.2017 – 30.06.2019