Auf dem Weg zur Smart City: Die indische Stadt Pune

Iris Becker (Mitte) vertritt das Karlsruhe India Board Netzwerk in der indischen Stadt Pune und steht auch mit PTV in engem Austausch.

Am vergangenen Wochenende fanden in Karlsruhe parallel zum Vor-Fest die ersten India Summer Days statt (Lesen Sie dazu auch unseren Bericht). Wir haben die Gelegenheit genutzt und ein Interview mit Iris Becker von Let’s Bridge IT geführt. Sie vertritt nicht nur das Karlsruhe India Board Netzwerk in der Partnerstadt Pune, sondern seit Januar auch Baden-Württemberg im indischen Bundesstaat Maharashtra. Ihre Aufgabe ist es, wirtschaftliche Kontakte zwischen indischen und deutschen Firmen –  wie auch PTV –  sowie kulturellen Austausch zu fördern. Im Gespräch mit dem Compass Blog verrät sie, wie Pune zur Smart City werden will und warum deutsche Unternehmen in Indien am Ball bleiben sollten.

Compass: Ihre Firma Let’s Bridge IT vertritt die Stadt Karlsruhe in der Wirtschaftsmetropole Pune. Für alle, die die indische Stadt nicht kennen, stellen Sie uns Pune doch bitte kurz vor.

Iris Becker: Pune liegt ca. 120 Kilometer südöstlich von Mumbai und ist eine schnell wachsende, lebendige und sehr junge Stadt mit mehr als vier Millionen Einwohnern. Man nennt sie auch das  Oxford des Ostens, da es eine sehr ausgeprägte, traditionelle, aber moderne Hochschullandschaft mit über 200.000 Studenten gibt. Bekannt geworden ist Pune in den 80er-/90er-Jahren durch die Bhagwan-Bewegung, die viele Menschen angezogen hat. So hat die Stadt schon früh gelernt, mit Gästen aller Nationen umzugehen und ist heute sehr offen und freundlich Ausländern gegenüber.

Compass: Ist das der Grund, warum es heute so viele ausländische Firmen in Pune gibt?

Iris Becker: Sicherlich auch. Wie schon gesagt, ist Pune eine sehr junge Stadt, was die Bevölkerung angeht. Es gibt also viele gute Arbeitskräfte dort. Heute sind hier mit mehr als 360 Unternehmen die meisten deutschen Firmen in ganz Indien angesiedelt, um die 70 davon aus Baden-Württemberg. Vor allem die Automobilindustrie mit VW, Daimler usw. hat sich dort niedergelassen und damit auch die Automobilzulieferer angezogen. Inzwischen gibt es zudem einen ganz starken IT-Hub. Durch diese wirtschaftliche Öffnung haben in den letzten Jahren aber auch der Verkehr und die Umweltverschmutzung stark zugenommen.

Lange Staus sind in Pune an der Tagesordnung. Auf dem Weg zur Smart City ist die Reduzierung des Verkehrs deshalb ein wichtiges Thema.  PTV beteiligt sich an einer Ausschreibung.

Compass: Wie sieht denn der Verkehr in Pune aus?

Iris Becker: Aus deutscher Sicht wirkt alles sehr chaotisch. Es gibt immer mehr motorisierte Fahrzeuge, aber nur wenige Verkehrsschilder und -regeln. Alle scheinen kreuz und quer zu fahren. Außerdem wird viel gehupt. Das ist allerdings kein aggressives Hupen nach dem Motto „Geh aus dem Weg!“, sondern meint eher „Achtung, ich komme.“ Erst wenn man genauer hinschaut, erkennt man das System. Jeder achtet darauf, was vorne passiert. Trotzdem ist der Verkehr sehr zäh und es gibt viele Staus. Von mir zuhause in Pune sind es circa zehn Kilometer ins Büro. Wenn es schlecht läuft, brauche ich dafür zwei Stunden.

Compass: Aus diesem Grund arbeitet Pune jetzt daran eine Smart City zu werden?

Iris Becker: Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hat einen Wettbewerb mit dem Ziel initiiert, dass in Indien 100 Smart Cities entstehen sollen. Dafür konnten sich Städte bewerben und Pune hat es mit seinem Konzept auf Platz zwei geschafft. Wenn bei uns in Deutschland die Rede von Smart City ist, meint das die letzten paar Prozent, die wir in den Städten feintunen können. In Indien bedeutet es, Infrastruktur für lebenswerte Städte zu schaffen und zum Beispiel die Grundversorgung von Wasser und Strom zu gewährleisten. Um Pune „smart“ zu machen, liegt der Fokus auf der Reduzierung von Verkehr und Umweltverschmutzung, aber auch auf der Verbesserung der Energieversorgung.

Auch der öffentliche Verkehr soll in der Smart City Pune ausgebaut werden.

Compass: PTV hat ja ebenfalls an einer Ausschreibung in Sachen Mobilität für die Smart City Pune teilgenommen. Was sind die größten Herausforderungen in diesem Bereich?

Iris Becker: Eine wichtige Frage, die sich stellt, ist: Wie kann man die Verkehrsführung so gestalten, dass der Verkehr in Zukunft im Fluss bleibt? Mit ihren intelligenten Software-Lösungen könnte die PTV Group sicherlich ein erhebliches Stück dazu beitragen, diese Frage zu lösen. In Mumbai, Delhi und Pune gab es bereits gemeinsame Pilotprojekte zum Thema „Grüne Welle“. Ich denke, wenn man es schafft, den Verkehrsfluss zu verbessern und damit die Fahrzeiten zu verringern, wäre das ein großer Gewinn. Eine weitere Herausforderung ist es, den öffentlichen Verkehr auszubauen. Aktuell ist es sehr schwierig, im Innenstadtbereich öffentlich zu fahren.

Compass: Indien hat sich ja auch das Thema Elektromobilität auf die Fahnen geschrieben…

Iris Becker: Bis 2030 soll, laut Ministerpräsident Modi, der Umstieg auf Elektrofahrzeuge komplett geschafft sein. Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, aber ich finde das Signal ist gut, weil es ganz klar sagt, wo die Reise hingehen soll. Da kann sich schnell viel entwickeln und ich glaube sogar, dass Indien die erste grüne Nation werden könnte, wenn es sich clever anstellt. Um sich von Importen frei zu machen und sicheres Wachstum zu gewährleisten, setzt Indien stark auf erneuerbare Energien,  kann gleich von anderen Ländern lernen, die in der Entwicklung weiter voraus sind und das Thema E-Mobilität integrativ behandeln.

Compass: Aktuell gibt es ein gemeinsames Projekt von PTV mit Ihnen und dem College of Engineering, Pune. Was passiert da?

Iris Becker: Wir veranstalten Ende Juli einen fünftägigen Workshop am College of Engineering in Pune zum Thema Verkehrsplanung und -technik. Dabei wird es darum gehen, wie Verkehr mit den Programmen PTV Visum und PTV Vissim modelliert und simuliert werden kann. Wir rechnen mit 25 Teilnehmern, mit Studenten sowie Vertretern aus der Stadt und aus der Verkehrswirtschaft. Ich sehe da in Zukunft noch viel Potential, die Hochschulen sind offen und wollen kooperieren.

Compass: Es tut sich also gerade ziemlich viel in Indien…

Iris Becker: Ja, ich glaube, dass es die nächsten zehn bis 15 Jahre in Indien richtig vorwärts geht. Wenn die Inder ihre Hausaufgaben gut machen und auf Erfahrungen aus anderen Ländern zurückgreifen, dann können sie Zwischenschritte überspringen und viele Dinge direkt umsetzen. Als deutsches Unternehmen sollte man sich schon überlegen, dabei zu sein. Viele Firmen denken allerdings, es wäre ein Selbstläufer, wenn sie dort ein paar Kontakte knüpfen. Aber das ist nicht so. Der PTV Managing Director für die MENA-Region Dr. Tom Schwerdtfeger und sein Team machen das sehr gut. PTV ist meines Wissens das einzige deutsche Unternehmen aus dem Mobilitätsumfeld, das in Pune so aktiv ist. Sie sind ständig vor Ort, bringen sich ein und tauschen sich aus. Mit so einem verlässlichen Partner macht die Zusammenarbeit Spaß und ich helfe gerne beim Vernetzen.

2 Gedanken zu „Auf dem Weg zur Smart City: Die indische Stadt Pune

  1. Pune – eine aufstrebende Stadt.
    Dem kann ich nur beipflichten. Nach mehrmaligen Besuchen staune ich über die schnell wachsende Industrie. Seit 1 1/2 Jahren arbeite ich mit einer Firma aus Pune zusammen, nicht nur IT sondern auch produzierende Gewerbe sind im Aufwind.
    Was das größte Problem ist , der Verkehr und die Straßen.
    Das Industriegebiet Sanswadi ist sehr groß, doch die Zufahrtsstraßen sehr schlecht. Täglich 2h An-und Abfahrtszeit mit PKW.
    Energie und Straßen , das sind hier die entscheidenden Fragen.

  2. Schön, dass Sie Ihre Eindrücke mit uns teilen und aus erst Hand bestätigen, dass Verkehr ein „Hot topic“ ist.

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