Automatisiert und vernetzt

Inga Luchmann, Senior Project Manager Research Sustainable Transport bei der PTV Group, im Interview zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung.

Inga Luchmann, Senior Project Manager Research Sustainable Transport bei der PTV Group, im Interview zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung.

Am 4. Juli fand im Fraunhofer Forum Berlin der 2. MKS-Fachworkshop „Automatisiert und vernetzt: grün und günstig im Straßenverkehr der Zukunft?“ statt. Bisher wurde das automatisierte und vernetzte Fahren vor allem unter den Aspekten der Fahrzeugtechnik, Sicherheit und der Verkehrsflussoptimierung betrachtet. Daher befasst sich eine aktuelle Untersuchung im Rahmen der Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung (MKS) erstmals mit den Reduktionspotenzialen hinsichtlich Endenergieverbrauch und THG-Emissionen. In zwei Fachworkshops wurden die Zwischenergebnisse der Untersuchung vorgestellt und mit Experten diskutiert. Inga Luchmann, Senior Project Manager Research Sustainable Transport bei PTV, berichtet im Interview von den aktuellen Erkenntnissen.

Compass: Beim ersten Fachworkshop im März ging es um die Kosten für die im Fahrzeug verbaute Technik sowie die THG-Reduktionspotenziale durch primäre Effekte des automatisierten und vernetzten Fahrens, etwa durch harmonisierte Geschwindigkeitsprofile und geringeren Luftwiderstand. Diesmal standen die sekundären Einspareffekte im Vordergrund, die sich durch veränderte Mobilitätsangebote, Nutzerakzeptanz und Mobilitätsverhalten ergeben können. Wo liegen denn die gesellschaftlichen Akzeptanzprobleme gegenüber automatisierten und vernetzten Fahrzeugen und welche Auswirkungen haben sie?

Inga Luchmann: Wir haben im Rahmen des Projektes mehr als 50 Studien zur Akzeptanz von automatisierten und fahrerlosen Fahrzeugen ausgewertet. Insgesamt konnten wir feststellen, dass es ein offenes Grundklima für das Thema in der Gesellschaft gibt. Vor allem Männer mittleren Alters mit höherem sozio-ökonomischem Status sind dem autonomen Fahren gegenüber aufgeschlossen.

Die Befragten erwarten mehr Sicherheit und Komfort durch die neuen technischen Fahrfunktionen. Es gibt aber auch Befürchtungen hinsichtlich technischer Ausfälle, Kontrollverlust und Datenschutz. Große Bedenken gibt es außerdem, was die Übergangsphase betrifft, also den Mischverkehr von konventionellen und fahrerlosen Fahrzeugen. Aus meiner Sicht werden aber weitere Forschung- und Entwicklungsvorhaben die technische Reife der Automatisierung vorantreiben.

Selbstverständlich brauchen wir auch Rechtssicherheit für den Einsatz automatisierter und vernetzter Fahrzeuge. An dessen Ausgestaltung wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet. Entscheidend für die Akzeptanz sind daher die erfolgreiche Umsetzung erster Fahrzeugeinsätze im öffentlichen Raum, die dann entsprechend an die Öffentlichkeit kommuniziert werden muss, sowie die Möglichkeit zu persönlichen Testfahrten.

Compass: Wie sehen neue Mobilitätskonzepte und Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit automatisiertem Fahren aus und ergeben sich aus diesen tatsächlich Potenziale zur Reduktion von Endenergieverbrauch und THG-Emissionen?

Inga Luchmann: Vernetzung und Automatisierung können zu verschiedensten Entwicklungen bei den Verkehrsangeboten führen: Das reicht von einer völlig veränderten Fahrzeugausstattung von Privatwagen mit Schlafplätzen und Multimediatechnik bis hin zum nutzerfreundlichen Tür-zu-Tür-Angebot mit einem Car- und Ridesharing-Fahrzeug.

Gerade in Gegenden mit geringer ÖPNV-Nachfrage könnten bedarfsgerechte, zeitlich wie räumlich flexibel eingesetzte Pkws oder Kleinbusse Sammel- und Verteilfunktionen übernehmen. Beispielsweise indem sie Personen zum nächstgelegenen Bahnhof befördern und ankommende Fahrgäste von dort nach Hause bringen. So bieten besonders im ländlichen Raum, wo die Schülerzahlen sinken und überwiegend ältere Menschen leben, gemeinsam genutzte fahrerlose Fahrzeuge die Chance, den öffentlichen Verkehr rentabel aufrecht zu erhalten und ein Angebot zur Daseinsvorsorge leisten zu können.

Auch im Straßengüterverkehr sind kooperative Versorgungsnetze mit Warenumschlagplätzen und der Buchung von Transportvolumen in Form eines Nutzfahrzeug-Sharings denkbar. Vernetzte, automatisierte Fahrzeuge ermöglichen den Einsatz nutzerfreundlicher, kostengünstiger und effizienter geteilter Verkehre. Nur dieser Einklang von Vernetzung, Automatisierung und Sharing weist ein hohes Potenzial an Einsparungen von Endenergie und Treibhausgasen auf.

Compass: Ist durch automatisierte und vernetzte Fahrzeuge mit Veränderungen im Mobilitätsverhalten zu rechnen und wie wirken sich diese auf Endenergieverbrauch und THG-Emissionen des Verkehrssektors aus?

Inga Luchmann: Wir gehen davon aus, dass die Attraktivität des Straßenverkehrs durch diese technischen Änderungen steigen wird. Denn bei hoher Fahrleistung können die günstigeren Betriebskosten trotz hoher Anschaffungskosten zu finanziellen Vorteilen führen. Auch Reisezeitersparnisse sind zu erwarten. Die Möglichkeit, beim Fahren zu lesen oder einen Film zu schauen, führt außerdem zu einer positiveren Bewertung der Reisezeit. Diese Effekte können sich in einer steigenden Anzahl an Autokäufen und -fahrten ebenso wie einer Zunahme von Transportleistungen auf der Straße niederschlagen.

Setzt sich jedoch das gemeinschaftliche Nutzen von automatisierten und vernetzten Fahrzeugen durch, so können die technischen Änderungen auch im Sinne der Nachhaltigkeit zu einer geringeren Verkehrsleistung im Straßenverkehr führen. Ob es jedoch neben den technischen, also den primären Einspareffekten auch bei den Sekundäreffekten zu Treibhausgasreduktion kommen wird, liegt meines Erachtens in erster Linien in der Hand der Politik und der Nutzer. Daher werden fiskalische. ordnungsrechtliche und planerische Steuerungsinstrumente zur Förderung kooperativer Nutzungsformen im Personen- und Güterverkehr, einer gezielten Förderung alternativer Verkehrsmittel und Überprüfung MIV-orientierten Anreize sowie einer an nachfragestarken Achsen des öffentlichen Verkehrs ausgerichteten Siedlungsplanung entscheidenden Einfluss auf das Verkehrsaufkommen haben. Darüber hinaus müssen auch die Bürgerinnen und Bürger dazu bereit sein, sich gemeinsam mit anderen in einem fahrerlosen Fahrzeug befördern zu lassen oder die bestellten Artikel aus nahegelegenen Warendepots abzuholen oder von Liefer-Robotern entgegenzunehmen.

Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung

Die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung, kurz MKS, ist das Instrument zur Umsetzung der Energiewende im Verkehrssektor und damit zur Erreichung der übergeordneten umwelt- und energiepolitischen Ziele der Bundesregierung. Die MKS ist als eine „lernende Strategie“ angelegt, um Wege aufzeigen, wie die Energiewende im Verkehr langfristig umgesetzt werden kann. Sie bietet eine verkehrsträgerübergreifende Informationsgrundlage.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der MKS ist ein Konsortium aus Fraunhofer ISI und IML, M-Five, der TU Hamburg Harburg und der PTV Group mit der Entwicklung einer Strategie zur Dekarbonisierung im Verkehr und der Analyse und Bewertung von verschiedenen Maßnahmen beauftragt worden. In diesem Rahmen haben wir als PTV AG zum Beispiel die THG-Einsparpotenziale von Reaktivierungsmaßnahmen stillgelegter Schienenstrecken oder von einer Elektrifizierung von Schienenstrecken untersucht ebenso wie mögliche Beiträge durch Digitalisierung und Automatisierung der Sicherungstechnik als Teil der Eisenbahninfrastruktur. Diese Untersuchungen dienen als Entscheidungsgrundlage für die Regierung zur Priorisierung von Maßnahmen. Ausgewählte Maßnahmen sollen dann in Form einer Roadmap zur MKS-Strategie zusammengeführt und anschließend umgesetzt werden.

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