IPIC 2017: Physical Internet in Wissenschaft und Praxis

Marcel Huschebeck, Manager Logistics Research bei PTV, Dr. Benoit Montreuil, Chair und Professor bei Georgia Tech, Coca-Cola Material Handling & Distribution Center, Atlanta, GA, und Erdenker des Physical Internets und Dr. Michael Nutto, Solution Director PTV xServer (v. l. n. r.) auf der IPIC 2017.

Marcel Huschebeck, Physical-Internet-Erdenker Dr. Benoit Montreuil, Chair und Professor bei Georgia Tech, Coca-Cola Material Handling & Distribution Center, Atlanta, GA, und Dr. Michael Nutto, Solution Director PTV xServer (v. l. n. r.).

Anfang Juli fand die 4. International Physical Internet Conference in der LogistikWerkstatt Graz statt (lesen Sie dazu auch unsere Pressemitteilung). Marcel Huschebeck, Manager Logistics Research bei der PTV Group, berichtet im Interview von der Konferenz.

Beim Physical Internet geht es um die Vision, Waren so einfach zu versenden wie Informationen durch offene Kanäle im Web. Dabei wird das Prinzip des Austauschs standardisierter Datenpakete auf Materialflüsse übertragen. Das Physical Internet kombiniert Trends wie Digitalisierung, Automatisierung und Sharing Economy in ein umfassendes Logistikkonzept mit dem Ziel, die Transportlogistik effizienter, flexibler und umweltfreundlicher zu gestalten.

Compass: Das Motto der Konferenz lautete ja “Science meets Industry” – waren viele Vertreter aus der Industrie vertreten, die auch schon praktische Erfahrungen auf dem Weg zum Physical Internet gesammelt haben?

Marcel Huschebeck: Auf jeden Fall. Besonders interessant für mich war, dass das Prinzip der standardisierten Boxen zur Belieferung, wie wir sie in dem von uns koordinierten EU-Projekt MODULUSHCA konzipiert und getestet haben, in der Praxis angekommen sind. Die Standardisierungsorganisation GS1 Germany stellte jüngst solche speziellen, standardisierten Boxen zur Belieferung des Handels vor. Ruediger Hagedorn vom Consumer Goods Forum hat die Vorteile der Modularisierung von Lieferungen in seiner Eröffnungsrede vorgestellt. Sie sind schließlich die Grundlage für ein integriertes Logistiksystem auf internationaler Ebene. In einer späteren Session hat Maximo Martinez Avila von Procter & Gamble in Belgien ebenfalls über dieses Thema gesprochen und von ersten Implementierungen in Belgien berichtet, wo solche Boxen für bestimmte Produkte bei Delhaize getestet werden.

Spannend war auch das Thema „Hyperconnected distribution“. Hier ging es insbesondere um das Potential kooperativer Transportabwicklung, sowohl was die Lagerung als auch den Transport betrifft. Simulationen versprechen ein Kosteneinsparpotential von 33 % gegenüber nicht kooperativen Ansätzen. Dass dies durchaus plausibel ist, zeigen erste Praxisbeispielen von den Firmen FLEXE in den USA oder CRC-Services in Frankreich. Solche „Hyperconnected distributions“ könnten auch gut mit unserer Transportplanungssoftware PTV Smartour geplant werden.

Die Bereitschaft der Logistikdienstleister zum Network Sharing, also die gegenseitige Nutzung von Distributionsnetzwerken, wurde auf der diesjährigen IPIC auch intensiv durch die Logistikdienstleister FM Logistics und Schencker diskutiert. Aber trotz dieser ersten positiven Ergebnisse wird es eine große Herausforderung werden, Speditionsnetzwerke in Zukunft durch Networksharing und Kooperation effizienter zu gestalten. Bei der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass einem „neutralen Manager“ eine große Bedeutung zukommt.

Compass: Welches Thema fand besondere Beachtung auf der Konferenz?

Marcel Huschebeck: Ein großes Thema war auf jeden Fall die urbane Logistik. Hier kann das Physical Internet besonders seine hilfreiche Wirkung entfalten – wenn es denn Realität geworden ist. Nämlich über die Potenziale, die Kooperationen bieten, die Bündelung ausgehender wie eingehender Lieferströme, die Verteilung auf der letzten Meile. Damit befassen wir uns auch im Rahmen der Projekte CLUSTERS 2.0 und AEOLIX. Zu AEOLIX konnten wir ein Konzept zu „smart xServern“ präsentieren, in dem wir die letzte Meile durch spezielle Informationen zur Lieferadresse genauer und präziser planen können. Hierzu müsste der PTV xLocate mit Zusatzinformationen ausgestattet werden, z. B. „die Postadresse ist nicht die Lieferadresse, Lieferungen bitte über die „X“-Straße zu den Öffnungszeiten 14:00 – 18:00“. Dieser Datenbestand bietet wertvolle Zusatzinformationen zur Tourenplanung und -durchführung und kann auch durch eine Community gepflegt werden.

Wir hatten darüber hinaus die Möglichkeit, einen Workshop zu CLUSTERS 2.0 abzuhalten. Darin ging es insbesondere um die Schnittstelle zwischen Fernverkehr (interurban) und dem städtischen Verkehr (urban). Wir möchten hier einen neuen Anlauf nehmen, um durch Kooperation Güterströme effektiver zu bündeln. Hierzu wurde die Synchromodal-Initiative CargoStream vorgestellt, eine Plattform für den Datenaustausch zwischen Verladern und Transporteuren, um Sendungen bedarfsoptimiert auf Verkehrsmittel aufzuteilen. Aus PTV Forschungssicht würden uns gerne an diese Plattform mit unseren Clouddiensten PTV xServer internet und unseren intermodalen Planungsdiensten xIntermodal anbinden, um diese Potentiale unter realen Bedingungen optimieren zu können.

Compass: Was denkst du, wann werden wir das Physical Internet erleben?

Marcel Huschebeck: 2050 war so ein Datum, das lange als Zeitpunkt gehandelt wurde. Aber inzwischen ist technologisch vieles schon vorhanden, um diese Vision deutlich früher zu realisieren. Außerdem ist es sinnvoller, auf Etappenziele hinzuarbeiten. Wie gesagt, die Technologien zu Umschlag, Lager, Handling, Roboter und Automatisierung sind da – nun muss nur noch die Logistik nachziehen

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