Physical Internet: Wissenschaft trifft Wirtschaft

Sergio Barbarino, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich R&D bei Procter & Gamble, im Interview zum Thema Physical Internet

Sergio Barbarino, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich R&D bei Procter & Gamble, im Interview zum Thema Physical Internet

Procter & Gamble ist der größte Konsumgüterhersteller weltweit. Über 4 Milliarden Menschen setzen ihr Vertrauen in Produkte von P&G, die in mehr als 180 Ländern auf der ganzen Welt vermarktet werden. Um das Leben der Verbraucher in aller Welt zu verbessern, setzt das Unternehmen auf nachhaltige Innovationen. So ist P&G auch sehr daran interessiert, die Vision des Physical Internets wahr werden zu lassen. Sergio Barbarino, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Research & Development bei P&G, spricht in unserem Interview über die Sichtweisen von Industrie und Handel und erläutert wichtige Aspekte zum Thema Physical Internet.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich R&D ist Sergio Barbarino an zahlreichen Logistikprojekten beteiligt. Dazu gehört auch das EU-Projekt MODULUSHCA, das von der PTV koordiniert wurde. Es ist das erste Projekt auf dem Weg zum Physical Internet. Darüber hinaus ist Sergio Barbarino Vorsitzender von ALICE (Alliance for Logistics Innovations through Collaboration), einer Allianz, die sich mit logistischen Innovationen durch Zusammenarbeit in Europa befasst.

Compass: Wann haben Sie zum ersten Mal von Benoit Montreuils Vision eines Physical Internets gehört und wie kamen Sie dazu, im Auftrag von P&G, diese umfangreich zu unterstützen?

Sergio Barbarino: Damals im Jahr 2010, befasste ich mit dem Thema „Horizontale Zusammenarbeit“ und einer meiner Kollegen machte mich auf den Artikel von Prof. Eric Ballot aufmerksam. Wir luden ihn ein, bei einer Veranstaltung von P&G einen Vortrag über Zukunftstrends zu halten, in dem er auch das Physical Internet und Prof. Montreuil erwähnte.

Compass: Wie beurteilen Sie die Reaktion seitens der Akteure aus Industrie und Wirtschaft auf das Physical Internet? Eigentlich müssen sämtliche Prozesse überdacht werden – von der Herstellung bis hin zur Lieferung – und dabei insbesondere die Art und Weise, wie man Stärken und Kompetenzen verbindet, um gemeinsam die Vision des Physical Internets zu realisieren.

Sergio Barbarino: Ich glaube, dass viele Akteure aus dem Logistikbereich bereits die Chancen, etwa bessere Ressourcenauslastung, erkannt haben. Die eigentliche Schwierigkeit besteht jedoch darin, ein neues tragfähiges Geschäftsmodell zu schaffen, über das Ressourcen einfach gemeinsam genutzt werden können. Darüber hinaus muss akzeptiert werden, dass bestimmte Arbeitsweisen in Zukunft nicht mehr geeignet sind.

Compass: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis man das Physical Internet weltweit umgesetzt hat? Was sollten die nächsten Schritte sein? Und können Sie uns etwas über die nächsten Maßnahmen sagen, die P&G in Bezug auf das Physical Internet ergreifen wird?

Sergio Barbarino: In der Roadmap von ALICE wurde das Jahr 2050 avisiert, ein Datum, das ursprünglich im Oktober 2013 in einem Kolloquium während der TEN-T-Tage in Tallinn festgelegt wurde. Dieser Vorschlag wurde seitens des Generaldirektors der EU-Kommission MOVE eingebracht, der die Umsetzung des Physical Internets als Ziel für die Roadmap 2050 vorsah. Wir haben eine Diskussion über einen neuen Zeithorizont bis zum Jahr 2030 angestoßen – dieser Zeitrahmen erscheint realistischer und verbindlicher.

Bei P&G begrüßen wir jede nachhaltige Lösung, die zur Beseitigung von Strukturmängeln beiträgt. So sind wir bereits an mehreren Initiativen zur gemeinsamen Nutzung logistischer Ressourcen beteiligt. Erst kürzlich startete das von der EU kofinanzierte Projekt CLUSTERS 2.0 mit mehreren intermodalen Terminals und einer zuverlässigen Data-Sharing-Lösung. Ziel des Projekts ist es, auf den am stärksten frequentierten EU-Handelsstrecken mehr intermodale Verbindungen zu schaffen und damit einen ersten Baustein in Richtung PI zu legen.

Zugleich sollten wir die Ergebnisse des MODULUSHCA-Projekts beachten. So wurde vor kurzem bei GSI Germany eine Vereinbarung über eine sogenannte Universal Box (eigentlich 3) für Fast Moving Consumer Goods, kurz FMCG, unterzeichnet. Wenn dieser vorgeschlagene Standard auf breiter Ebene angenommen wird, könnte dies sicherlich die vom PI-Modell vorgesehenen Innovationen vorantreiben.

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