Datenfluss gleich Transportfluss

Die Transportwirtschaft und die urbane Logistik profitieren von der Telematik. Auch übermorgen noch? Neue Ansätze weisen einen spannenden Weg in die Zukunft, zum Beispiel in Richtung Physical Internet. Foto: iStock/Alija

Telematik? In Zeiten von Digitalisierung, Logistik 4.0, Big Data, E-Commerce und Echtzeit-Avisierung wirkt dieser Begriff veraltet. Bereits 1978 eingeführt bildet die Telematik jedoch die Grundlage für diverse datenbasierte Planungs-, Steuerungs- und Transportprozesse. Insbesondere in der Transportwirtschaft ist der Einsatz und Nutzen der Telematik heute allgegenwärtig und klar darstellbar. Wie werden die Lösungen übermorgen aussehen?

Mal statistisch betrachtet: Satte 3,5 Milliarden Tonnen an Gütern wurden laut dem Statistischen Bundesamt in 2015 auf dem Straßennetz durch Deutschland transportiert. Die Tendenz ist immer noch steigend. In unserem täglichen Leben spielen die Verkehrssteuerung und die Logistik eine immer größere Rolle. Sie folgen auch einem veränderten Produktions- und Bestellverhalten, das immer höhere Ansprüche an die logistischen Prozesse stellt. Der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt bestätigte in seiner Eröffnungsrede auf der Messe transport logistic in München kürzlich: „Die Logistik wird stärker gebraucht als in der Vergangenheit.“

Ja, immer mehr und oft auch immer kleinteiligere Waren müssen von A nach B nach C gebracht werden. Aber wie kommt der Gütertransport grundsätzlich in Gang? Hier setzt die Telematik an, hier bilden Digitalisierung und Datenaustausch die Basis: Erst Informationen lösen den Güterfluss aus. Sie fließen vor und parallel zur logistischen Kette. Je besser der Informationsfluss verläuft, desto effizienter und zuverlässiger funktioniert die gesamte ‚Supplay Chain‘.

Datensammlung „online“

Ohne Daten funktioniert fast nichts mehr. Daran haben wir uns gewöhnt. Für die Transportwirtschaft ist vorrangig wichtig, die Daten nicht nur zu sammeln, sondern auch, sie auszuwerten und Prozesse zu verbessern. Gesammelt wird auf vielfältigen Wegen. Bekannt sind die sogenannten Floating Car Data (FCD): Diese Daten lassen sich während einer Fahrt direkt aus dem Fahrzeug heraus generieren: Per GPS-Gerät, Mobilfunk und Endgerät gelangen wichtige Informationen zum Verkehrsfluss aus dem eigenen Fahrzeug an eine FCD-Zentrale. Diese sammelt und verarbeitet die Daten aller FCD-Teilnehmer. Verkehrsbehinderungen lassen sich so erkennen und via Mobilfunk angeschlossenen FCD-Teilnehmern bereitstellen. Die Fahrer bzw. die verwendeten Navigationssysteme können somit sofort reagieren.
Historische Daten für Straßennetze stellen eine weitere Datenquelle dar. Die Daten stammen aus anonymisierten GPS-Messungen verschiedener Navigationssystemhersteller.

Von außen betrachtet, hört sich diese Datenbasis umfangreich an. Aber wir stoßen schnell an Grenzen, die in der Transportlogistik kostspielig sein können!

ETA kann jeder, oder?

Heute bietet nahezu jeder Telematikdienstleister die Berechnung einer erwarteten Ankunftszeit, der Estimated Time of Arrival, kurz ETA, an. Diese passt je nach Datenbasis im Regelfall nicht mit der Realität eines Lkw-Transports zusammen: Größtenteils beruht das Datenmaterial auf Werten für Pkws. Die unterschiedlichen Fahrzeugprofile, die besonderen Profile der Lkws, werden im Big-Data-Umfeld bisher zu wenig berücksichtigt: Letztlich scheitert ein auf Pkws bezogenes System oft an der falschen Angabe zur Durchschnittsgeschwindigkeit. Lkw-spezifische Merkmale im Fahrverhalten sind jedoch ausschlaggebend für eine genaue Berechnung der Ankunftszeit einer Lieferung: Ein Lkw benötigt grundsätzlich eine längere Fahrzeit als Pkws, das ist noch leicht zu korrigieren. Noch differenzierter werden die Unterschiede bei steilen Streckenabschnitten, zum Beispiel in den Kasseler Bergen. Nur wenige Systeme integrieren diese Truck-Attribute. Was passiert zudem an einer Landesgrenze? Wo die Fahrer der Pkws bequem und schnell die Grenzmarkierung passieren, steht der Lkw-Fahrer mit seinem Transport häufig in der Warteschlange. Kaum ein System berechnet hier korrekte Werte. Und was geschieht mit den Restriktionen wie Restlenkzeit und Ruhezeitvorgaben? Auch diese Vorschriften haben Einfluss auf die exakte Angabe der ETA.

Daten sind wichtig – man muss jedoch die richtigen verwenden: Die wenigen Dienstleister, die ihr System mit Truck-Attributen ausstatten, sind Wegbereiter für die Zukunft. Mit einer solchen Software-Lösung lässt sich die kürzeste, schnellste und effizienteste Tour berechnen – inklusive der korrekten Avisierung der Ankunftszeit.

Aufwändiges zuletzt

Ein besonderer Aspekt, der die heutige Transportwirtschaft umtreibt: die letzte Meile, auf der die Waren unterwegs sind; häufig liegt sie im innerstädtischen Bereich. Dieser Bereich ist gekennzeichnet durch eine Fülle an Restriktionen: spezielle Zeitfenster für die Durchfahrt, Ladenöffnungszeiten, viele einzelne Lieferungen an diverse Empfänger oder Frischwaren, die unversehrt an ihr Ziel gelangen sollen. Hinzu kommen Lieferversprechen wie die Same-Day-Belieferung.

Hier hat sich das Konzept der Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) weltweit durchgesetzt. Trotz des riesigen Markts herrscht ein harter Wettbewerb unter den Anbietern: Sie haben mit knappen Ressourcen, steigenden Kundenanforderungen und einem enormen Preisdruck zu kämpfen: kleinere Sendungseinheiten bedeuten auch kleinere Gewinne pro Paket. Laut dem Logistikdienstleister GEODIS entfallen 40 % der gefahrenen Kilometer, 50 % der Kosten und 60 % der CO2-Emissionen auf die Städte: Die Unternehmen stehen vor besonderen Herausforderungen. Bernd Schwenger, Director Amazon Logistics, Amazon Deutschland Transport GmbH, beschwörte auf der transport logistic 2017 entsprechend die ‚Demand Chain‘: Der Logistikprozess müsse vom Kunden aus rückwärts betrachtet werden.

Rückwärts von der Rampe

Also betrachten wir einen Transportprozess rückwärts. Beispielsweise bietet sich der Blick von der Rampe aus an. Die langen Wartezeiten und damit verbundenen hohen Verluste sind schon länger in aller Munde. Kann Telematik hier helfen? Systemübergreifende Informationsketten sind hier gefragt. Als Lösungsansatz dient ein Praxisbeispiel: Der Online-Dienst PTV Drive&Arrive Arrival Board visualisiert in Echtzeit den Rampenzulauf eigener Fahrzeuge sowie der Fahrzeuge externer Dienstleister, Zulieferer oder Kunden. Die Software stellt die Daten systemübergreifend allen Beteiligten der gesamten Lieferkette zur Verfügung. Das passiert unabhängig der eingesetzten Telematiksysteme jedoch mit deren Unterstützung.

Die Vorteile des Systems: Bestehende Zeitfenstersysteme können flexibel genutzt werden. Avisiert der Fahrer rechtzeitig seine Ankunft, kann ihm das Rampenpersonal eine Abladezeit über eine Expressrampe garantieren. Insgesamt lassen sich die Lkw-Standzeiten verringern und Standgelder vermeiden. Nicht zuletzt ist eine dynamische Einteilung des Personals im Lager möglich: eine effiziente Planung aller Ressourcen. Ein zukunftsträchtiges transparentes System ist entstanden. Sowohl im Bereich der Endkundenbelieferung als auch bei den Gütertransporten wird die systemübergreifende Transparenz und Konnektivität immer wichtiger. Bisher liefern nur wenige moderne Systeme die geforderte Transparenz.

Ein Ausblick: Physical Internet

Wenn wir heute von Daten sprechen dann auch von Digitalisierung. Sie macht neue Konzepte möglich wie das Physical Internet: Dies ist ein Konzept für ein optimiertes, standardisiertes weltweites Gütertransportsystem, bei dem fragmentierte, anbieterunabhängige Transporte durchgeführt werden: Jeder Transporteur, der freie Kapazitäten hat, übernimmt die Beförderung der Güter für einen Teil der Strecke.

Zum Einsatz sollen standardisierte Transportbehälter kommen, über die eine maximale Auslastung von Transportfahrten erreicht wird. Gemeinsame Hubs, Übergabepunkte und standardisierte Schnittstellen dienen der einfachen Konsolidierung und Weitergabe der Güter. Im Endeffekt erreicht man eine deutlich effizientere Auslastung der Transportwege – sowohl unter ökonomischen als auch ökologischen Aspekten. Auch der Fahrer profitiert von kürzeren Fahrten und Strecken. Denkbar ist auch der Einsatz von Taxis oder privaten Pkws; alles unter der Bedingung durchfließender Informationen. Die Telematik wird hier weiterhin von größter Bedeutung sein.

Passende Lösungen
Lesen Sie hier Detailinformationen zur PTV-Lösung für Effizienz, Planungssicherheit und Vernetzung entlang der gesamten Lieferkette PTV Drive& Arrive und zur dynamischen Zulaufsteuerung mit dem PTV Arrival Board.

Der Artikel wurde auch in der DVZ veröffentlicht.

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