Physical Internet: Wie weit sind wir bisher gekommen?

Dr. Benoit Montreuil, Professor an der Georgia Tech, Coca-Cola Chair in Material Handling & Distribution, Leiter des Physical Internet Centers und des Supply Chain & Logistics Institutes

Dr. Benoit Montreuil, Professor an der Georgia Tech, Coca-Cola Chair in Material Handling & Distribution, Leiter des Physical Internet Centers und des Supply Chain & Logistics Institutes

In seinem Beitrag „Towards a Physical Internet: Meeting the Global Logistics Sustainability Grand Challenge“ hat Dr. Benoit Montreuil, Lehrstuhlinhaber und Professor an der Georgia Tech, Coca-Cola Material Handling & Distribution Center, Atlanta, GA, nicht nur gezeigt, dass die logistischen Abläufe in Transport, Handhabung, Aufbewahrung, Umsetzung, Lieferung und Verwendung physikalischer Objekte weltweit äußerst ineffizient sind. Er entwickelte auch eine Vision für einen bedeutend nachhaltigeren Weg, um diese Aufgaben zu lösen. In unserem Interview spricht er über die neuesten Erfolge und wichtige Schritte in Richtung eines Physical Internets.

Die Auswirkungen für und Anforderungen an das Physical Internet nannte Benoit Montreuil die „Global Logistics Sustainability Grand Challenge”. Dieser Herausforderung müssen sich Tausende, ja Millionen von Menschen stellen, indem sie ihre gesamten Prozesse überdenken. Dazu gehört vor allem auch ihre Bereitschaft, eine offene, kooperative und vernetzte Logistik zu unterstützen. Dies könnte eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, da Unternehmen sich ungern öffnen, meist aus Angst vor Spionage oder anderen möglichen Folgeschäden für ihr Geschäft.

Compass: Wie war die Reaktion auf Ihr Paper, als Sie es zum ersten Mal veröffentlichten? Sie beschreiben darin ja nicht nur die Art und Weise, wie physikalische Objekte derzeit transportiert, gehandhabt, aufbewahrt, umgesetzt, geliefert und verwendet werden, sondern weisen auch auf die Schwächen hin.  Fühlten sich die beteiligten Akteure angegriffen oder stimmten sie Ihnen zu?

Benoit Montreuil: Bei der Präsentation meiner Ergebnisse war ich immer sehr darauf bedacht, dass sich niemand als inkompetent oder nachlässig dargestellt fühlt. Ganz im Gegenteil – ich habe stets darauf hingewiesen, dass die Akteure innerhalb der Supply Chain und Logistik zu jeder Zeit ihr Bestes im Rahmen der vorherrschenden Systeme und Paradigmen geben. Die meisten standen dem Thema sehr offen gegenüber und haben erkannt, dass jedes Teil des Bildes, dass ich ihnen präsentierte, für sich genommen Sinn ergab. Und dass diese ein Mosaik darstellten, das in der Tat eine weitreichende systembedingte Ineffizienz und mangelnde Nachhaltigkeit widerspiegelt, die es zu beheben galt. Ich möchte nicht behaupten, dass es niemanden gab, der sich auf den Schlips getreten fühlte, doch das war stets sicher eine Ausnahme.

Compass: Welche ersten konkreten Ergebnisse konnten Sie auf dem Weg zur Realisierung Ihrer Vision, zumeist in Forschungsprojekten, erzielen?

Benoit Montreuil: Zu Beginn, also im Zeitraum von Mitte 2006 bis Anfang 2008, ging ich mit meiner kreativen Arbeit in Bezug auf das Physical Internet erstmal nicht an die Öffentlichkeit. Nach und nach habe ich dann meine wichtigsten Konzepte und Ideen einer kleinen Gruppe von Kollegen präsentiert, bei denen ich mir sicher war, dass sie sich ernsthaft mit meiner Arbeit befassen und mir ehrliches und aufrichtiges Feedback geben würden. Als ich der Überzeugung war, dass ich das Physical Internet ausreichend begründet und definiert hatte, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen, beschloss ich, den langwierigen Prozess der wissenschaftlichen Beiträge zu umgehen und eher einen Ansatz der „offenen Innovation“ zu verfolgen. So stellte ich die Webseite www.physicalinternetinitiative.org online und startete mit einer Serie, in der ich Versionen des Physical-Internet-Manifests veröffentlichte. Dadurch konnten sich zahlreiche Interessenten mit dem Physical Internet vertraut machen und viele Rückmeldungen flossen direkt in die nächsten Versionen ein. Ein TEDx-Vortrag brachte den Stein dann richtig ins Rollen. Ich wurde nach Bukarest eingeladen, um dort vor etwa tausend Gästen einen Vortrag zu halten, den anschließend viele Menschen im Internet verfolgten.

In den darauffolgenden Jahren hielt ich zahlreiche Keynote-Vorträge auf der ganzen Welt – vor Fachpublikum aus Wissenschaft und Wirtschaft. Neben den frühen Ausarbeitungen und Gesprächen mit Kollegen aus Amerika und Europa (vor allem mit den Professoren Ballot, Meller und Glardon) haben wir intensiv an der Gestaltung und Realisierung von Forschungs- und Innovationsprojekten gearbeitet, bei denen Akteure aus Industrie und Wissenschaft eingebunden waren. Diese Projekte haben maßgeblich zur Verbreitung der Konzepte und Grundprinzipien des Physical Internets beigetragen. Mögliche Potenziale wurden intensiv beleuchtet und einer strengen Beurteilung unterzogen, um Effizienz und Nachhaltigkeit der Supply Chains und Logistiksysteme um ein Vielfaches zu verbessern.

Compass: Sieben Jahre später: Was waren bisher die größten Erfolge?

Benoit Montreuil: Das Physical Internet galt zunächst als eine solide, kreative, bahnbrechende Lösung für die enormen Herausforderungen, die sich im Hinblick auf die Gestaltung einer effizienten und nachhaltigen Logistik sowie Supply Chain ergaben. Angesicht des schieren Umfangs erschien es vielen jedoch utopisch.

Heute stellt sich die Situation anders dar. Mittlerweise stößt das Physical Internet auf breite Anerkennung. Eine schrittweise und skalierbare Implementierung gilt als machbar. Und man hat erkannt, dass es einen soliden Plan bietet, um zukünftig physikalische Objekte zu bewegen, bereit zu stellen, zu realisieren, zu liefern, zu gestalten und zu verwenden.

ALICE European Technology Platform for Logistics steht für einen weiteren bemerkenswerten Schritt in Richtung erfolgreicher Implementierung. Dabei wurde das Physical Internet als strategisches Ziel für die Roadmap 2030-2050 der europaweiten Logistik festgelegt. Auch die Projekte PREDIT, CELDi, CIRRELT und Modulushca, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Physical Internet befassen, haben bereits richtungsweisende Beiträge geleistet, indem sie das Potenzial von PI bewertet haben, Prototypen für PI-Container entwickelt und PI in Pilotprojekten getestet haben. Die International-Physical-Internet-Konferenzen, die in Quebec City, Paris, Atlanta und Graz stattfanden, haben der Zusammenarbeit zwischen den klugen Köpfen aus Wirtschaft, Politik, Technologie und Wissenschaft eine ganz besondere Dynamik verliehen. Ein letzter, meiner Meinung nach sehr wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass Unternehmen die Konzepte des Physical Internets aufgreifen und intelligente vernetzte Logistikprozesse auf den Weg bringen, aus denen Innovationen und Geschäftsmodelle entstehen. Seien es Vorhaben wie Clear Destination, „Convertible“-Konzepte, CRC-Services und Marlo, Logistik-Cluster wie Bologna-Trieste, Euralogistics und Saragossa, oder Weltmarktführer wie Amazon, Daimler und Procter & Gamble.

Compass: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis man das Physical Internet weltweit umgesetzt hat? Was sollten die nächsten Schritte sein?

Benoit Montreuil: Das Physical Internet entwickelt sich bereits, aber es steckt noch in den Kinderschuhen. Ich denke, dass es bis zum Jahr 2030 fast überall auf der Welt vorhanden und in zahlreichen Branchen angenommen sein wird – mit neuen vernetzten Logistikdienstleistern und Nutzern. Bis dahin wird es sich als praxiserprobte Lösung etabliert haben, die für Effizienz, Nachhaltigkeit und Funktionalität in der Logistik steht. Eine Lösung, die es ermöglicht, die enormen Herausforderungen der vielfältigen Logistikkanäle zu bewältigen und die Verheißungen der Shared sowie der Circular Economy wahr werden zu lassen.

Bei den nächsten Schritten geht es darum, frühe Erfolge aufzuzeigen, die Nutzeffekte zu erkennen und dabei sicherzustellen, dass sie als Sprungbrett hin zu reifen Implementierungen dienen. Es gilt, Physical-Internet-Behälter und Lösungen für die Abwicklung, Lagerung und den Transport zu entwickeln, zu implementieren, wirtschaftlich zu nutzen und fortlaufend zu verbessern. Das gleiche gilt für vernetzte Technologieplattformen. Logistikdienstleister müssen Angebote und Lösungen konzipieren, entwickeln und vermarkten, die vermehrt im Einklang mit dem Physical Internet stehen. Hersteller, Händler und E-Commerce-Akteure müssen erkennen, wie ihnen das Physical Internet dabei hilft, sich auf ihre Kompetenzen zu konzentrieren, ihren Kunden schnellere, bedarfsorientiertere Dienste anzubieten und ihre Supply Chains intelligenter, agiler, skalierbarer und belastbarer zu gestalten. So lassen sich anschließend die erforderlichen Innovationen testen und in großem Maßstab implementieren. Führende Akteure, die für die Region und Infrastruktur zuständig sind, müssen sich damit befassen, wie das Physical Internet ein Eckpfeiler ihrer strategischen Entwicklung werden kann, insbesondere im Hinblick auf das neue, vernetzte Zeitalter, in dem das digitale Internet, das Internet der Dinge, das Energie-Internet und Physical Internet das Fundament für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlstand bilden.

Physical Internet im Überblick

Beim Physical Internet geht es um die Vision, Waren so einfach zu versenden wie Informationen durch offene Kanäle im Web.  Dabei wird das Prinzip des Austauschs standardisierter Datenpakete auf Materialflüsse übertragen mit dem Ziel, die Transportlogistik effizienter, flexibler und umweltfreundlicher zu gestalten. Aber das ist noch nicht alles: Eine universelle Interkonnektivität mit Hochleistungslogistikzentren, Systemen und Vorreitern; Welt-Standardprotokolle und ein offener Markt für nachfragende Unternehmen und Anbieter bezüglich Transport, Lagerung und Produktion wären hierzu notwendig. Eine Verlagerung von privaten Versorgungsnetzen hin zu vernetzten Netzwerken, die wiederum in noch umfangreicheren Netzwerken eingebettet sind und die allesamt auf den Protokollen und Standards des Physical Internets fußen. Lesen Sie mehr über die Anforderungen in dem aufschlussreichen Beitrag von Dr. Benoit Montreuil zur Vision eines Physical Internets.

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