In welcher Welt wollen wir leben?

Unsere Welt der Mobilität beleuchten Thomas Ferrero, Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH und Ulrich Syberg, Bundesvorsitzender des ADFC.

Die Welt der Mobilität beleuchten Thomas Ferrero, Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH und Ulrich Syberg, Bundesvorsitzender des ADFC. Foto: Maya Claussen.

Stau auf der Straße, fehlende Radwege, verspätete Bahnen. Muss Verkehr immer ein Ärgernis bleiben? Für das Magazin alverde des Handelsunternehmen DM diskutieren zum Thema „In welcher Welt wollen wir leben?“ zwei Mobilitätsexperten darüber, wie wir in Zukunft besser von A nach B kommen: Unser Verkehrsingenieur Thomas Ferrero von der PTV Group und der Bundesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Ulrich Syberg.

Ulrich Syberg: Es gibt in diesem Jahr ein großartiges Jubiläum: Das Fahrrad wird 200 Jahre alt! Das wäre doch eigentlich der ideale Anlass, auch die Verkehrspolitik mutiger zu gestalten. In Paris soll die ganze Innenstadt autofrei werden. London will eine Milliarde in den Ausbau der Radinfrastruktur investieren. Deutschland kommt mir dagegen zaghaft vor.

Thomas Ferrero: Der Umdenkprozess ist aber im Gange. Man muss gar nicht über die Grenzen schauen. Seit Langem gibt es mit Münster, Erlangen oder Karlsruhe Vorzeigestädte für eine Verkehrspolitik, in der das Rad eine wichtige Rolle spielt. Andere Städte entwickeln auch neue Mobilitätskonzepte – einfach, weil die Straßen immer voller werden und damit auch immer mehr Umweltbelastung einhergeht. Stuttgart mit seinen hohen Feinstaubwerten ist das beste Beispiel dafür. Der öffentliche Nahverkehr ist inzwischen ein Standortfaktor. Kommunen, die eine gut funktionierende Mobilität ermöglichen, haben einen Wettbewerbsvorteil.

„Der öffentliche Nahverkehr ist inzwischen ein Standortfaktor.“
Thomas Ferrero

Ulrich Syberg: Für die junge Generation ist das eigene Auto kein Muss mehr. Doch was ist mit autonom fahrenden Autos: Ist das Zukunftsmusik oder bald Alltag auf den Straßen?

Thomas Ferrero: Hätten wir uns vor zehn Jahren vorstellen können, dass wir alle auf einem flachen, handgroßen Gerät herumwischen würden und fast an jedem Ort der Welt online gehen können? Einiges, was heute undenkbar scheint, kann in kurzer Zeit Alltag werden. Im autonomen Fahren steckt eine große Chance – nicht nur für die Städte, auch für den ländlichen Raum. Wir haben in Deutschland viele Regionen, die dünn besiedelt sind und in denen Geschäfte, Banken sowie Arztpraxen schließen. Wenn die ältere Generation nicht mehr selbst fahren muss, sondern sich in ein autonomes Auto setzt, das sie zum Arzt in der nächsten größeren Gemeinde bringt, dann hat das eine ganz neue Servicequalität. Noch stärker als für den Individualverkehr sehe ich aber Möglichkeiten für den öffentlichen Nahverkehr. Mit autonomen Bussen können die Verkehrsunternehmen den Busverkehr wieder ausweiten und Taktfrequenzen verdichten.

„Im autonomen Fahren steckt eine grosse Chance, auch für den ländlichen Raum.“
Thomas Ferrero

Ulrich Syberg: Kann die Digitalisierung dazu beitragen, dass Mobilität nicht weiter ausufert? Im ADFC halten wir Konferenzen per Videoschaltung ab. Und auch wenn Waren sich nicht durch die Kabel schicken lassen, brauchen wir vielleicht bald nur noch die Daten, um das Produkt selbst am 3D-Drucker zu produzieren.

Thomas Ferrero: Ich denke, dass Menschen und Güter auch in Zukunft mobil sein wollen und werden. Digitalisierung ist aber ein gutes Stichwort. Denn ich bin überzeugt, dass wir zu Mobilitätsketten kommen werden. Darin wird das – selbstfahrende – Auto eine Rolle spielen, der öffentliche Nahverkehr und das Rad. Und diese Verkehrsmodule kann man nur durch vernetzte Digitalisierung aufeinander abstimmen. Etwa mit einer App, die ermittelt, welches Verkehrsmittel bereitsteht, und es für mich reserviert. Mobilität wird eine Dienstleistung werden. Alle großen Automobilkonzerne sind schon in Bereichen unterwegs, die weit über die bloße Fahrzeugproduktion hinausgehen.

Ulrich Syberg: Bleiben wir einmal im Jetzt. Wenn in Städten Teile der Straße in Fahrradstreifen umgewandelt werden oder Tempo- 30-Zonen ausgebaut werden, gibt es von den Autofahrern Proteste – auch wenn die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Realität innerstädtisch um die 20 Stundenkilometer liegt. Verkehrspolitik ist auch eine Verteilungsfrage. Politiker müssen Farbe bekennen und sagen, an welchen Schrauben sie drehen wollen.

Thomas Ferrero: Oft ist die Einstellung „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Politik ist die Kunst des Machbaren und des Ausgleichs von Interessen. Ich bin weit entfernt davon, jeden Autofahrer zu verdammen, der mit dem Auto in die Stadt fährt; viele haben gute Gründe dafür. Das Ziel muss die friedliche Koexistenz aller Mobilitätspartner sein. Dazu gehört auch, dass sich alle an Regeln halten. Und je mehr Radfahrer unterwegs sind, desto wichtiger ist das – insbesondere für die Verkehrssicherheit.

„Wie Radfahrer sich verhalten, hat auch viel mit der Infrastruktur zu tun.“
Ulrich Syberg

Ulrich Syberg: Vorschriften gibt es und die müssen eingehalten werden. Aber beispielsweise sind Ampelphasen für Radfahrer oft extrem ungünstig geschaltet, während Autofahrer auf der grünen Welle durchfahren können. Wie Radfahrer sich verhalten, hat auch viel mit der Infrastruktur zu tun. Sie muss selbsterklärend sein und intuitiv funktionieren. Im Moment wird das Fahrrad irgendwie dazwischengeschoben – hier auf dem Gehweg, da auf der Straße, mal hinter den Autos, mal vor den Autos. Ich denke oft, wie viel besser Radfahrer und auch Fußgänger sich bewegen könnten, wenn der Platz gerechter verteilt wäre.

Thomas Ferrero: Ich kann Ihnen von einer sehr interessanten Studie berichten, an der die PTV maßgeblich beteiligt war. Wir haben in einer Modellrechnung durchgespielt: Was wird passieren, wenn wir selbstfahrende Autos und Kleinbusse haben und wenn wir den öffentlichen Nahverkehr noch weiter stärken? Ergebnis: Sie haben einen immensen Platzgewinn und gleichzeitig einen höheren Grad an Service. Diese positiven Effekte stellen sich aber nur ein, wenn man konsequent weggeht von der individuellen Nutzung der Fahrzeuge hin zu einer Kollektivnutzung. Die Autos fahren dann zwar mehr Kilometer, aber brauchen weniger Platz. Sie benötigen weniger Stellplätze und die großen Parkhäuser sind auch überflüssig. Im Moment stehen Autos ja zu 95 Prozent der Zeit rum.

Ulrich Syberg: Solche Erkenntnisse müssen viel stärker in die Öffentlichkeit getragen werden. Es ist ein bisschen wie mit dem Abnehmen: Wenn man nur Verzicht predigt, hat keiner Lust darauf. Aber wenn es gelingt zu vermitteln, was an Lebensqualität zu gewinnen ist, steigt die Motivation.

Die aktuelle Ausgabe inklusive des Gesprächs von Thomas Ferrero und Ulrich Syberg gibt es gratis in allen dm-Märkten und online unter dm.de/alverde-magazin

Es diskutierten:

Ulrich Syberg (61), Bundesvorsitzender des ADFC. Foto: Maya Claussen.

Bis Mitte 30 war Ulrich Syberg ein überzeugter Autofahrer. Doch verstopfte Straßen im Ruhrgebiet verleideten ihm den Fahrspaß und die aufkommende Umweltbewegung brachte neue Denkanstöße. Zu seinem Arbeitsplatz fuhr der Vermessungsingenieur von da an mit dem Rad und setzte bei Familienausflügen seine kleine Tochter in den Anhänger. 1989 trat er in den ADFC ein. Er engagierte sich auf Landesebene und bekleidet seit 2010 das Ehrenamt des Vorsitzenden.

Thomas Ferrero (56) Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH. Schon während seines Studiums des Bauingenieurwesens an der TU Darmstadt begeisterte Thomas Ferrero sich für die Verkehrsplanung. Er arbeitete in verschiedenen Ingenieur büros an Infrastruktur- Projekten und sammelte auch international Erfahrungen. Seit 2015 ist er Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH in Karlsruhe. Das Unternehmen berät weltweit öffentliche und private Auftraggeber zu allen Fragen der Mobilität – mit Studien, Planungen und Forschungsarbeiten. Foto: Maya Claussen.

Thomas Ferrero (56), Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH, Foto: Maya Claussen.

Schon während seines Studiums des Bauingenieurwesens an der TU Darmstadt begeisterte Thomas Ferrero sich für die Verkehrsplanung. Er arbeitete in verschiedenen Ingenieur büros an Infrastruktur- Projekten und sammelte auch international Erfahrungen. Seit 2015 ist er Geschäftsführer der PTV Transport Consult GmbH in Karlsruhe. Das Unternehmen berät weltweit öffentliche und private Auftraggeber zu allen Fragen der Mobilität – mit Studien, Planungen und Forschungsarbeiten.