Black Friday & Cyber Monday: Herausforderung für die Logistik?

Nicht nur am Black Friday und Cyber Monday – der steigende E-Commerce fordert die Logistik und die Städte heraus (Foto: iStock).

Sie zählen zu den umsatzstärksten Shopping-Event-Tagen der Welt: Am sogenannten Black Friday (dieses Jahr am 24.11.) und Cyber Monday (27.11.) locken zahlreiche Onlinehändler mit speziellen Deals und unglaublichen Preisnachlässen. 1,1 Milliarden Euro wurden dabei 2016 allein in Deutschland umgesetzt. Wir haben bei unseren Kollegen Matthias Hormuth, PTV Solution Director Logistics Concepts und Volker Möller, PTV Director Sales & Marketing DACH nachgefragt, welchen Einfluss der steigende E-Commerce auf unsere Städte hat.

Compass: Sind solche Shopping-Peaks wie der Black Friday und der Cyber Monday tatsächlich in unseren Städten spürbar?

Matthias: Bei den Logistikern machen sich solche Aktionen sicher bemerkbar. Das sieht man zum Beispiel auch am klassischen Weihnachtsgeschäft. Jedes Jahr werden händeringend Aushilfspaketzusteller gesucht. Was den Verkehr angeht, sind die Auswirkungen eher gering.

Volker: Ja, zusätzliches Verkehrsaufkommen durch solche Aktionen ist in den Städten kaum spürbar. Hier ist die Herausforderung viel mehr die generelle Zunahme des Verkehrsaufkommen und des Güterverkehrs – und das nicht zuletzt aufgrund des steigenden E-Commerces.

Compass: Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BIEK) beförderten Kurier-,  Express- und Paketdienstleister (KEP) 2016 in Deutschland erstmals in einem Jahr mehr als drei Milliarden Sendungen …

Matthias: E-Commerce ist dabei sicherlich der größte Treiber. Wenn früher dein Fahrrad kaputt war, bist du zum Baumarkt gefahren und hast dir die nötigen Schrauben besorgt. Der Baumarkt wird von einem 40-Tonner Lkw beliefert. Heute bestellst du im Internet drei Schrauben und stößt damit praktisch eine Logistikkette nur für dich an. Das Paket wird individuell zugestellt, und wenn du nicht anzutreffen bist, wirst du unter Umständen zwei- oder dreimal angefahren. Das bedeutet natürlich, dass das Einzelfahrtaufkommen und damit der gesamte Verkehr zunehmen.

Volker Möller, PTV Director Sales & Marketing DACH (Foto: PTV).

Volker: Und genau dafür sind dann wiederum die meisten Innenstädte nicht konzipiert. Parkraum ist knapp und unter Zeitdruck stellen sich die Zulieferer gerne auch auf den Geh- oder Fahrradweg oder in die 2. Reihe. Dies führt dann wieder zu neuen Verkehrsbehinderungen.

Compass: Die Stadt muss ich in dieser Richtung also noch besser aufstellen?

Matthias: Das Zusammenspiel der öffentlichen Hand, die die Interessen der Bürger vertritt, der Logistikdienstleister, die Ware zu transportieren haben, und den Vertretern aus Handel, Hotellerie, Gaststätten oder Baugewerbe, die als Auftraggeber ebenfalls ihre Ware zur richtigen Zeit am richtigen Ort haben möchten, ist sehr komplex. Bislang haben nur wenige Städte den Wirtschaftsverkehr und damit den Transport von Gütern als eigenständiges Themenfeld gezielt behandelt. Es gibt einzelne Vorreiter, wie zum Beispiel London, wo eine Congestion Charge, eine Art City-Maut, eingeführt wurde. Neben möglichen Reglementierungen gibt es aber noch eine Vielzahl möglicher Maßnahmen zur Verbesserung der Abwicklung des Innerstädtischen Güterverkehrs.

Volker: Die Städte müssen heute die Weichen dafür stellen, wenn sie selbst entscheiden möchten, wie ihre Stadt zukünftig aussehen soll. Für Unternehmen steht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund und sie liefern innerhalb der Rahmenbedingungen, die ihnen gegeben sind. Erst wenn sich diese Rahmenbedingungen ändern, passen sie sich an. Beim Stichwort Kollaboration, sehen viele Logistikunternehmen noch keine Notwendigkeit.

Compass: Kollaborationsansätze und Logistikplattformen wären ja eine Möglichkeit, die zunehmenden Einzelfahrten zu bündeln …

Matthias: Ja, das ist sicherlich so. In der Praxis ist die direkte Zusammenarbeit aber derzeit nur schwer umzusetzen. Logistiker lassen sich von der Konkurrenz nur sehr ungern in die Karten schauen. Neue Plattformen könnten hier einen geeigneten, neutralen Ansatz für solche gebündelten Auslieferungen bieten.

Compass: Mit welchen Ansätzen lassen sich die Einzelfahrten dann besser bündeln?

Volker: Ansätze gibt es viele. Seit Jahren laufen hierzu diverse Forschungsprojekte und immer mehr davon kommen testweise zum Einsatz. Der Ansatz von Microdepots, also kleinen Zwischenlagern, und einer danach folgenden optimierten Auslieferung mit kleineren Transporteinheiten wie PKW, Lastenfahrrad, Drohne, Roboter usw. ist dabei der meistgegangene Weg.

Matthias Hormuth,  PTV Solution Director Logistics Concepts (Foto: PTV).

Matthias: Es gibt zudem das Konzept des mobilen Hubs. Das heißt ein 12- oder 40-Tonner fährt einen bestimmten Punkt an und von dort aus übernehmen Kleinstfahrzeuge, E-Bikes und Fahrräder die Päckchen. Das ist meist effizienter, als mit einem immer leerer werdenden Großfahrzeug durch die Gegend zu fahren. Man bündelt soweit es geht, um so umwelt- und verkehrsschonend zu liefern.

Compass: Die Kunden erwarten heute immer bessere, schnellere Lieferungen. Amazon testet in den USA zum Beispiel den Amazon Key, mit dem der Paketbote, das Päckchen im Haus ablegen kann, auch wenn der Empfänger gar nicht zuhause ist. Wird der Logistiker auf der letzten Meile immer mehr zum Servicedienstleister?

Matthias: In manchen Fällen schon. Ich kann ja online zum Beispiel auch eine Badewanne bestellen. Da kommt dann der Stückgutspediteur, der normalerweise Businesskunden beliefert. Sprich er lädt normalerweise 20 Badewannen am Baumarkt ab, die dann mit dem Hubwagen entgegengenommen werden. Der Kunde, der seine Badewanne nach Hause bestellt hat, erwartet natürlich, dass diese bis in die Wohnung im 7. Stock geliefert und dass die Verpackung mitgenommen wird oder die Rücksendung ohne Probleme möglich ist. Das ist echter Service. Beim Amazon Key steht nicht alleine der Servicegedanke im Vordergrund. Es geht auch darum, die Lieferung gleich bei der ersten Anfahrt zuzustellen und so die Kosten im Zaum zu halten.

Volker: Individuelle Service wird in Zukunft immer wichtiger und dies erkennen auch die meisten Logistikdienstleister. Dass Pakete einen Tag nach der Bestellung ankommen, ist heute schon so gut wie Standard. Die individuellen Anforderungen werden aber noch steigen. Nach dem Motto, ich möchte, dass mein Paket morgen um 18 Uhr geliefert wird. Drohnen sind in diesem Zusammenhang ein Hypethema. In Hamburg werden Auslieferungen mit Robotern getestet. Solche Bedürfnisse werden von einigen Wenigen angestoßen und sind dann irgendwann Normalität. Same Day Delivery, also dass bereits ein paar Stunden nach der Bestellung geliefert wird, ist da ein weiteres gutes Beispiel. Bisher nutzen das nur Wenige, der Kosten-Nutzen-Faktor stimmt noch nicht. Aber das wird sich sicher in nicht zu ferner Zukunft ändern. Dies alles ist für mich aber kein Grund den Logistikdienstleister nun Servicedienstleister zu nennen. Am Ende erhöht sich nur der Serviceanteil in der Logistik.

Compass: Dann schauen wir doch mal in die Zukunft? Was kommt da noch auf uns zu?

Matthias: Viel diskutiert wird zum Beispiel die Kombination von Individual- und Paketzustellungsverkehr – gerade im Bereich der autonomen Fahrzeuge. Das hat natürlich schon seinen Charme, einem Fahrzeug, das sowieso von A nach B fährt, noch etwas beizupacken. Die Chancen sind sicherlich groß, allerdings müssen vor einer flächendeckenden Umsetzung auch noch einige operative, ganz praktische Fragen geklärt werden.

Volker: Ich gehe fest davon aus, dass wir im Umfeld der Last Mile Belieferung in Zukunft immer mehr mit autonomen Fahrzeuge, Robotern oder ähnlichen Systemen zu tun haben werden. Wenn diese massenproduktionstauglich werden, ist die Zukunft näher als wir vermutlich heute glauben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

HTML tags are not allowed.

337.385 Spambots Blocked by Simple Comments