Testfeld Autonomes Fahren: Ab Mai sollen die ersten Fahrzeuge in Karlsruhe rollen

Beim 3. Open House konnten auch Kolleginnen und Kollegen der PTG hinter die Kulissen des FZI blicken  (Foto: Andreas Drollinger/FZI Forschungszentrum Informatik).

In der Haid-und-Neu-Straße in Karlsruhe liegt Innovation in der Luft.  Nicht nur das PTV-Headquarter ist hier zu finden, sondern gerade 200 Meter weiter auch das FZI Forschungszentrum Informatik. Ende Februar fand dort zum dritten Mal das FZI Open House statt, eine Art Tag der offenen Tür mit Einblicken in die aktuellen Projekte und Entwicklung. Wir haben bei dieser Gelegenheit den FZI-Forscher Christian Hubschneider zum Interview getroffen und mit ihm über das Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg gesprochen, bei dem das FZI die Konsortialleitung innehat.

Compass: Christian, autonomes Fahren ist eines der heißen Mobilitätsthemen aktuell. Was ist da das Ziel des Testfelds in Karlsruhe?

Christian Hubschneider:  Es steht nicht, wie das viele erstmal denken, das autonome Fahrzeug selbst im Mittelpunkt, sondern die Infrastruktur. Das Projekt hat das Ziel, Verkehrsflächen und Strecken unterschiedlichster Art für das automatisierte und vernetzte Fahren auszurüsten. Wir wollen praktisch den Entwicklern autonomer Systeme – aber auch ganz anderen potenziellen Interessenten – die Umgebung bieten, um ihre Anwendungen für die zukünftige Mobilität realitätsnah ausprobieren.

Christian Hubschneider betreut am FZI  das Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg (Foto: FZI Forschungszentrum Informatik).

Compass: Welche Maßnahmen beinhaltet das?

Christian Hubschneider:  Zum einen erstellen wir detaillierte 3D-Karten des gesamten Gebietes. Zum anderen werden die ausgewählten Testzonen mit „intelligenter“ Infrastruktur ausgestattet, das heißt es werden zum Beispiel Sensoren installiert, um das Verkehrsgeschehen und die Einflussfaktoren drum herum in Echtzeit zu erfassen. Außerdem werden sogenannte Roadside Units – Funkmodule zur Kommunikation zwischen Ampel und Fahrzeug –  mit den Steuergeräten der Lichtsignalanlagen in Kreuzungen verbunden.

Compass: Mit dem Aufbau der Infrastruktur wurde letzten Sommer begonnen. Wie weit seid ihr inzwischen?

Christian Hubschneider: Unser erster Fokus liegt auf dem Ostring, der nach und nach von der Haid-und-Neu-Straße bis zur Wolfahrtsweierer Straße ausgestattet werden soll. An der Mannheimer Straße haben wir inzwischen die komplette Kreuzung verkabelt, an der Ecke zur Durlacher Allee sind wir noch ein bisschen weiter. Dort wurde die Sensorik sowie eine Roadside Unit installiert. So kann zum Beispiel übermittelt werden, wann eine Ampel Grün oder Rot wird. Fahrzeuge mit entsprechendem Empfänger, zum Beispiel Lkws, könnten dann zukünftig im Testbetrieb genau die grüne Ampelphase erwischen, ohne abbremsen zu müssen.

Compass: Was sind denn die größten Herausforderungen, mit denen ihr zu kämpfen habt?

Christian Hubschneider: Dadurch, dass es sich nicht um ein typisches Forschungsprojekt handelt, sondern eher um eine Art Ausstattungs-Umsetzungs-Projekt, sind wir teilweise mit ganz neuen Fragestellungen konfrontiert. Zum Beispiel auf rechtlicher Seite. Wenn man irgendwo eine Kamera anbringen will, ist das gleich Datenschutzrelevant. Unsere hausinterne Juristin, aber auch viel im Austausch mit den Juristen der Stadt und einigen anderen, hat da sehr viel zu tun.

Compass: Und wann sollen die ersten Fahrzeuge auf dem Testfeld rollen?

Christian Hubschneider: Der Startschuss soll im Mai fallen. Die Infrastruktur wird dann aber auch noch weiter ausgebaut.

Compass: Gibt es noch andere Testfelder für autonomes Fahren in Deutschland?

Christian Hubschneider: Neben vielen kleineren Projekten, gibt es zwei weitere größere Testfelder. In Braunschweig vom DLR sowie auf der A9 bei Ingolstadt.  Dort wird ein Autobahnabschnitt mit ähnlichen Sensoriken und Vernetzungskomponenten ausgestattet. Auf Autobahnen ist das autonome Fahren im Prinzip technisch schon fast gelöst. Deshalb ist für uns der Überlandbereich bis hinein in die Innenstadt viel spannender.

Compass: Im Projekt sind ja auch zahlreiche regionale Partner, unter anderem auch die PTV, involviert …

Christian Hubschneider: Ich denke, darin liegt auch die Besonderheit. Wir bündeln hier in der TechnologieRegion Karlsruhe so viel Kompetenzen – nicht nur durch die forschungsstarken Universitäten, sondern auch durch IT-Unternehmen. Aktuell finden Workshops mit unseren Partnern statt, um weitere Möglichkeiten auszuloten. Von PTV erstellte Modelle und Simulationen können bei vielen Fragestellungen im Testfeld helfen. Zum Beispiel um vorab zu überprüfen, welche Auswirkungen auf den Verkehrsablauf ein bestimmter Anteil von automatisierten Fahrzeugen am Gesamtverkehr hat oder um unvorhergesehen Verkehrsszenarien realitätsnah zu testen.

Compass: Wie viel autonomes Fahren wird es in drei Jahren in unserem Alltag bereits geben?

Christian Hubschneider: Ich glaube, dass der Normalbürger den ersten Kontakt zu autonomen Fahrzeugen im ÖPNV haben wird. In Tokio und London fahren zum Beispiel schon heute die U-Bahnen auf gewissen Linien ohne Fahrer. Da werden sicher auch bald Kleinshuttles dazukommen. Außerdem gehe ich davon aus, dass auf Autobahnen recht bald die ersten Autos autonom fahren werden –  noch mit Einschränkungen, dass zum Beispiel der Fahrer an Baustellen wieder das Lenkrad übernimmt. Bis es in Innenstädten autonome Fahrzeuge geben wird, das wird, meiner Meinung nach, noch ein bisschen dauern.

2 Gedanken zu „Testfeld Autonomes Fahren: Ab Mai sollen die ersten Fahrzeuge in Karlsruhe rollen

  1. Die PTV sollte besser informiert sein:
    Auch in Nürnberg fahren seit vielen Jahren U-Bahn-Züge autonom, und zwar im Gegensatz zu ausländischen Linien auf der gleichen Linie im gemischten Betrieb, d.h. fahrerlose und von Fahrern gesteuerte Züge. Eine deutlich komplexere Anforderung.

    • Hallo Herr Thiesing, da haben Sie völlig recht, dass es auch in Nürnberg bereits Erfahrungen mit dem Einsatz von autonomen U-Bahnen gibt. Christian Hubschneider hat im Interview exemplarisch auf andere Städte verwiesen.
      Beste Grüße,
      Kristina Stifter, Head of Global Communications

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