Verkehrssicherheit: Vorfahrt für die Vision Zero

Sofia Salek de Braun setzt sich als PTV Road Safety Botschafterin weltweit für mehr Sicherheit auf den Straßen ein.

Verkehrsunfälle sind eine der häufigsten Todesursachen weltweit. Jedes Jahr kommen rund 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr ums Leben, das entspricht ca. 3.600 pro Tag.  Eine Zahl, die unvermeidbar ist?

Der traditionelle Ansatz der Straßenverkehrssicherheit geht davon aus, dass Mobilität immer einen bestimmten Prozentsatz an Personenschäden mit sich bringt. Sofia Salek de Braun, PTV Solution Director Traffic Safety, sieht es als eine der größten Herausforderungen in Sachen Verkehrssicherheit an, dass sich die Menschheit mit dieser großen Zahl an Verkehrstoten abgefunden hat. „Wir haben das mal ausgerechnet. Die Anzahl der Verkehrstoten täglich entspricht in etwa der Anzahl der Passagiere in sieben voll besetzten Boeings 747“, sagt sie „Würden wir es einfach so hinnehmen, wenn jeden Tag sieben Flugzeuge abstürzen würden? Wahrscheinlich nicht!“

Der „Vision Zero“-Ansatz setzt genau hier an. Er beruht auf dem ethischen Grundsatz, dass niemand getötet oder schwer verletzt werden darf, wenn er sich innerhalb des Verkehrssystems bewegt. Kurz gesagt: Die Gefährdung von Menschenleben ist nicht akzeptabel.

„Der sichere Systemansatz (Safe System) erkennt, dass der Mensch fehlbar ist und dass er nur begrenzte mechanische Kräfte aushalten kann, ohne dabei verletzt zu werden. Sicherheit liegt in der gemeinsamen Verantwortung aller Akteure eines Verkehrssystems. Daher sollten idealerweise alle Elemente in einer integrierten Sicherheitskette zusammenspielen, in der die Akteure miteinander interagieren und so Unfälle vermeiden – selbst wenn ein oder mehrere Elemente ausfallen“, erklärt die Road Safety Botschafterin.

So ist es nicht nur wichtig, dass die Politik das Thema Verkehrssicherheit ganz oben auf die Agenda setzt. Um einen Wandel zu bewirken, muss auch die Öffentlichkeit noch mehr für das Thema sensibilisiert werden. „Gerade in Entwicklungsländern gibt es einen Mangel an öffentlichem Bewusstsein über das Ausmaß des Problems und eine geringe Wahrnehmung der wahren Gefahren“, erklärt Sofia Salek de Braun. „In meinem Heimatland Bolivien wird Verkehrssicherheit beispielsweise mit Verkehrserziehung gleichgesetzt. Der Verkehrsteilnehmer trägt die komplette Verantwortung. Deshalb brauchen wir einen Paradigmenwechsel weg vom traditionellen Fokus auf Verkehrssicherheit und die Einhaltung der „Straßenverkehrsordnung“ hin zu einem systematischeren Ansatz (safe-system). Anstatt sich nur auf öffentliche Bildung, Ausbildung, Regulierung und Durchsetzung zu verlassen, müssen andere Variablen berücksichtigt werden, wie Landnutzung und Mobilitätsplanung, um die Abhängigkeit von Fahrzeugen zu verringern und sichere, gesunde und umweltfreundliche Verkehrsmittel zu fördern; ein umfassendes Geschwindigkeitsmanagement, um sichere Geschwindigkeiten festzulegen; ein Kreuzungsdesign, das es Menschen ermöglicht, sicher zu überqueren; eine Straßenplanung, die menschliches Fehlverhalten berücksichtigt; eine sichere Fahrzeugkonstruktion und -technologie; eine bessere Koordinierung und Qualität der Notfallmaßnahmen und -betreuung nach Unfällen.  Dafür ist in vielen Ländern ein Wandel der Denkweise nötig.“

In Bolivien engagiert sich die PTV-Expertin seit 2016 für mehr Sicherheit auf den Straßen und erarbeitete mit verschiedenen Behörden und Institutionen eine Verkehrssicherheitscharta.

„Verkehrssicherheit ist eine kollektive Verpflichtung und kann nur verbessert werden, wenn wir alle zusammenarbeiten. Das sieht man and dem Projekt in Bolivien sehr gut. Dort konnten wir sehr viel bewegen, weil alle an einem Strang gezogen haben“, erzählt sie. „Zum ersten Mal saßen dort Mitglieder der nationalen, regionalen und lokalen Regierungen gemeinsam mit Vertretern der Polizei, Universitäten, Industrie, Medien und ehrenamtlichen Organisationen an einem Tisch – das gab es dort bis dahin noch nie. Der daraus entstandene Aktionsplan, wird aktuell Schritt für Schritt umgesetzt.“

Das Praxisbeispiel stellt Sofia Salek de Braun bei ihrem Vortrag „Mobilizing Multi-Stakeholder Actions for Road Safety – a case example from Bolivia” im ITF Open Stage Café am 25. Mai um 10.30 Uhr beim Weltverkehrsforum in Leipzig vor.