Mehr Verkehrssicherheit für Bolivien

Sofia Salek de Braun, PTV Verkehrssicherheitsbotschafterin, erarbeitete in ihrem Heimatland Bolivien gemeinsam mit Akteuren aus Behörden und Institutionen eine Verkehrssicherheitscharta.

Verkehrssicherheit ist ein Thema, das in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern nur wenig Präsenz hat. Seit 2016 engagiert sich Sofia Salek de Braun, PTV Solution Director Traffic Safety, in ihrem Heimatland Bolivien für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Anlässlich des  Weltverkehrsforums (International Transport Forum)  in Leipzig, das in diesem Jahr unter dem Motto „Transport Safety and Security“ stattfand, haben wir sie zum Interview getroffen und mit ihr über die aktuellen Entwicklungen in diesem Projekt gesprochen. 

Compass: Sofia, zu Bolivien fällt einem hierzulande wohl erstmal der Titicacasee ein und vielleicht noch, dass es eines der ärmsten Länder in Südamerika ist. Beschreibe unseren Lesern doch mal die Situation dort. Wie funktioniert der Straßenverkehr, was trägt zur Verkehrssicherheit bei oder wie gestaltet sich der Verkehrswege -und Straßenbau?

Sofia Salek de Braun: Um die Verkehrssicherheitssituation in Bolivien verstehen zu können, ist es wichtig, die Hintergründe zu kennen. Lassen Sie mich ein paar Worte zu meiner Heimat sagen: Bolivien liegt im Herzen Südamerikas. Geographisch ist es von fünf Ländern umgeben: Argentinien im Süden, Paraguay im Südosten, Brasilien im Osten und Norden, Peru im Nordwesten und Chile im Südwesten. Bolivien hat eine Fläche von ungefähr 1.1 Million Quadratkilometern und eine multiethnische Bevölkerung, die auf elf Millionen geschätzt wird. Fast zwei Drittel der Menschen leben in Armut. Boliviens Geographie ist einzigartig und von Extremen geprägt, mit einem Klima, das je nach Höhenlage von feucht und tropisch bis kalt und semiarid variiert. Die Topographie reicht von den Anden über ein Hochlandplateau (Altiplano) bis hinunter zu Hügeln und dann in die tropische Tiefebene des Amazonas. Die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt ist verständlicherweise vielfältig, ebenso wie die ethnische Vielfalt der Menschen, die Bolivien zu einem faszinierenden Land macht. Die Natur hat in Bolivien eine großartige Arbeit geleistet, aber jetzt müssen die Bolivianer einige von Menschen verursachte Probleme wie das Verkehrssicherheitsproblem dringend lösen.

Compass: Wo liegt Bolivien mit seiner Verkehrssicherheitslage im Vergleich zu anderen südamerikanischen Staaten?

Sofia Salek de Braun: Das Thema Verkehrssicherheit steckt in Bolivien noch in den Kinderschuhen. Lateinamerika insgesamt verzeichnet die weltweit höchste Rate an Todesfällen im Straßenverkehr. Gemäß Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2015) sterben auf den Straßen Boliviens jährlich 23,2 Menschen pro 100.000 Einwohner. Mehr als die Hälfte des Straßennetzes besteht aus nicht asphaltierten Straßen, Verkehrszeichen und -führung sind vielerorts nicht vorhanden. Die Bürgersteige sind schmal und in schlechtem Zustand. Auch gibt es keine Infrastruktur für Radfahrer wie beispielsweise Radwege oder Radspuren und es fehlt an Bushaltestellen und klar definierten Parkplätzen. Zudem entsprechen die Straßen nicht den örtlichen Gegebenheiten und spezifischen Anforderungen. Beispielsweise ist ein Bürgersteig in der Nähe einer Schule nicht breiter, um die Sicherheit der Schüler zu gewährleisten. Die Folge dieser mangelnden Organisation ist die Vermischung verschiedener Verkehrsteilnehmer, was oft zu einem Verkehrschaos führt. Gute Verkehrssicherheitsgesetze und deren Durchsetzung sind von grundlegender Bedeutung, um das Verhalten der Verkehrsteilnehmer zu verbessern und Unfälle im Straßenverkehr zu reduzieren – in Bolivien leider Fehlanzeige. Der Straßenverkehr ist durch die 1973 geschaffene und seit 1978 nicht mehr aktualisierte Straßenverkehrsordnung geregelt. Derzeit gibt es keine umfassenden Rechtsvorschriften, die an den Risikofaktoren ansetzen. Für Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, überhöhte Geschwindigkeit, das Fehlen von Sicherheitsgurten, Schutzhelmen oder Kindersitzen existieren zwar Vorschriften, jedoch sind diese Regelungen so formuliert, dass die persönlichen Auslegungen sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Beispiel: Ein Helm ist für Motorradfahrer zwar Pflicht, ob er aber auf dem Kopf sitzt oder hinten auf den Gepäckträger aufgeschnallt ist, wird durch das Gesetz nicht klar geregelt. Die grundlegendsten internationalen Standards für Fahrzeugsicherheit sind in Bolivien nicht existent. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Gesetzgebung zur Straßenverkehrssicherheit entwicklungsfähig ist und auch die Durchsetzung und Kontrolle verbessert werden muss.

Sofia Salek de Braun ist gern gesehene Rednerin auf Konferenzen. Für die PTV Road Safety Beauftragte ist Vision Zero eine persönliche Mission.

Compass: Klingt nach einem großen Vorhaben. Wie seid ihr dort also vorgegangen?

Sofia Salek de Braun: Mit einem Team von Experten aus Wissenschaft, NGO’s und der Industrie reisten wir im November 2016 nach Santa Cruz. Unser Ziel war es, in praxisorientierten Workshops alle beteiligten Institutionen für das Thema Verkehrssicherheit zu sensibilisieren und ihnen eine Reihe von Instrumenten an die Hand zu geben, die es ihnen ermöglichen, ein effektives Sicherheitssystem zu leiten, zu planen und zu entwickeln. Ein weiteres Ziel war, alle Ebenen der Regierung, der Bürgerorganisationen, der Universitäten und aller Beteiligten im Straßenverkehr zu mobilisieren und eine nachhaltige Lösung für das Problem der Straßenverkehrssicherheit zu finden. Die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Behörden vor Ort waren überwältigend. Zum ersten Mal saßen Mitglieder der nationalen, regionalen und lokalen Regierungen gemeinsam mit Vertretern der Polizei, Universitäten, Industrie, Medien und ehrenamtlichen Organisationen an einem Tisch – ein Novum in Bolivien. Gemeinsam analysierten wir die aktuelle IST-Situation und erarbeiteten einen Aktionsplan, eine sogenannte „Verkehrssicherheitscharta für Bolivien“, zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse des Landes, die nun Schritt für Schritt umgesetzt wird.“

Compass: Konntet ihr dabei auf  Erfahrungen aus der Vergangenheit zum Thema Verkehrssicherheit zurückgreifen?

Sofia Salek de Braun: Ja, mit unserer Software ist es möglich, Aspekte der Verkehrssicherheit von Anfang an in strategische Entscheidungen der Verkehrsplanung zu integrieren. Zudem ist die PTV seit vielen Jahren Mitglied der Europäischen Charta für Straßenverkehrssicherheit. Dabei handelt es sich um die größte Plattform der Zivilgesellschaft zur Straßenverkehrssicherheit unter Leitung der Europäischen Kommission. Daraus entwickeln sich ständig neue Erfahrungen und Expertise, die zur weiteren Verbesserung der Verkehrssituation zum Einsatz kommen. Des Weiteren haben wir mit der Universität von Newcastle (UK) eine langfristige Kooperation in Forschung und Entwicklung aufgebaut.“

Compass: Gibt es in Bolivien inzwischen konkrete Fortschritte, konnten Maßnahmen bereits umgesetzt werden?

Sofia Salek de Braun: „Auf Grundlage der positiven Resonanz des „Road Safety Workshops“ in Bolivien, entschloss sich die lateinamerikanische Entwicklungsbank Corporación Andina de Fomento (CAF) den Erfolg durch konkrete Schritte auszubauen. Finanzielle Unterstützung erfährt die CAF dafür von der Global Road Safety Facility (GRSF) – einem Partnerschaftsprogramm der Weltbank. Seit Frühjahr 2017 setzt die CAF die im November 2016 erarbeitete Verkehrssicherheitscharta kontinuierlich um und positioniert Verkehrssicherheit bei den Behörden als wichtiges Thema, das bei der Infrastrukturentwicklung des Landes berücksichtigt werden muss. Mittlerweile hat die GRSF/CAF ein Team aus Experten zusammengestellt, das das Land bei der Realisierung unterschiedlichster Maßnahmen unterstützt. Ich begleite dieses Projekt persönlich und helfe bei der Umsetzung geplanter Schritte. Auf nationaler Ebene ist beispielsweise eine Agentur für Straßenverkehrssicherheit als oberste Instanz für die Umsetzung der nationalen Verkehrssicherheitspolitik und -maßnahmen im Aufbau. Ein Kernstück der Überlegungen ist die Gründung eines Observatoriums, das sich explizit mit Fragen der Verkehrssicherheit befasst und mit Hilfe eines Datenerfassungssystems Verkehrsunfälle sammelt, analysiert und mit der Öffentlichkeit teilt. Good-Practice-Management auf Länderebene beginnt mit der Gründung und Finanzierung einer solchen Lead-Agentur, die sich mit Nachdruck für die Sicherheit im Straßenverkehr innerhalb der Regierung und der Gesellschaft einsetzt und sicherstellt, dass ausreichende öffentliche Investitionen getätigt und effektiv zugewiesen werden. Sie koordiniert Aktivitäten mit allen Stakeholdern, formuliert nationale Strategien und Ziele. Zudem erarbeiten die Projektexperten ein nationales Verkehrssicherheitsgesetz auf Grundlage des sicheren Systemansatzes. Auf der lokalen Ebene unterstützen wir vier Städte bei der Formulierung eines Aktionsplans für Straßenverkehrssicherheit im Rahmen ihrer Mobilitätskonzepte. Bürgerinitiativen vor Ort sind Schlüsselelemente jeder effektiven Strategie.Um alle genannten Maßnahmen voranzutreiben, ist der politische Wille eine essentielle Voraussetzung. Es ist noch viel zu tun und es gibt viele Herausforderungen, aber wir sind auf einem „sicheren“ Weg.“

Das Praxisbeispiel Bolivien stellt Sofia Salek de Braun bei ihrem Vortrag „Mobilising multi stakeholder actions for Road Safety – a Case example form Bolivia” im ITF Open Stage Café am 25. Mai um 10.30 Uhr beim Weltverkehrsforum in Leipzig vor. Die Präsentation wir auf dem Facebook-Kanal des International Transport Forums übertragen.

Lesen Sie mehr zu den Anfängen des Projekts in Bolivien:
Rückblick Road Safety Training in Santa Cruz, Bolivia
Impulse für mehr Verkehrssicherheit 
Road Saftey Bolivia – eine Bilanz

 

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