Fokus E-Mobilität: „Die Infrastruktur muss intelligent sein“

Oliver Deuschle (r.) und Marco Masur von der EnBW-Marke SMIGHT im PTV Interview.

In der Smart City von morgen spielt Vernetzung eine wichtige Rolle. Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen Oliver Deuschle, Direktor der EnBW-Marke SMIGHT und Marco Masur, Manager für E-Mobility Solutions über Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich für Stromanbieter auf dem Elektromobilitätsmarkt ergeben.

Compass: Welche Rolle spielt das Thema Elektromobilität für die EnBW?

Oliver Deuschle: Wir wollen den Wandel hin zur E-Mobilität aktiv mitgestalten und sehen uns nicht nur als Infrastruktur-, sondern Lösungsanbieter. Das heißt wir stellen die Infrastruktur, gestalten die Ausführung und gewährleisten den Betrieb. Die EnBW begibt sich da auf alle Felder. Wir wollen sowohl Hardware verkaufen, als auch betreiben.

Marco Masur: Wir wollen dort aufgestellt sein, wo der Endkunde Bedarf an E-Mobilität und Lösungen hat. Die wichtigste Frage ist da: Wo kann ich mein Auto laden und was kostest es? Da gibt es verschiedene Ansätze. Zum einen das Laden unterwegs, mit DC-Ladesäulen, den Gleichstrom-Schnellladesäulen, auf Überlandstrecken. Das macht nur einen relativ kleinen Prozentsatz aus. Sehr viel häufiger ist das so genannte Destination Charging, also dem Laden an Ort und Stelle. Das ist zum einen das Laden am Arbeitsplatz, wo man ja in der Regel am Tag mindestens acht Stunden verbringt und ausreichend Zeit zum Laden hat. Zum anderen das Laden zu Hause. Der letzte große Bereich ist das Flottenladen, bei Taxiunternehmen zum Beispiel. Die brauchen einen Lade-Hub, in dem 100 Fahrzeuge gleichzeitig in möglichst kurzer Zeit geladen werden. Das ist dann in Zukunft auch für autonome Flotten wichtig.

Compass: Was benötige ich denn, um das Elektroauto zuhause zu laden?

Oliver Deuschle: Im Prinzip könnten Sie Ihr E-Mobil an einer ganz normalen Steckdose laden. Ich selbst habe einen E-Smart zuhause und der ist in sechs Stunden voll und fährt damit dann 140 Kilometer. Schneller geht es mit einer speziellen, intelligenten Steckdose, der so genannten Wallbox, die den Kommunikationsaustausch mit dem Auto ermöglicht.

Compass: Mal angenommen, es würden von heute auf morgen plötzlich alle E-Autos fahren, hätten wir dann ausreichend Strom in Deutschland?

Oliver Deuschle: Das ist eine hypothetische Frage. Das wird so nicht eintreten. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Energieversorger auf die Skalierung bei Elektrofahrzeugen reagieren und dafür die notwendige Energie und Infrastruktur zur Verfügung stellen. Dies wird zukünftig sehr stark mit dem Dazubau von erneuerbaren Energien erfolgen. Auf jeden Fall, wir haben generell kein Stromproblem in Deutschland. An so einem heißen Sommertag wie heute laufen zum Beispiel die alten, konventionellen Kraftwerke in Baden-Württemberg kaum, weil so viel Strom durch die Photovoltaikanlagen produziert wird. Erneuerbare Energien haben generell Einspeise-Vorrang, das heißt, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, dann müssen die konventionellen Kraftwerke runterfahren. Diese Anlagen laufen also nicht mehr so oft und wenn, dann zu einem wesentlich geringeren Preis als früher.

Compass: Ein guter Grund, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen …

Marco Masur:  Ja, die EnBW investiert heute nicht mehr in die alten Anlagen, sondern stellt ihr Geschäftsmodell auf erneuerbare Energien um.

Oliver Deuschle: Das ist aber nicht die einzige Herausforderung. Spannend ist zudem die ganze Dynamik, die durch die verschiedensten Einflussfaktoren im Netz entsteht. Erneuerbare Energien unterliegen starken Mengen- und Einspeisungsschwankungen. Dafür braucht man smarte Lösungen. Es geht um Fragen wie, wann ist wieviel Strom da? Wie kann er gespeichert werden? Wann ist er gerade günstig? Statt der üblichen Haushaltgeräte mit 1,5 bis 2 Kilowatt, will ich jetzt plötzlich meinen Tesla mit 22 Kilowatt an der Haussteckdose laden. Wie passt das zusammen? Um diese Dynamik zu managen, braucht man intelligente Systeme. Es geht also nicht nur darum die Infrastruktur dahingehend zu entwickeln, dass es genug Ladepunkte gibt, sondern diese müssen bedarfsgerecht gesteuert werden können. Wir reden da vom Smart Grid. Das Auto muss mit der Ladesäule kommunizieren können, die Ladesäule mit dem Netz und das Netz irgendwann mit der Strombörse. Diese ganzen Komponenten zu vernetzten, steuer- und regelbar zu machen, das ist die eigentlichen Herausforderungen, die in dem System neu sind.

Die Multifunktionssäule von SMIGHT.

Compass: Und da kommt dann die EnBW Marke SMIGHT ins Spiel?

Marco Masur: Ja, SMIGHT ist unsere Vision von einer intelligent vernetzten Infrastruktur. Es handelt sich dabei um einen Kunstbegriff aus den Worten smart, city und light. Es geht nicht um einzelne Produkte, sondern um eine neue Infrastrukturlösung, mit der wir unsere Kunden auf dem Weg des infrastrukturellen Wandels begleiten wollen.

Compass: Und dafür bietet sich eine Straßenlaterne an?

Marco Masur: Straßenlaternen sind optimal, die gibt es schließlich überall. Das Tolle ist, dass wir jede herkömmliche Straßenlaterne mit unserer Hardware aufrüsten können. Es gibt 60 Millionen Straßenlaternen in Europa und die können wir so alle intelligent machen.

Oliver Deuschle: SMIGHT ist als ein modulares System aufgebaut. Die zentrale Intelligenz ist ein Mikrocontroller, über den die Kommunikation mit unserem Backend möglich ist. Zudem kann man weitere Komponenten anschließen wie einen Lade-Controller für die E-Mobilität. Oder verschiedensten Sensoren oder Aktoren, zum Beispiel zur Messung von Umweltdaten, wie Feinstaubgehalt, Lärm, Luftdruck oder Temperatur. Da wir übers Internet kommunizieren ist auch immer ein Router mit drin.  So wird die Straßenlaterne zum WLAN-Hotspot.

Compass: Bei SMIGHT Traffic, das in Kooperation mit PTV entstanden ist, wird ein Verkehrssensor angeschlossen …

Olivier Deuschle: Genau. Über den Verkehrssensor werden Verkehrsdaten erfasst und dann an unser Backend geliefert. Über eine Schnittstelle übermitteln wir die aufbereiteten Daten dann ans PTV System, wo sie in der Software PTV Optima zur Echtzeitoptimierung von Verkehrsflüssen zum Einsatz kommen.  So bieten wir gemeinsam Städten und Gemeinden ein attraktives Tool, um Verkehrsflüsse zu analysieren, vorausschauend zu planen und die Verkehrsbelastung zu reduzieren. Das perfekte Tool für die Smart City von morgen.

Mehr zum Thema:

Im ersten Teil des Interviews: Fokus E-Mobilität: „Infrastruktur für E-Autos ist nicht das Problem.“

sowie: Intelligente Straßenbeleuchtung liefert Verkehrsinformationen