Fokus E-Mobilität: „Infrastruktur für E-Autos ist nicht das Problem.“

„Wir sind zwar erst im Aufbau des Netzes, Angst keine Säule zum Laden zu finden, muss aber niemand haben“, so Marco Masur von der EnBW.

Wer heute ein Elektroauto kauft, darf sich über immer mehr Reichweite freuen. Einer Berechnung der Unternehmensberatung Horváth & Partners zufolge besaßen neu zugelassene Elektrofahrzeuge 2017 im Durchschnitt eine Reichweite von 300 km, 10 Prozent mehr als noch 2016. Doch wie sieht es mit der Ladeinfrastruktur in Deutschland aus? Wir haben darüber mit Oliver Deuschle, Direktor der EnBW-Marke SMIGHT und Marco Masur, der bei der EnBW für E-Mobility Solutions zuständig ist, gesprochen.

Compass: Wenn ich heute ein Elektroauto fahre, wie groß ist die Gefahr, dass ich unterwegs stehen bleibe, weil keine Ladesäule in der Nähe ist?

Marco Masur: Wir sind zwar erst im Aufbau des Netzes, Angst keine Säule zum Laden zu finden, muss aber niemand haben. Die momentane Abdeckung reicht für den aktuellen Fahrzeugbestand absolut aus. An Rasthöfen gibt es von verschiedenen Anbietern genügend DC-, also Gleichstrom-Schnellladesäulen. Im AC-, also Wechselstrom-Bereich, ist selbst der ländliche Raum schon so gut erschlossen, dass man stets eine Ladesäule in der näheren Umgebung findet.

Oliver Deuschle: Um mehr Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, arbeiten wir aktuell gemeinsam mit 79 Projektpartnern am SAFE-Projekt, das vom Land Baden-Württemberg gefördert wird. Dafür wurde das ganze Land in ein zehn mal zehn Kilometer Raster eingeteilt. Alle zehn Kilometer muss bis nächstes Jahr eine AC-Ladestelle aufgebaut werden. Alle 20 Kilometer mindestens eine DC-Ladestation.

Marco Masur: Mit diesem planerischen Ansatz ist der breite Ausbau bei uns im Ländle angekommen. Wenn wir in Zukunft dann noch mehr Infrastruktur brauchen, muss das Raster einfach nur verkleinert werden.

Compass: Dafür müssen aber erst mal mehr E-Autos rollen, oder?

Marco Masur: Ja, im Prinzip sind wir hier beim Henne-Ei-Problem. Im Aufbau der Infrastruktur für E-Autos ist nicht das Problem. Da sind wir relativ gut. Jetzt muss erstmal der Hochlauf der Fahrzeuge erfolgen. Der wird irgendwann Fahrt aufnehmen und dann kann die Infrastruktur-Aufbauseite wieder nachziehen.

Oliver Deuschle (r) und Marco Masur (l.) von der EnBW-Marke SMIGHT sprechen über E-Mobilität und den Aufbau der Infrastruktur in Deutschland.

Compass: In Deutschland liegt der Anteil an Neuzulassungen bei Elektrowagen allerdings bei gerade mal 1,9 Prozent, in Norwegen schon fast bei 40 Prozent …

Marco Masur: In Norwegen fördert der Staat Elektromobilität stark ­– nicht nur mit steuerlichen Vorteilen. Bei uns gibt es zwar ebenfalls eine E-mobile-Förderung, ähnlich wie damals die Abwrackprämie, aber das reicht vielen Leuten noch nicht als Anreiz aus. Ich denke zudem, dass es an Informationen fehlt. Die Leute fühlen sich nicht sicher genug für den Wechsel zum E-Mobil. Um Unsicherheiten abzubauen, haben wir kürzlich eine neue EnBW mobility+ App rausgebracht. Mit dieser kann der Anwender zum Beispiel Fahrdaten aufzeichnen und sich am Ende ein Auto empfehlen lassen, das zum eigenen Fahrprofil passt. Außerdem zeigt sie Ladestationen an, damit man ein Gefühl dafür bekommt, welche Lademöglichkeiten es in der Umgebung gibt und was das Laden kostet. Das sind die Fragen, die die Leute beschäftigen.

Compass: Ein Vorurteil, dass immer noch vorherrscht ist: „Da kann ich ja nicht mit in den Urlaub fahren“. Wie sieht denn das Ladenetz in Europa aus? Komme ich beispielsweise mit dem E-Mobil bis nach Italien ans Meer?

Marco Masur: Verschiedene andere Länder, vor allem im Norden sind sogar schon deutlich weiter als wir. Norwegen wie schon gesagt, aber auch Holland. Südeuropäische Länder wie Italien haben dagegen bisher erst recht wenig gemacht. Die Frage ist, ob man seine Autowahl an seinem Alltag festmacht oder an dieser einen Urlaubsfahrt? Denn der Durchschnittsdeutsche fährt gerade mal 15.000 km im Jahr – Pendler mit eingerechnet. Wenn man das hochrechnet auf den Monat oder auf den Tag, wird das Auto kaum bewegt. Für solch eine lange Strecke, braucht die Mehrheit der Bevölkerung das Auto also nur einmal im Jahr. Ich denke, dafür könnte es neben dem Ausbau der Ladeinfrastruktur an Autobahnen auch andere Lösungen geben:  zum Beispiel Carsharing für Urlaubsfahrten.

Oliver Deuschle: Wenn ich 98 % meiner Fahrkilometer elektrisch machen kann, miete ich mir für die restlichen 2% eben einen Benziner. Ganz einfach. Ich glaube sowieso, dass Elektroautos nicht der  Eins-zu-Eins Ersatz für Verbrenner werden können oder sollten. Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass man alles so wie früher mit dem eigenen Wagen macht. Die Zukunft liegt im Mobilitätsmix. Je nachdem was besser passt, fahre ich eben mit dem Bus, mit der Bahn, elektrisch oder auch mal mit dem Verbrenner. Das ist eine Mentalitätssache.

Compass: 2019 soll ja das große Jahr der Elektromobilität bei den deutschen Autobauern werden. Wie sehen Sie das?

Marco Masur: Man darf gespannt sein wie sich das entwickelt. Bisher habe ich den Eindruck, dass E-Autos bei deutschen Herstellern noch Projektcharakter haben.

Oliver Deuschle: Bisher hängt der Automarkt der Ladeinfrastruktur in Deutschland hinterher. Ich selbst bin E-Smartfahrer. Wenn Sie sich heute einen E-Smart kaufen wollen, warten Sie 12 Monate, weil man mit der Zellproduktion nicht nachkommt. Aus meiner Sicht wird in Zukunft entscheidend sein, wo der Speicher herkommt. Dass was früher die Motorenfertigung war, wird morgen die Batteriefertigung sein.

Marco Masur:  Ich gebe Oliver recht, das große Problem wird die Zellproduktion werden. Nicht umsonst will Tesla in Europa die nächste Gigafabrik bauen. Ich habe das Gefühl, dass die Autobauer hierzulande bisher nicht richtig verstanden haben, dass E-Fahrzeuge nicht einfach nur eine Abwandlung der heutigen Autos sind, sondern dass es sich um ein ganz neues Konzept handelt. In Deutschland war man immer stolz darauf, einen effizienten Automotor zu bauen, und das zentrale Element des E-Autos, die Zellproduktion, gibt man aus der Hand.

Nächste Woche geht’s weiter …

Im zweiten Teil des Interviews mit Oliver Deuschle und Marco Masur lesen Sie, wie die EnBW die Mobilitätswende mitgestalten will und was das Ganze mit intelligenter Straßenbeleuchtung und der Verknüpfung mit PTV Technologie zu tun hat.

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