Mittlerer Osten: Der Übergang vom privaten zum öffentlichen Verkehr ist entscheidend

Dubai gilt als Early Adopter von neuen Mobilitätstrends und ist somit der perfekte Standort für PTV’s lokale Niederlassung. Andrea Petti, unser neuer Geschäftsführer und Regional Director vor Ort, hat die Leitung der Geschäfte für die Region Indien, Mittlerer Osten und Afrika übernommen. Er gibt uns einige persönliche Einblicke in die künftige Geschäftsentwicklung des Bereichs Mobility in dieser Region.

Compass: Wo liegen die Schwerpunkte in puncto Stadtentwicklung und Mobilitätstrends in dieser Region?

Andrea Petti: Hier sind zwei Hauptcluster zu nennen: Zum einen die Städte, die sich in einer Übergangsphase befinden,wie in Afrika und zum anderen die Städte in den führenden, ressourcenreichen Ländern des Golf-Kooperationsrates (Golf Cooperation Council, GCC).

Compass: Worin liegt die Besonderheit dieses Marktes?

Andrea Petti: Insbesondere zwei Aspekte spielen eine wesentliche Rolle: Erstens, die Verfügbarkeit von und der Zugriff auf Ressourcen und Entscheider (insbesondere in den führenden Staaten des GCC). Zweitens, die Tatsache, dass es einfacher ist, Neues umzusetzen ohne durch bestehende Systeme eingeschränkt zu sein. So muss nicht der gesamte Entwicklungsprozess durchlaufen werden, sondern es können Schritte einfach übersprungen werden. Bei den meisten neu gestarteten Projekten auf der grünen Wiese kann man neueste Technologien einsetzen, was die Realisierung immens beschleunigt. Das Ergebnis: die Städte können schneller die Vorteile der neuen Konzepte nutzen. In Ländern oder Städten, die auf eine über 2000-jährige Geschichte zurückblicken, sieht die Situation jedoch ganz anders aus. Schauen Sie sich zum Beispiel Rom an, wo intelligente Verkehrssysteme auf alte römische Straßen treffen, die ursprünglich für Kutschen konzipiert wurden… Im Vergleich dazu befinden wir uns in Indien, im Nahen Osten und Afrika auf der grünen Wiese – von der Planung bis hin zur Umsetzung. Hier besteht somit eine einzigartige Gelegenheit, Mobilitätskonzepte zu realisieren, die für Erreichbarkeit, Planbarkeit und eine konsequente Umsetzung stehen.

Compass: Ist auch die Optimierung der bestehenden Infrastruktur ein Thema?

Andrea Petti: Sicherlich, zumal es für die Länder und Städte sehr kostspielig ist, die Infrastruktur in Form eines Verkehrsnetzes zu entwickeln und zu unterhalten. Durch die Optimierung, die sich immer als sinnvoll erweist, lassen sich enorme Ressourcen für Digitalisierungsprojekte freisetzen. Schon durch eine fünfprozentige Verbesserung in puncto Kapazität und Fahrzeit lassen sich Milliarden von Dollar einsparen. So sehe ich wichtige Länder im Nahen Osten als Early Adopters, Indien als Optimierungsumfeld und Afrika als Kontinent, der im Bereich Infrastrukturplanung und -betrieb schnell aufholt.

Das Straßennetz von Dubai – erstellt mit der Verkehrsplanungssoftware PTV Visum

Compass: Du sprichst von „Early Adopters“, denkst du also, dass Volocopter und Lieferung per Drohne in naher Zukunft Realität sind oder doch noch in weiter Ferne liegen?

Andrea Petti: Dass in naher Zukunft die meisten Waren online bestellt werden, zeichnet sich als klarer Trend ab. So gewöhnen sich die Kunden zunehmend an sogenannte „One-Click-Away-Transaktionen“. Damit rückt die Mikrologistik oder die letzte Meile innerhalb der Stadtlogistik in den Mittelpunkt. Können Drohnen dazu beitragen, den Druck auf die innerstädtische Logistik zu verringern? Vielleicht. Aber es könnte auch andere Lösungswege geben. Meiner Ansicht nach geht es künftig eher um die Integration und Kombination unterschiedlicher Verkehrsträger und fragmentierter Plattformen. Die Menschen nutzen bereits Shared-Mobility-Angebote. Und früher oder später werden wir gemeinsam genutzte, integrierte Lieferkonzepte zwischen Menschen und Gütern nutzen können. Sobald man eine bedarfsgerechte Mobilitätsplattform installiert hat, die sich zentral steuern lässt, funktioniert sie problemlos für Menschen und Güter. Um dies zu erreichen, muss sich die Industrie jedoch von bestehenden vertikalen Monopolen lösen, die Hardware (Fahrzeuge, Technologie, Infrastruktur) von der Software (Kontroll- und Orchestrierungsebene) entkoppeln und standardisierte Schnittstellen zu Software- und Dienstleistungsanbietern freilegen. Betreiber, Verwaltungen und Regulierungsbehörden sollten sich auf die Orchestrierung und die Funktionalitäten der Mobilitätsplattformen konzentrieren. Um noch einmal auf die Volocopter zurückzukommen: Ich komme aus einer Region, die sich intensiv mit innovativen Konzepten wie Taxi-Drohnen oder Hyperloops beschäftigt. Im Moment betrachte ich es als ein Vermarktungskonzept. Drohnen können natürlich auch zur Reinigung von Wolkenkratzern oder Sonnenkollektoren verwendet werden. Aber werden sie auch Ware ausliefern? Wir werden sehen.

Compass: Und worin besteht der Mehrwert aus der Kombination von Verkehr und Logistik?

Andrea Petti: Erst kürzlich habe ich diese Frage mit einem Kunden erörtert. Bei Shared Mobility und Mobility-on-Demand geht es heute nicht mehr um zielgenaue Transportleistungen mit festen Routen, sondern um Tourenoptimierung. Und für Touren benötigt man die Logik der Logistik. Sobald es um Abholung und Zustellung von Gütern geht, muss man sicherstellen, dass sämtliche Fahrzeuge optimal eingesetzt werden – immer unter Berücksichtigung veränderter Bedingungen in Bezug auf Bedarf und Verkehrsnetz. Für mich beruht der Transport von Personen und Gütern auf den gleichen Prinzipien. Wir mögen es vielleicht nicht gerne hören, aber die Beförderung eines Pakets oder einer Person – abgesehen vom Sicherheitsaspekt – ist das Gleiche. Der Prozess ist derselbe: Planung, Ausführung und Optimierung. Der Mehrwert für unsere Kunden ist, dass wir Experten in beiden Disziplinen sind und täglich Touren und Routen für über eine Million Fahrzeuge mit unserer Software geplant werden.

Compass: Aber gibt es da nicht doch einen Unterschied auf der letzten Meile? Denn Menschen können sich, im Gegensatz zu Gütern, selbst fortbewegen, oder wie siehst du das?

Andrea Petti: Ja, das stimmt absolut. Aber bei der letzten Meile könnte es Micro-Abladeplätze und Schließflächer geben. So dreht sich doch immer wieder alles um Planbarkeit und Zugänglichkeit der Dienste.

Compass: Was ist für dich der wichtigste Mobilitätstrend, die größte Herausforderung in der Region?

Andrea Petti: Wie gesagt, die Region hat die einmalige Gelegenheit, einige der Schritte zu überspringen und die neueste Technologie zu implementieren, um eine Mobilitätsplattform zu entwickeln, die in puncto Zugang, Planbarkeit und Konsequenz überzeugt. Die Herausforderung besteht darin, den Individualverkehr auf den öffentlichen Verkehr zu verlagern, d. h. vom eigenen Fahrzeug auf gemeinsam genutzte Verkehrsmittel umzusteigen. Öl und Gas sind sehr günstig. Wir haben sehr starke Motoren und keine Steuern oder Anreize. Es wäre also sehr schwierig, die Mobilität in einer Stadt zu orchestrieren, wenn es nicht gelingt, den Individualverkehr in einen gemeinsamen, mehrstufigen, öffentlichen Verkehr zu integrieren. Das ist die größte Herausforderung, der wir uns stellen müssen, um wirklich neue Mobilitätskonzepte umsetzen zu können. Und dies wird immer mit „Differenzierung“ oder Segmentierung und einprägsamen, griffigen Elementen verbunden sein.

PTV traffic model in 3D

Compass: Geht es auch darum, wie der öffentliche Verkehr (ÖV) wahrgenommen wird bzw. um die Akzeptanz der ÖV-Angebote seitens der Gesellschaft?

Andrea Petti: Beides. Nach meiner Ankunft in Dubai bin ich die ersten fünf Jahre mit der U-Bahn gefahren, ich hatte kein eigenes Auto. Von Zeit zu Zeit habe ich auch Car-Sharing-Angebote genutzt. Meine Freunde und Kollegen haben gedacht, ich käme vom Mars. Für sie waren diese Verkehrsmittel keine Option. Eine gängige Sichtweise. Nun hat man vor kurzem damit begonnen, Wifi-Konnektivität im öffentlichen Verkehr zu implementieren: das war ein großes Thema. Darüber hinaus ist man der Auffassung, dass der ÖV hauptsächlich für die Arbeiterklasse bestimmt ist. Es gibt also einige zentrale Herausforderungen, die es zu meistern gilt. In Indien und Afrika sieht die Situation ganz anders aus. Während Afrika mit fehlender Infrastruktur zu kämpfen hat, die es nun richtig zu planen gilt, liegt der Fokus in Indien primär auf der Digitalisierung der bestehenden Infrastruktur, um so künftig den Weg für Optimierungsprozesse zu ebnen.

Compass: Was sind deine Erfahrungen mit und in dieser Region?

Andrea Petti: Ich arbeite nun seit 18 Jahren im Mittleren Osten. Davon habe ich 10 Jahre in der Türkei und 8 Jahre in Dubai gelebt. Ich war schon immer in dieser Region tätig und bin in der Branche gut vernetzt. Von Dubai aus war ich für das globale ITS-Business von Ericsson verantwortlich. Ich kenne die Region und verfüge über langjährige Erfahrung in der Projektarbeit mit komplexen Systemintegrationslösungen.

Compass: Warum hast du dich für die PTV Group entschieden?

Andrea Petti: Der Grund dafür ist das Thema Mobilität. Ich möchte an vorderster Front den Wandel in der Branche mitgestalten. Meiner Ansicht nach wird Mobilität das Leben der Menschen zunehmend beeinflussen. Es ist davon auszugehen, dass künftig 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Damit wird die Mobilität zum Schlüsselfaktor, wenn es darum geht, die Lebensqualität der Bürger zu verbessern und den Menschen den urbanen Raum zurückzugeben. Das waren die beiden Hauptgründe. Und ehrlich gesagt, glaube ich, dass PTV im Mittelpunkt des Wandels in der Mobilitätswelt steht.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fokussierung. PTV ist ein sehr softwareorientiertes Unternehmen mit einem eindeutigen Leistungsversprechen: „Wir planen und optimieren die Bewegung von Menschen und Gütern“, keine Systemintegration oder Hardware. Die Mobilität der Zukunft ist softwaregesteuert, und zwar in Echtzeit. Früher wurde ich als Systemintegrator gefragt: Können Sie dies oder jenes integrieren? Die Antwort war meistens ja, aber die Bereitstellung gestaltete sich sehr schwierig. PTV hat ein sehr klares Geschäftsprofil und Leistungsversprechen mit einem Produktportfolio, das auf einen bestimmten Bereich und ein bestimmtes Segment ausgerichtet ist.

Compass: Und seit wann bist du bei der PTV?

Andrea Petti: Anfang Juni übernahm ich die Geschäftsführung für den Bereich Indien, Mittlerer Osten und Afrika als Nachfolger von Dr. Thomas Schwerdtfeger. Als einer der Unternehmensgründer wird er PTV immer verbunden bleiben, er wird definitiv bis Mitte 2019 in Dubai bleiben.

Compass: Was ist deine Hauptaufgabe?

Andrea Petti: Ich werde mich schwerpunktmäßig mit drei Themen befassen: Talente, Ziele und Strukturen. Die Einstellung und Förderung von Talenten ist gerade für ein schnell wachsendes Unternehmen wie uns eine wichtige Aufgabe. Die Budgetziele zu erreichen und für nachhaltiges Wachstum zu sorgen ist ein weiterer Schwerpunkt. Und zuletzt geht es darum, Strukturen zu etablieren, um in einer Region, die in den letzten zwei Jahren rasant gewachsen ist, erfolgreich Geschäfte tätigen zu können. Mein persönliches Ziel ist es, das Potenzial der Region voll auszuschöpfen und die PTV Group zum führenden Optimierungsunternehmen in Indien, dem Mittleren Osten und Afrika zu machen. Zu den nächsten wichtigen Schritte gehören die Eröffnung eines Büros in Saudi-Arabien und der Ausbau unserer Präsenz in anderen Ländern.

Andrea Petti leitet die Region Middle East, Africa & India bei PTV und ist für das schnell wachsende Segment New Mobility Solutions sowie die Bereiche Verkehrsmanagement und Transportlogistik zuständig. Er verfügt über fundiertes Wissen im Bereich Intelligent Transportation Systems (ITS) und kennt die Visionen und Trends der ITS-Branche.

Bevor er zur PTV kam, war er seit 2011 für den Bereich Intelligent Transport Systems für Ericsson weltweit zuständig. Er hat einen Master of Science in Business Administration von der LUISS Universität in Rom.

 

Pressemitteilung: PTV Group stärkt Präsenz im Mittleren Osten

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