Im Notfall vorbereitet: Mehr Sicherheit für Brücken und Tunnel

Die PTV Transport Consult erstellt Risikoanalysen, um Schwachstellen in einem Tunnel zu beseitigen und Rettungsmaßnahmen zu optimieren.

Brücken und Tunnel sind aus unserem Straßennetz nicht wegzudenken. Sie helfen dabei, Hindernisse und Engstellen zeitsparend zu überwinden und tragen damit zu einer effektiven, sicheren und umweltschonenden Verkehrsabwicklung bei. Im Interview mit unserem Kollegen Georg Mayer, Fachgebietsleiter Tunnelausstattung und Betrieb bei der PTV Transport Consult, haben wir uns diese Schlüsselelemente im Straßennetz etwas genauer angeschaut.  

Compass: Brücken und Tunnel gehören zu unseren Straßennetzen ganz selbstverständlich mit dazu. Welch wichtige Rolle sie spielen, wird einem meist erst so richtig bewusst, wenn sie ausfallen …

Georg Mayer: Aufgrund von topographischen Verhältnissen besitzen Brücken und Tunnel oftmals eine Flaschenhalsfunktion. Wenn sie wegen Sanierungs- bzw. Instandsetzungsarbeiten oder infolge eines Bauwerksversagens ausfallen, dann steht eine wichtige Strecke über einen längeren Zeitraum nur eingeschränkt oder gar nicht zur Verfügung. Das hat meist gravierende Folgen für den Verkehrsfluss und kann erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Als vor ein paar Jahren an der Schiersteiner Brücke auf der A643 ein Pfeiler abgesackt ist und die Brücke gesperrt werden musste, hatte dies in der gesamten Region Mainz/Wiesbaden erhebliche Verkehrseinschränkungen zur Folge. Oder ein ganz aktuelles Beispiel ist auch das schlagartige Versagen der Brücke in Genua.

Compass: Genau zu diesem Themenbereich wart ihr bei der PTV Transport Consult in den letzten Jahren an Forschungsprojekten beteiligt, oder?

Georg Mayer: Ja, zum einen auf nationaler Ebene am Forschungsprojekt SKRIBT (Schutz kritischer Infrastruktur, Brücken und Tunnel). Dabei wurden geeignete Schutzmaßnahmen von Infrastruktureinrichtungen auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Zum anderen hatten wir im europäische Forschungsprojekt SeRoN  (Security of Road Transport Networks) die Projektleitung. Hier haben wir länderübergreifend betrachtet, was passiert, wenn bestimmte Bauwerke ausfallen und eine Methodik entwickelt, die verantwortlichen Institutionen eine Bewertung von Straßeninfrastruktureinrichtungen ermöglicht.

Georg Mayer, Fachgebietsleiter Tunnelausstattung und Betrieb bei der PTV Transport Consult.

Compass: Sind Brücken und Tunnel denn besonders anfällig für Störungen?

Georg Mayer: Nicht anfälliger als andere Bauwerke auch. Es gibt aber einige Faktoren, die vor allem Brücken zusetzen. Das erhöhte Verkehrsaufkommen zum Beispiel. Man geht davon aus, dass 2030 der Schwerverkehr bis zu 40 Prozent höher liegen wird als 2010.  Auf ein solches Verkehrsaufkommen sind viele Bauwerke nicht ausgelegt. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle. Vermehrter Starkregen oder Hitzeperioden, wie wir sie dieses Jahr hatten, können Auswirkungen auf die Konstruktion haben. Deshalb werden Infrastrukturelemente wie Brücken und Tunnel regelmäßig geprüft und überwacht.

Compass: Trotz der regelmäßigen Überwachung kann man Störfälle aber nie ganz ausschließen …

Georg Mayer: Nein, deshalb ist es wichtig, frühzeitig entsprechende Ausfallstrategien zu entwickeln, um Auswirkungen auf den Verkehrsablauf im Notfall zu minimieren. Mein Leitspruch ist da: „Erst nachdenken und nicht nachher denken.“

Compass: Wie sehen solche Sicherheitsbetrachtungen aus?

Georg Mayer: Grundlage sind so genannte quantitative Risikoanalysen. Wir bei der PTV Transport Consult analysieren die möglichen äußeren Einwirkungen auf Einrichtungen der Verkehrsinfrastruktur sowie typische Schadensszenarien. Wir bewerten die Risiken und definieren dann Maßnahmen zur Schadensverhütung und Ereignisbewältigung. In Tunneln haben beispielsweise Brände ein hohes Gefahrenpotential. Mit Hilfe von Simulationen können wir da Schwachstellen aufzeigen. Etwa im Bereich der Rauchentwicklung und -ausbreitung. Mit der Verknüpfung von Strömungs- und Fußgängersimulation (Dafür nutzen wir die Software PTV Vissim aus unserer Firmengruppe) lässt sich das Fluchtverhalten abbilden und damit dann die Evakuierung planen bzw. prüfen. So lassen sich die Rettungsmaßnahmen optimieren.

Compass: Solche Risikoanalysen eigenen sich aber nicht nur für neu zu errichtende, sondern auch für bestehende Bauwerke?

Georg Mayer: Mit unseren Untersuchungen sind wir natürlich oft in einem frühen Planungsstadium unterwegs, um frühzeitig die beste Lösung zu finden. Aber auch wenn es um Erhaltung und Weiterentwicklung von Bauwerken geht, ist eine Risikoanalyse sinnvoll. Kosten-Nutzen-Analysen sind da ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Genauso die Frage, ob eine bestimmte Maßnahme wirklich eine signifikante Erhöhung der Sicherheit mit sich bringt oder eher „nice-to-have“ ist und hauptsächlich Kosten verursacht.

Compass: Hast du ein aktuelles Beispiel?

Georg Mayer: Die PTV Transport Consult war gerade an einem Projekt in Hamburg beteiligt. Dort wird die Autobahn A7 achtspurig ausgebaut. Da die Trasse nahe an Wohngebiete heranreicht, ist ein umfassender Lärmschutz aus Tunneln geplant. Es gab einen ersten, recht aufwendigen Vorschlag, wie die Belüftung in diesen Tunneln realisiert werden könnte. Mit unserer Risikoanalyse konnten wir zeigen, dass eine einfachere Maßnahme – nämlich sehr kurze Notausgänge zwischen den Röhren –  sogar noch ein höheres Sicherheitsniveau schafft. Die Maßnahme wird jetzt wie von uns vorgeschlagen realisiert.