Renaissance des Fußverkehrs

Wird der Fußverkehr – der Klassiker der Fortbewegung – eine Renaissance erleben? Foto: Pixabay

Gesund, umweltschonend, kostenlos: Gehen hat viele Vorteile. Theoretisch. In der Praxis hat man als Fußgänger manchmal den Eindruck, kein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer zu sein. Gehwege sind halb zugeparkt, Grünphasen an der Ampel zu kurz und Zebrastreifen scheinen eher dekorativen Zwecken zu dienen. Doch vielleicht erlebt der Klassiker der Fortbewegung bald eine Renaissance.

Einst stand das Gehen in hohem Ansehen. So heißt die philosophische Schule des Aristoteles Peripatos nach dem Ort, an dem gelehrt wurde, nämlich der Wandelhalle (περίπατος). Durch Schriftsteller wie Poe, Baudelaire, Apollinaire, Hessel und viele weitere fand der Fußgänger Eingang in die Literatur: als Flaneur, der das Leben in der Großstadt beobachtet und reflektiert. Bürgersteige und – komfortabler noch – Arkaden und Passagen boten Sicherheit und Schutz vor Fuhrwerk- und Reitverkehr. Doch mit dem Siegeszug des Automobils gerieten die Interessen und die Sicherheit der Fußgänger ins Hintertreffen.

Fußverkehr kommt zu kurz

„Gehwege sind aber auch die am stärksten vernachlässigten und missachteten Verkehrswege. Manchmal fehlen sie ganz. Oft sind sie nicht mehr als schmale Reststreifen – das was zufällig übrig blieb, nachdem alle anderen bedient waren. Häufig waren sie ursprünglich breiter, aber sind angeknabbert durch Parkplätze und Radwege, Lichtmasten und Telekom-Kästen, Kneipentische und Werbeschilder, Haltestellen und Mülltonnen. Radfahrer und Autoparker missbrauchen sie; bei Tiefbauämtern und Schneeräumdiensten stehen sie an letzter Stelle.“ So formuliert der Fuss e. V. Fachverband Fußverkehr Deutschland auf seiner Webseite die Nachteile jahrzehntelanger Auto-fokussierter Verkehrsplanung bzw. die Probleme für Fußgänger und fordert eine fußgängergerechte Planung. Schließlich ist „Zufußgehen die Grundvoraussetzung für jegliche Mobilität […]. Alle Verkehrswege beginnen oder enden zu Fuß“, wie es sehr richtig im Vorwort zu Geht doch! Grundzüge einer bundesweiten Fußverkehrsstrategie heißt (Umweltbundesamt 2018). Auch hier werden Defizite und Handlungsfelder eingehend beschrieben. Ein Bewusstsein für die Problematik ist also durchaus vorhanden. Zumal das Gehen eine der häufigsten Fortbewegungsarten ist.

In Deutschland geht viel zu Fuß

Ende 2018 hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) die Ergebnisse der Erhebung „Mobilität in Deutschland (MiD) 2017“ veröffentlicht. Danach legen die Deutschen täglich etwa 3,2 Milliarden Kilometer zurück – also pro Person 39 Kilometer am Tag. Am meisten davon mit dem Auto, das allein drei Viertel der Personenkilometer abdeckt und 57 % aller Wege. Mit 22 % Anteil an den Wegen liegt der Fußverkehr doppelt so hoch wie der Radverkehr mit 11 %, öffentliche Verkehrsmittel liegen mit 10 % sogar noch darunter. Das macht die Füße zum beliebtesten Verkehrsmittel – gleich nach dem Auto.

Aber da geht noch mehr: Fast die Hälfte aller Autostrecken ist kürzer als fünf Kilometer, jede vierte Autofahrt kürzer als zwei Kilometer und jede zehnte sogar noch kürzer. Setzt man voraus, dass ein Kilometer zu Fuß 15 Minuten braucht, ist man mit dem Auto im Stadtverkehr inklusive Parkplatzsuche nicht schneller. Gerade in Städten, die mit hoher Verkehrsbelastung und den Folgen (Schadstoffemissionen, Lärm, überlastete Straßen, Parkplatzmangel) zu kämpfen haben, sind alternative Mobilitätsformen wie das Gehen hilfreich und effektiv. In modernen Mobilitätskonzepten wird daher versucht, den verschiedenen Verkehrsmitteln auch planerisch mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Fußgänger-gerecht statt Auto-fokussiert

Christoph Schulze, Fachgebietsleiter Verkehrsplanung und -technik bei der PTV Transport Consult

„Seit einigen Jahren zeigt sich gerade bei Mobilitätskonzepten für kleinere bis mittelgroße Städte, dass dem Fußverkehr eine höhere Bedeutung zukommt“, bestätigt Christoph Schulze, Fachgebietsleiter Verkehrsplanung und -technik bei der PTV Transport Consult. Er ist aktuell für zwei Mobilitätskonzepte aktiv, die im April 2019 den jeweiligen Stadtverwaltungen präsentiert werden: Landau und Bad Dürkheim. Wichtig im Blick auf den Fußverkehr seien Themen wie Sicherheit und Barrierefreiheit einerseits und andererseits, dass es durchgehende attraktive Verbindungen für den Fußverkehr gibt. „Niemand will Umwege machen“, sagt Schulze. Die Bedingungen für den Fußverkehr zu verbessern, kann in Städten mit historischer Straßenraumgestaltung wie Bad Dürkheim auch mal knifflig werden: „Enge Straßen, die noch dazu früher für die leistungsfähige Abwicklung des Kfz-Verkehrs gestaltet wurden – hier sind Kompromisse nötig. Beispielsweise lassen sich die Mindestbreiten für Fuß-, Rad- und Autoverkehr nicht einhalten. Entsprechend können etwa Einbahnstraßen eine Möglichkeit darstellen, Platz für alle Beteiligten zu schaffen“, so Schulze.

Für beide Mobilitätskonzepte sei der Fußverkehr als vollwertiger Bestandteil des Mobilitätsverhaltens mitgedacht worden. Aber Schulze sieht für viele andere Städte noch einen großen Nachholbedarf. „Dabei ist gerade die Verlagerung vom Auto auf den Fuß- oder auch den Radverkehr ein wirkungsvoller Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz.“

Forschen für den Fußverkehr

Das wissen auch die Forscherinnen und Forscher, die sich im EU-Projekt FLOW (Furthering Less Congestion by Creating Opportunities for more Walking and Cycling) engagiert haben. Ziel des Projekts war es, Staus in Städten zu reduzieren und den Personenverkehr finanziell und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Wichtige Maßnahmen dazu: Gehen und Radfahren bzw. die Bedingungen dafür zu verbessern.

Nora Szabo, Sales Manager bei der PTV Austria

Nora Szabo, die das Projekt von PTV-Seite aus betreut hat: „Wir haben mit Software untersucht, wie sich die Maßnahmen zur Staureduktion auf die sechs Städte auswirken, die in das Projekt eingebunden waren, Budapest, Dublin, Gdynia, Lissabon, München und Sofia. Zum Einsatz kam hierbei die Software zur Verkehrssimulation PTV Vissim, zur Fußgängersimulation PTV Viswalk und die Verkehrsplanungssoftware PTV Visum. Die Untersuchung bedurfte der Weiterentwicklung der Software, um das Shared-Space-Konzept besser in PTV Vissim und PTV Viswalk abbilden zu können. Auch PTV Visum wurde weiterentwickelt für die realitätsnahe Verkehrsumlegung des Radverkehrs und die Berücksichtigung der Verleihsysteme. Eine weitere wichtige Aufgabe für uns war es, ein Bewertungsverfahren zu entwickeln, um die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen für den Fuß- und Radverkehr abzuschätzen. Dabei wurden auch multimodale Aspekte berücksichtigt. Dieses Verfahren haben wir auf die Bedürfnisse der Partnerstädte angepasst.“

Hügelige Topographie, enge Bürgersteige, auto-fokussierte Gestaltung – Herausforderungen für den Fußverkehr in Lissabon. Foto: Tomasz Piernicki

Am Beispiel der Partnerstadt Lissabon lassen sich die Effekte gut zeigen. Die portugiesische Hauptstadt bietet mit ihren engen historischen Gassen wenig Platz für den Fußverkehr. Zumal auch hier ein wesentlicher Teil dem Auto- und Parkverkehr gewidmet ist. Besonders problematisch sind die schmalen Bürgersteige, vor allem für Menschen mit Einkaufstaschen, Kinderwagen oder Gehhilfen.

Im Rahmen von FLOW hat Lissabon mehrere Maßnahmen und ihre Auswirkungen modelliert und analysiert: längere Grünphasen für Fußgänger, komplett aufgelöste Unter- und Überführungen, die durch Straßenübergänge ersetzt wurden, und mehr Platz für Fußgänger durch die Verbreiterung von Gehwegen oder Straßen, die nur für den Fuß- und Radverkehr bestimmt sind. Die Vision einer fußgängerfreundlicheren Stadt ist natürlich ein „Work in Progress“, aber aufgrund der Erkenntnisse aus den 3D-Animationen in PTV Vissim wurden bereits 30 verschiedene Maßnahmen für die Verbesserung des Fußverkehrs getroffen. Insgesamt konnte das Fußgängernetz deutlich verbessert werden, was Sicherheit, Zugänglichkeit, Komfort, aber auch die Attraktivität der Wege angeht. Wichtige Voraussetzungen, um noch mehr Menschen dazu zu bewegen, zu Fuß zu gehen. Einen ausführlichen Bericht darüber lesen Sie hier (auf Englisch).

Fußgänger brauchen attraktive, sichere Wege in der Stadt. Und die Städte brauchen noch viel mehr Fußgänger, um ihre Umweltprobleme einzudämmen. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.