Urbane Logistik: Auswege gesucht

Wie lassen sich die Probleme der Logistik im urbanen Raum lösen? Foto: Geralt/Pixabay

Wir brauchen sie, aber oft nervt sie auch: urbane Logistik macht unser Leben leichter, versorgt uns und entsorgt, was wir nicht mehr brauchen. Aber Luftverschmutzung, Lärmbelästigung und dichte Straßen gehören leider dazu. Oder? Wie lassen sich die Probleme der urbanen Logistik in den Griff bekommen und was können wir selbst dafür tun?

Was denken Sie beim Thema Logistik in Städten? A) Was interessiert mich die Logistik? B) Wo bleibt mein Paket? Oder eher C) Dicke Luft, Staus etc.? Bei der Logistik sind wir bzw. unser Konsumverhalten Teil des Problems. Aber vielleicht könnten wir auch zu Lösungen beitragen.

Was interessiert mich die Logistik?

Unsere persönliche Mobilität interessiert uns üblicherweise mehr als die der Waren, die wir online bestellt haben. Um den wachsenden Autoverkehr in Städten in den Griff zu bekommen, wird uns geraten, aufs Rad oder den ÖV umzusteigen oder zumindest das Auto mit anderen zu teilen. Und gerade in Städten klappt das dank Regulierungen und Anreizen auch immer besser. Sei es, weil ÖPNV-Jahreskarten stark subventioniert und damit sehr erschwinglich sind (wie in Wien) oder weil die Stadt die fahrradfreundlichste der Welt sein will (wie Kopenhagen).

Wo bleibt mein Paket?

Was aber die urbane Logistik angeht, so hat bisher noch niemand geraten: Bestellt weniger online oder bestellt wenigstens so, dass ihr zu Hause seid, wenn die Lieferung kommt, damit die Lieferfahrzeuge nicht 2, 3-mal wegen eines Pakets unterwegs sind. Insgesamt wurden 2017 allein in Deutschland 3,35 Milliarden Pakete versendet. Der Online-Handel wächst kräftig, vor allem im B2C-Bereich. Da hat er laut Statistikportal Statista im Jahr 2018 über 53 Milliarden Euro erwirtschaftet – zehn Jahre vorher waren es noch über 12 Milliarden. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, den man nicht senken will, indem man die Konsumierenden um Mäßigung bittet.

Aber die letzte Meile zur Haustür ist ein gewaltiger Kostenfaktor. Lieferungen an Privatleute sind sowieso teuer, sie verursachen über 50 % der Gesamtkosten bei Paketlieferungen. Das liegt an den kleinen Mengen und verteilten Anlieferadressen, aber auch an erfolglosen Zustellversuchen. Inzwischen denken einige Versanddienstleister schon laut über einen Zuschlag für Lieferungen bis an die Haustür nach. Ob es dadurch auch zu einem geänderten Bestellverhalten bei den Kundinnen und Kunden kommt, ist fraglich.

Dicke Luft, Staus etc. – wie soll es weitergehen?

Foto: delphinmedia/Pixabay

Wir wollen unsere Bestellungen so bequem und schnell wie möglich erhalten. Unsere Ansprüche bedeuten für die Logistikdienstleister zusätzlichen Druck. Zusätzlich zu den städtischen Regulierungen beim Lieferverkehr, dem knappen Personal und den steigenden Kosten. Auch das Lieferaufkommen steigt. Das liegt allerdings nicht nur an unseren Paketen. Da der Einzelhandel immer weniger Lagerflächen in Städten hat, muss er häufiger beliefert werden. Die Folgen sind bekannt: volle Straßen, Parkplatzmangel, schlechte Luft, Lärm – und jetzt interessiert uns plötzlich doch die Logistik, denn: So geht es nicht weiter! Aber wie dann?

Natürlich gibt es bereits eine Vielzahl von Ansätzen, um die urbane Logistik zu entlasten. Alternative Lieferfahrzeuge wie Lasträder oder Paketdrohnen, Lieferungen in den Kofferraum, City Hubs oder gemeinsam gennutzte Packstationen sind nur eine kleine Auswahl der Möglichkeiten. Aber noch ist keine einheitliche Linie zu erkennen. Und wer die Linie vorgeben soll, ist ebenfalls unklar. Soll einfach jeder tun, was er kann und insgesamt wird’s dann schon?

Den Wilden Westen regulieren

Davor bzw. vor einem großen Durcheinander und Gerangel zunehmender Logistikdienstleister und innovativer Konzepte wird in der von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) und dem Beratungsunternehmen Roland Berger herausgegebenen Studie Gemeinsam gegen den Wilden Westen. Urbane Logistik 2030 in Deutschlandgewarnt. Beim Szenario „Wilder Westen“ seien noch mehr Verkehr und Verkehrsbehinderungen zu erwarten. Es ist eines von vier möglichen Szenarien, das Experten für die Logistik der Zukunft prognostizieren. Da gibt es noch das Szenario „Regulierte Vielfalt“ durch die Stadt, um mehr Effizienz in der Logistik und ein reduziertes Verkehrsaufkommen zu erreichen. Das Szenario „Stadtplattform“ scheint fast eine Fortsetzung des vorherigen, bei dem die Stadt auch eine Plattform betreibt, auf der alle Lieferkapazitäten zusammenlaufen, Warenströme gebündelt und die Belieferung der letzten Meile optimiert wird. Das vierte und letzte Szenario schließlich geht von einer „Koexistenz der Großen“ aus, bei der es wenige große Plattformen gibt und die Stadt sich weitgehend heraushält.

Marcel Huschebeck, Logistics Research Portfolio Manager bei der PTV Group

Im Folgenden werden Empfehlungen gegeben, wie ein Durcheinander zu vermeiden sei, und zugleich wird der Sorge Ausdruck verliehen, dass die Umsetzung daran scheitern könnte, dass die großen Anbieter nicht kooperieren wollen und die Städte zu lange zögern.

„Die Sorge um die Kooperationsunwilligkeit ist nicht unbegründet“, so Marcel Huschebeck, Logistics Research Portfolio Manager bei der PTV Group, der seit gut 15 Jahren in verschiedenen Forschungsprojekten zu Lösungen für die Logistik Erfahrungen gesammelt hat. „Die Vorteile, die die Kooperation der Großen bringen würde, sind enorm. Hier liegt vielleicht das größte Potenzial, um Güterverkehre in der Stadt effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Trotz steigender Kosten der Logistik in der Stadt werden diese aber bislang noch nicht wirklich erkannt“. Neue Technologien und Konzepte wie das Physical Internet bieten hier einen ganzheitlichen Ansatz, um Kosten durch Modularisierung, Kooperation und sogenannte Interoperabilität im zweistelligen Prozentbereich zu senken.“ Beim Physical Internet sollen Waren künftig so einfach versendet werden können wie Informationen durch offene Kanäle im Web. Hier wird das Prinzip des Austauschs standardisierter Datenpakete auf Materialflüsse übertragen, was die Transportlogistik effizienter, flexibler und umweltfreundlicher gestalten würde.

Schnelle Erfolge und langfristige Strategien

Schnellere Erfolge seien nach Huschebecks Meinung am ehesten mit einer Mischung aus weiteren Regulierungen, aber auch Anreizen für eine umweltfreundlichere Logistik zu erzielen. „Wobei Städte hier wirklich eine aktivere Rolle spielen müssen als bislang. Wichtig ist, dass gemeinsame Ziele über die Anliegen und Interessen aller Beteiligte definiert werden. Das ist für viele Städte ein neuer Ansatz und bedeutet häufig ein Umdenken. Auf keinen Fall sollte die Möglichkeit vergeben werden, zugunsten kurzfristiger Lösungen auf Langzeitstrategien zu verzichten.“ Die wiederum seien am effektivsten, wenn sie gemeinsam mit Logistikunternehmen und Wirtschaft erarbeitet werden. Das zeige zumindest seine Erfahrung aus entsprechenden EU-Projekten der letzten Jahre, wie etwa BESTFACT. „Rechtliche Vorgaben und Emissionsgrenzwerte müssen von den Städten umgesetzt werden und bieten keinen Handlungsspielraum, aber vieles kann gemeinsam erarbeitet und im Rahmen langfristiger Strategien und Pläne umgesetzt werden. Außerdem kommen bei vielen Beteiligten auch viele gute Ideen zusammen“, so Huschebeck.

Im zweiten Teil unserer Serie zum Thema Urbane Logistik erfahren Sie mehr über die Möglichkeiten, die Delivery as a Service bietet.