Lassen sich die Klimaziele der Bundesregierung für 2030 noch erreichen?


Klimaziele erreichen, aber wie? Interview mit Prof. Dr. Christoph Walther über die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung.

Strategien für den Klimaschutz: Wir sprechen mit Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV, der als einer von drei wissenschaftlichen Koordinatoren die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie (MKS) der Bundesregierung begleitet.

Compass: Eigentlich müsste die Regierung schleunigst tätig werden, doch wie so oft ist in der Praxis alles nicht so einfach. Davon kannst du wahrscheinlich auch ein Lied mit vielen Strophen singen?

Christoph Walther: Ja, und der Text beginnt immer mit „Klimaschutz ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit“. Es ist nun einmal so, dass der Verkehrssektor zwar einer der größten Energieverbraucher in Deutschland und der Drittgrößte bei der Erzeugung von Treibhausgasemissionen ist, aber die deutsche Fahrzeugindustrie ist eben auch wichtig für unsere wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherung der Beschäftigung. Bei manchen Maßnahmen müssen wir außerdem erst noch bei den Nutzern ein Bewusstsein für die Dringlichkeit schaffen – und dann soll das Ganze natürlich auch immer wirtschaftlich sein. Sicher ist, dass wir ein ganzes Bündel von Maßnahmen brauchen, um unsere Klimaziele zu erreichen.

Compass: Welche Maßnahmen wurden im Rahmen der MKS identifiziert?

Prof. Dr. Christoph Walther, Head of Global Research bei der PTV Group, auf der MKS-Jahreskonferenz. Foto: BMVI

Christoph Walther: Es gibt mehrere zentrale Handlungsfelder: Da wäre neben der e-Mobilität der Antriebswechsel bei Pkws und Lkws auf alternative Kraftstoffe, synthetische Kraftstoffe ebenso wie Biokraftstoffe der zweiten Generation (aus Abfallstoffen). Im Zusammenhang mit Oberleitungs-Lkws werden aktuell erste Teststrecken eingerichtet.

Beim Thema Effizienzsteigerung der Pkws und Lkws spielen Themen wie automatisierte Prozesse und Digitalisierung eine Rolle. Der Schienenverkehr soll gestärkt werden, sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr. Dazu müssen entsprechende Kapazitäten geschaffen werden. Wo sich große Verkehrsströme treffen, sollten Knoten ausgebaut werden. Die Elektrifizierung muss vorangetrieben werden, man muss sehen, wie die Chancen der Güterbahnen bei Sendungsgrößen kleiner als ein Container aussiehen und vieles mehr. Ebenfalls gestärkt werden soll die Binnenschifffahrt. Auch hier sind alternative Antriebsstoffe hilfreich, etwa Liquid Natural Gas (LNG). Synthetische Kraftstoffe gehören zu den Hoffnungsträgern insbesondere für Schiff- und der Luftfahrt. Hinzu kommen Maßnahmen für die Stärkung des Bus-, Rad- und Fußverkehrs. Da wird beispielsweise im ÖV getestet, wo Strecken für Oberleitungsbusse sinnvoll sind. Da der Ausbau der Oberleitung an Kreuzungen besonders kostenintensiv ist, könnten Hybridbusse zum Einsatz kommen, um diese Ausbaukosten zu sparen.

Compass: Was tragen wir als PTV Group zur MKS bei?

Prof. Dr. Christoph Walther im Gespräch mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Steffen Bilger, der die Jahreskonferenz Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie am 2. April 2019 eröffnete. Foto: BMVI

Christoph Walther: Abgesehen davon, dass ich zu den drei Koordinatoren gehöre, ist die PTV Group bei fast allen genannten Themen beratend vertreten. Wir tragen also mit unserem Software- und Beratungs-Know-how zu allen Aspekten der neuen Mobilität etwas bei. Dazu zählen Untersuchungen zur Digitalisierung der Bahn ebenso wie Fragen einer rentablen Reaktivierung von Bahnstrecken.

Im Bereich neue Mobilitätsformen haben wir ein Projekt geleitet, bei dem im ersten Schritt festgelegt wurde, was darunter genau verstanden werden soll und wie groß die aktuelle Nachfrage ist. Hier wird auch untersucht, in welchen Raumtypen welche Mobilitätsform am meisten bringt: In eng besiedelten, urbanen Räumen sind andere Maßnahmen sinnvoll als ihn locker besiedelten Gegenden. Mit unserem PTV MaaS Modeller wurden für bestimmte Städte Potenziale, Szenarien und Prognosen erarbeitet.

Wir sind beim automatisierten Fahren dabei, auch im Bereich Kombination von Radfahren und Öffentlichem Verkehr, wo es um intelligente und sichere Fahrradstationen vor allem für E-Bikes geht und vieles mehr. Als Grundlage aller Einzeluntersuchungen wurden mit den MKS-Partnern ein Referenzszenario für 2030 entwickelt, in dem wir dann die Eckwerte straßenfein in die Modellierung mit Validate eingegeben haben, unser Verkehrsmodell für ganz Deutschland.

Compass: Wann sollte mit der Umsetzung aller dieser guten Ideen begonnen werden?

Christoph Walther: Am besten gleich morgen. Insgesamt sind viele Stakeholder betroffen und viele Einzelmaßnahmen stehen zur Diskussion– genau das ist eben auch die Riesenherausforderung, denn es muss stets analysiert werden, wie die einzelnen Maßnahmen zusammenpassen, ob sie sich ergänzen oder womöglich widersprechen, was welche Auswirkungen auf welche Bevölkerungsgruppen hat. 2030 und 2050 scheinen noch weit, doch wir müssen wirklich rasch handeln, damit die Maßnahmen rechtzeitig greifen. Dies betrifft insbesondere die infrastrukturellen Maßnahmen mit ihren langen Planungsvorläufen. Preis- und ordnungspolitische Maßnahmen haben natürlich einen deutlich kürzeren Umsetzungshorizont.

Compass: So schnell wird es wahrscheinlich nicht losgehen … Was bliebe sonst zu tun?

Christoph Walther: Wenn wir die Verkehrswende ernst meinen, dann ist das auch eine Wirtschafts- und Energiewende. Diese verlangt einen Kraftakt der gesamten deutschen Wirtschaft, stellt aber auch eine Chance für eine technisch führende Stellung Deutschlands mit ökologisch validen Produkten und Konzepten dar. Die aktuellen Haushaltsansätze für 2020 zeigen leider nicht auf, dass die öffentliche Hand hier ein großes Engagement zeigen muss.

Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie

Die Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung, kurz MKS, beschreibt, welche Antriebs- und Kraftstoffoptionen der Verkehrssektor – Straße, Luft, Schiff und Schiene – hat und welche Energie-Infrastrukturen benötigt werden, um bis 2050 die Ziele des Klimaschutzplans der Bundesregierung zu erfüllen. Dabei sollten transitorische Pfade – Entwicklungspfade – gezeigt werden, mit denen die klimapolitischen Ziele erfüllt werden können. Dazu wurden verschiedene Maßnahmen entwickelt und bewertet, zum Beispiel im Zusammenhang mit der erforderlichen Ladeinfrastruktur für alternative Antriebe, die Verbesserung der Umschlagstrategien Straße auf Bahn, den Einsatz von hybriden Oberleitungs-Lkws oder auch die Ausweitung der Elektrifizierung der Bahn. Anschließend wurden die Maßnahmen in Bündel zusammengefasst und ihre Einführung sukzessive simuliert oder ihre Auswirkungen abgeschätzt. Hier finden Sie einen Beitrag zur wissenschaftlichen Begleitung und Prozessbegleitung der MKS.