Der Umwelt verpflichtet (2): Ist Öffentlicher Verkehr immer klimaschonend?

Umweltschutz und ÖPNV – Topthemen bei der PTV Transport Consult. Foto: pixabay/Harald Meyer-Kirk

Das Thema Umweltschutz spielt heute in der Verkehrsplanung eine wichtige Rolle. Wir sprechen mit Petra Strauß von der PTV Transport Consult über Möglichkeiten und Grenzen des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) im Umweltschutz.

Compass: Bist du mit deinem Team im Fachbereich ÖV-Planung und Bewertung sozusagen stets im Namen des Umweltschutzes unterwegs?

Petra Strauß: Wir begreifen den öffentlichen Verkehr schon immer als Teil des Umweltverbundes, zusammen mit dem Fuß- und dem Radverkehr, mit dem man stadt- und umweltfreundlich unterwegs sein kann. In unseren Planungsprojekten verfolgen wir auch meist das Ziel, den Modal Split, also den Anteil des ÖVs am gesamten Verkehrsaufkommen zu erhöhen. Der öffentliche Verkehr ist häufig die umweltfreundlichere, emissionsärmere Art, sich fortzubewegen. Man kann aber auch nicht sagen, dass der ÖV per se umweltfreundlich ist. Leere Dieselbusse sind keine klimaschonenden Verkehrsmittel. Dagegen sind Fuß- und Radverkehr natürlich klimaschonende Varianten des Individualverkehrs.

Compass: Wann wird der ÖV klimaschonend?

Petra Strauß, Fachbereichsleiterin ÖV-Planung und Bewertung bei der PTV Transport Consult

Petra Strauß: Es kommt immer auf das Einsatzgebiet an. Bau und Betrieb einer Straßenbahn rechnet sich für die Umwelt nur, wenn ich genug Fahrgäste erreiche, die die Straßenbahn nutzen und ihr Auto stehen lassen. Es wäre schön und für die Umwelt vorteilhaft, wenn mehr Menschen den ÖV nutzen würden. Hierzu wünschen wir uns mutigere Maßnahmen, wie die Citymaut und eine Verknappung von Parkraum in größeren Städten, günstige ÖPNV-Tarife und natürlich höhere Investitionen in den ÖPNV für eine Verdichtung der Taktangebote und moderne Fahrzeugtechnologie, um den ÖPNV für viele attraktiv zu machen.

Bei allen Angebotsplanungen im ÖPNV sind die finanziellen Ressourcen immer noch sehr begrenzt. Auf dem Land bewegen wir uns häufig nur auf dem Niveau der Daseinsvorsorge. Es ist gut, dass es das gibt, aber für die meisten ist das nicht attraktiv genug. Mit einer höheren finanziellen Ausstattung könnte man viel mehr erreichen, für bessere Verbindungen und flexiblere Angebote, für einen höheren Komfort – und für die Umwelt. 

Compass: Kann E-Mobilität die Lösung sein, um Verkehr umweltverträglich zu gestalten?

Petra Strauß: E-Mobilität hat im ÖPNV mit seinen Straßenbahnen oder O-Bussen eine lange Tradition, das macht ihn so umweltfreundlich. Die Deutsche Bahn und auch Städte und Verkehrsunternehmen nutzen dafür grünen Strom.

Auch im Busbereich gibt es viele Fortschritte. Es könnte sogar sein, dass der O-Bus eine Renaissance erfährt, vermutlich als hybride Variante mit Batterieausstattung, damit nicht überall eine Oberleitung benötigt wird, aber die Fahrzeuge gleichzeitig leistungsstark genug sind und es keine Reichweitenprobleme gibt. Wir bearbeiten hierzu derzeit verschiedene Machbarkeitsstudien. So überlegt Berlin, ob für Berlin-Spandau ein solches System eingeführt werden soll. Ich halte das für eine sehr positive Entwicklung.

Genauso wichtig hinsichtlich der CO2-Emissionen und für saubere Luft in den Städten wäre es natürlich, wenn im Pkw-Verkehr die Marktdurchdringung des E-Autos endlich zunehmen würde. Das Klima können wir mit dem ÖPNV alleine nicht retten, da müssen alle Verkehrsträger beitragen. Aber der ÖPNV sollte eine immer größere Rolle spielen. Er kann auch Vorreiter sein, weil hier die öffentliche Hand in der Regel die Verkehre bestellt und verantwortet.

Compass: Wie beeinflussen aktuelle Entwicklungen wie MaaS und die neue Sharing-Kultur die Situation?

Petra Strauß: Große Fahrzeuge, die von vielen Personen genutzt, also geteilt werden – das ist im ÖV ja schon lange erprobt und spart Verkehrsleistungen und Emissionen. In großen und mittelgroßen Städten funktioniert die Bündelung der Anfragen nach Mobilitätsangeboten sehr gut. Hier werden auch neue Services gute Marktchancen haben. Auf dem Land ist das schwieriger, denn hier wird die Autoabhängigkeit immer relativ hoch bleiben und die Services sind natürlich teurer, wenn man nicht so viele Personen mit einem Fahrzeug befördert. Hier liegt ein Schwerpunkt unserer aktuellen Arbeit. In vielen forschungsnahen Projekten geht es darum herauszufinden, welche Bedingungen gegeben sein müssen und welche Angebotsformen geeignet sind, damit diese neuen Angebote zur Umweltverträglichkeit beitragen.

Compass: Gibt es dazu vielleicht ein aktuelles Beispiel?

Petra Strauß: Im Rahmen des Green-City-Plans haben wir für Darmstadt für MaaS als Last-Mile-Konzept positive Wirkungen ermittelt. Als Konkurrenz zum ÖPNV im innerstädtischen Bereich sehen wir das aber eher kritisch. Eine stimmige Integration in den ÖPNV ist immer erforderlich, damit beide Systeme sich gut ergänzen. Rosinenpickerei führt gesamtgesellschaftlich nicht zu einem Optimum. Pauschal lässt sich sagen: Nur bei einem deutlich höheren Besetzungsgrad im MaaS-System als im Pkw, der ja nur bei etwa 1,2 liegt, sind Verkehrsentlastungen und positive Umweltwirkungen zu erwarten.

Compass: Was bedeutet für dich, der Umwelt verpflichtet zu sein?

Petra Strauß: Der CO2-Verbrauch ist sicher das drängendste Problem, zu dessen Lösung der Verkehrssektor viel mehr beitragen muss. Wir bearbeiten bei der PTV dazu verschiedene Projekte, z. B. im Rahmen der Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung (MKS). Hier werden Angebotskonzepte untersucht und deren jeweiliger Beitrag zur CO2-Minderung, zum Beispiel die Verlagerungswirkungen neuer Mobilitätsformen.

Im urbanen Raum ist es auf jeden Fall die Stadtverträglichkeit, also neben sauberer Luft auch weniger Lärm und Platzverbrauch, indem man Verkehrsmittel nutzt, die pro Person angemessen sind. Damit eine Person von A nach B kommt, ist es passender, mit Muskelkraft oder elektrisch ein Fahrrad zu fahren als ein großes Auto mit 1-2 Tonnen Masse. Wichtig wäre folglich, den Fuß- und Radverkehr weiter zu stärken und den ÖPNV auszubauen, denn der kommt bisher in allen Städten zur Rushhour an seine Kapazitätsgrenzen. Kurzfristig können zusätzliche Angebote und dichtere Taktzeiten helfen, langfristig geht das nur mit dem Ausbau der Infrastruktur.

Compass: Was würdest du persönlich gern für ein Projekt bearbeiten, um den Klimaschutz in Karlsruhe zu stärken?

Petra Strauß: Karlsruhe hat schon unheimlich viel getan. Wir haben hier ein ausgezeichnetes Stadtbahnsystem, das für viele andere Städte, auch international, Vorbildcharakter hat. Wir freuen uns, wenn die Kombilösung 2020 (mit Kriegsstraße 2021) fertig wird. Mein Lieblingsprojekt in Karlsruhe habe ich schon bearbeitet: Wir haben im letzten Jahr ein neues Liniennetz entworfen, das mit der Kombilösung eingeführt wird. Wir wollen damit der Stadtentwicklung gerecht werden und noch mehr Fahrgäste für den ÖPNV gewinnen.

Vorbildcharakter, auch international: das Karlsruher Stadtbahnsystem.

Im Radverkehr hat Karlsruhe unheimlich aufgeholt. Im letzten ADFC-Fahrradklimatest ist Karlsruhe erstmals fahrradfreundlichste Stadt ihrer Größenklasse. Mehr Platz für den Rad- und Fußverkehr schaffen und die Sicherheit erhöhen erscheint mir trotzdem aktuell die prioritäre verkehrs- und stadtplanerische Aufgabe. 

Compass: Mit welchen Verkehrsmitteln bist du unterwegs?

Petra Strauß: Für meinen Weg zur Arbeit, etwa 25 Minuten, nehme ich meist das Fahrrad, wie übrigens auch fast alle aus meinem Team. Für Dienstreisen nutze ich die Bahn. Das ist praktisch, weil man in der Bahn seine Termine vor- und nachbereiten kann und es ist umweltfreundlich zugleich.

Compass: Mit welchen Projekten befasst ihr euch aktuell?

Petra Strauß: Wir bearbeiten ÖV-Projekte von der strategischen Planung bis zur Umsetzung. Mein persönlicher Favorit ist derzeit die Einführung einer CityBahn für Wiesbaden. Für die Stadt Dachau untersuchen wir derzeit die Potenziale für Seilbahn-Korridore. Für mehrere Städte arbeiten wir an Wirkungsanalysen für kostenfreie oder günstigere ÖPNV-Tickets. Eine regelmäßige Aufgabe unseres Bereichs sind die Nahverkehrspläne, die von den großen Städten und Landkreisen in Auftrag gegeben werden, um die Qualität und die Entwicklung des ÖPNV zu beschreiben. Es zeichnet sich eine Tendenz zum „Mobilitätsplan“ ab, der alle Verkehrsmittel umfasst und im Zusammenhang sieht.