Vom Magnetband bis zur Cloud: Data-Technologie im Wandel

Axel Gußmann (l.) und Erich Hirsch sprechen darüber, wie sich die die PTV Daten-Technologie in den letzten 40 Jahren verändert hat.

In unserem heutigen digitalen Zeitalter kann man sich kaum noch vorstellen, dass früher einmal Routen mit Excel-Tabellen und Karten an der Wand geplant wurden. 1982 gehörte die PTV zu den ersten, die Karten digitalisierten und brachte mit dem weltweit ersten PC-basierte Tourenplanungsprogramm eine absolute Innovation auf den Markt. Wir haben mit Axel Gußmann, Director Data, und Erich Hirsch, Chief GIS Data Engineer, einen Blick in die vergangenen 40 Jahre der PTV-Data-Technologie gewagt.

Compass: Machen wir eine kleine Zeitreise in die 80er, wie wurden damals Routen bei der PTV geplant und berechnet?

Erich Hirsch: Damals hat man mit Ortspunkten gearbeitet. Mit dem so genannnten Luftlinienfaktor von 1,3 konnte man Routenentfernungen schon ziemlich genau berechnen. Um diese Ortspunkte digital zu erfassen gab es ein so genanntes Digitalisierungsbrett. Auf dieses Brett in DIN A0 Größe konnte man Karten legen und dann die Punkte abgreifen. Damit trug man die Koordinaten in die Software ein.

Auf einem Digitalisierungbrett erfasste man die Koordinaten für die Software

Axel Gußmann: Ich erinnere mich noch gut an das erste von PTV erfasste Straßennetz, das berühmte „Knitternetz“. Das sah ein bisschen aus als hätte man Papier zusammengeknüllt und wieder auseinandergefaltet.

Erich Hirsch: Das war ein Kanten- und Knotennetz, ohne schöne Straßenverläufe. Zwischenpunkte hätten wir mit der damaligen Rechnerleistung gar nicht abbilden können. Wir haben zu dieser Zeit eng mit Mairs Geografischem Verlag zusammengearbeitet und hatten die Erlaubnis, aus Atlanten und aus der Generalkarte für Deutschland und Österreich 1:200 000 die Geometrie zu übernehmen.

Compass: Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Mit unserer Technologie hat Mairs dann ja auch den ersten Consumer-Routenplaner als CD auf den Markt gebracht.

Axel Gußmann: Genau, für die Marken Falk und Marco Polo mit ein paar Varianten wie zum Beispiel den Caravan oder Motorrad Planer.

Erich Hirsch: Da werde ich heute noch darauf angesprochen, wann der Motorrad Planer mal ein Update bekommt (lacht).

Die Routenplaner von Falk und Marco Polo basierten auf PTV-Technologie.

Axel Gußmann: Der ADAC war ebenfalls schon relativ früh unser Kunde. Auf Basis von PTV-Software konnte man sich die beste Route in den Urlaubsort anzeigen lassen – lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal des ADAC.

Compass: Ab wann haben wir dann die Ortspunkte dann nicht mehr selbst erfasst, sondern auf Netzdaten von Anbietern zurückgegriffen?

Erich Hirsch: Das war Ende der 1990er. Damals haben wir u.a. gemeinsam mit verschiedenen Daten-Providern in einem EU-Projekt ein einheitliches Standardformat definiert, mit dem man solche Netzdaten überhaupt einheitlich abspeichern und austauschen kann. Zuvor hatte da jeder sein eigenes Format.

Axel Gußmann: Nachdem dieses so genannte GDF-Format spezifiziert war, haben wir Straßennetzdaten von den Anbietern AND, TeleAtlas und Navteq bezogen. Die kamen von uns aufbereitet in unseren Produkten zum Einsatz. Wir haben uns da nie auf nur einen Provider festgelegt, sondern waren von Anfang an offen und unabhängig. Das handhaben wir bis heute so.

Compass: Wenn ihr so zurückblickt, erinnert ihr euch noch an eine besondere Anekdote?

Erich Hirsch: Ja! Eine meiner Lieblingsgeschichten stammt aus der Zeit der Wiedervereinigung. Wir haben damals die ersten topographischen Karten aus dem Osten bekommen, um die Netze der ehemaligen DDR anzubinden. Die haben aber einfach nicht gepasst, wir hatten Abweichungen von ein bis zwei Kilometern. Ein paar Tage später berichteten dann die Medien, dass die DRR bewusst die Karten in Grenznähe verzerrt hatte. Wir wussten also schon früher Bescheid als die Tagesschau.

Compass: Wie kommen die Daten der Anbieter letztlich in unsere Produkte?

Erich Hirsch: Dafür brauchen wir ein binäres Datenformat, das möglichst handlich und klein ist und die bestmögliche Performance für unsere Programme liefert.

Axel Gußmann: Um Providerunterschiede ausgleichen und Zusatzcontent abbilden zu können, haben wir unser eigenes PTV-Binärformat entwickelt und immer weiter modifiziert. Seit 2000 ist das AGF, das Advanced Geographic Format, im Einsatz.

Das Harmonisieren des Inputs von Anbietern wie Here oder TomTom ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Konverter. In unserer Datenabteilung reichern wir die Netze dann noch mit Premium-Content an, wie zum Beispiel den Mautdaten, Umweltzonen oder  speziellen Beschränkungen. Dass wir diesen Content integrieren, ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal der PTV und sorgt dafür, dass wir allen Anforderungen an eine komplexe Tourenplanung gerecht werden.

Compass: Wie kommt es, dass wir noch mal selbst Hand anlegen und die Daten veredeln? 

Axel Gußmann: Angefangen hat das mit dem ADAC. Der wollte in seiner Routenplanung wirklich alles drin haben und hat uns zum Beispiel fehlende Strecken gemeldet. Wir haben diese Zusatzinformationen dann in die Daten für unsere Produkte integriert.

Erich Hirsch: Wir sind schon immer getrieben von den Produkten und durch die Funktionalität, die wir dem Kunden bieten wollen. Was es auf dem Markt nicht zu kaufen gab, haben wir eben selbst gemacht.

Axel Gußmann: Diese zusätzlichen Mehrwert-Daten, wie zum Beispiel LKW-Ganglinien, Geschwindigkeitsprofile oder spezielle Vorzugsnetze für Lang-LKW zu bekommen, zu erfassen und zu bewerten ist auch heute noch eine unserer größten Herausforderungen.

Heute im PTV Museum: Floppy Disks & Co.

Compass: Wie wurden die Daten eigentlich im Laufe der Zeit ausgeliefert?

Erich Hirsch: Ganz am Anfang waren die Netze auf Magnetbändern, dann sind wir zur Floppy Disk übergegangen.

Axel Gußmann: Als ich 1998 bei PTV angefangen habe, haben wir noch Disketten genutzt. Relativ schnell kamen dann CDs und DVDs zum Einsatz. Mit zunehmender Speicherkapazität konnte die Anzahl von bis zu 15 Datenträgern sukzessive reduziert werden. Heute stellen wir die Weltkarte in der Cloud bereit und bieten Online Updates dafür an.

Compass: Und wo geht die Reise in Zukunft hin?

Axel Gußmann: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich, dass Karten und Daten immer schneller, immer regelmäßiger und immer aktueller bereitgestellt werden müssen.

Erich Hirsch: Big Data spielt zudem eine immer wichtigere Rolle. Durch die heutigen großen Datenmengen ist der Vergleich mit anderen Datenquellen einfacher. Das ermöglicht verbesserte Ergebnisse. Gleichzeitig steigen damit die Anforderungen an die Qualitätssicherung.  Bei den Millionen an einzelnen Segmenten muss genauer geprüft werden. Früher gab es vor einem Karten-Release eine Kontrolle, heute werden jede Nacht die wichtigsten Faktoren der entstehenden Karte getestet.

 Axel Gußmann: Das Aggregieren und Interpretieren von Daten wird immer wichtiger und eröffnet neue Möglichkeiten für unsere Produkte. Selbstlernende Karten zum Beispiel oder Real-time Delivery, dass Baustellen, Störungen usw. automatisch und in Echtzeit aktualisiert werden. Ich bin mir sicher, dass Künstliche Intelligenz und Mustererkennung die Entwicklung in der Datenverarbeitung in den nächsten Jahren weiter beschleunigen werden. Wir von der PTV wollen auch da wieder ganz vorne mitspielen.