Konsequente Logistik

London hat einen rasanten Anstieg an Kleintransportern erlebt.

Verkehrsplaner befassen sich intensiv mit dem Thema Modellierung der Mobilität der Zukunft. Unabhängig davon planen und optimieren Logistiker ihre Betriebsabläufe mit Hilfe von Planungstools. Eine engere Zusammenarbeit der jeweiligen Akteure wäre sicherlich für alle Seiten gewinnbringend.

Weltweit planen und optimieren Verkehrsplaner die Infrastruktur, indem sie die Bewegung von Menschen und Gütern analysieren. So setzen Planer auf Modellierungsverfahren, um die Auswirkungen von HS2 (High Speed 2, kurz HS2, ist der Projektname einer geplanten britischen Eisenbahnschnellfahrstrecke) auf das Straßenverkehrsnetz vorhersagen zu können. Wie viele Personen werden eventuell vom Auto zur Bahn wechseln, oder wie viele zusätzliche Fahrzeuge müssten eingesetzt werden, um Fahrgäste zwischen Bahnhof und ihrem jeweiligen Reiseziel zu befördern? In der Logistik setzen Flottenbetreiber inzwischen Software ein, die ihnen hilft, den optimalen Einsatz von Fahrzeugen, Fahrern und Depots zu planen. Der Gütertransport wird über ein komplexes Quell-/Zielnetz abgewickelt. Häufig berücksichtigen Flottenbetreiber jedoch nicht die Netzkapazitäten oder stellen sich nicht die Frage, wie ihre Transporte sich auf die Kapazität auswirken. Verständlicherweise ist es ihr Ziel, die Transportkosten zu minimieren, indem sie die besten Abschnitte des Straßennetzes nutzen.


Ein erheblicher Teil der Transportplanung und der Logistikbranche nutzt PTV-Software.

Ziele auf einen Nenner gebracht

Wir haben hier also zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Teile des Transportsektors mit divergierenden Zielsetzungen: Der Gütersektor nutzt die Infrastruktur, während der Verkehrsplanungssektor bestrebt ist, Leistung, Investitionen, Kapazität und operativen Bedarf zu steuern. Das eigentliche Problem: Beide Bereiche agieren unabhängig voneinander. Eine gemeinsame Planung ist – wenn überhaupt – kaum vorhanden. Verkehrsplaner verfügen selten über Informationen zu den Gütertransporten: Wohin fahren die Lkw? Warum sind sie unterwegs und was transportieren sie? Und darüber hinaus: welche Lieferungen sind künftig geplant? Sie können daher nicht nachvollziehen, wie die Transportbranche ihre Fahrzeuge innerhalb des Straßenverkehrsnetzes einsetzt. Somit können auch deren Auswirkungen nicht eingeschätzt werden. Auf der anderen Seiten ist den Transporteuren oft nicht bewusst, wie intensiv sich Verkehrsplaner mit dem Verkehrsnetz und entsprechenden Mobilitätsmustern befassen. Es stehen Echtzeit-Verkehrsinformationen zur Planung ihrer Touren zur Verfügung. In der Regel wissen sie aber nichts über künftig geplante Maßnahmen, wie Baustellen oder Großveranstaltungen. Zudem hat die Transportbranche wenig Einfluss auf die Planung des Straßennetzes. Die Depots, Fahrzeugflotten und Spezifikationen werden hauptsächlich auf Basis der unternehmenseigenen Strategiekonzepte geplant. Die Anzahl der Lieferfahrzeuge wächst rasant. So konnte auch Transport for London immer mehr Kleintransportern auf Londons Straßen beobachten, was insbesondere auf die explosionsartig gestiegenen Wachstumsraten im Online-Shopping sowie auf veränderte Liefermuster und Flottenspezifikationen zurückzuführen ist. Diese zusätzlichen Fahrten üben einen enormen Druck auf das Straßennetz aus, einschließlich zusätzlichem Stauaufkommen und steigenden Emissionen. Neue Beschränkungen des Güterverkehrs, wie die Einrichtung von Umweltzonen, sind eine in ihren Auswirkungen noch nicht fassbare Impulsgröße. Es ist jedoch klar, dass eine bessere Zusammenarbeit zwischen Experten aus dem Planungs- und Logistikbereich von Nöten ist. Ein erheblicher Teil des Verkehrsplanungs- und Logistiksektors nutzt bereits PTV-Software zur Planung und Optimierung des Personen- und Güterverkehrs. Diese Entwicklung stimmt uns optimistisch, einige Veränderungen in diesem Bereich voranzutreiben zu können. Wenn es um das Thema Data Sharing geht, befürchten Transportunternehmen häufig, dass sich dies negativ auf ihre Wettbewerbssituation oder Privatsphäre auswirken könnte. Aber diese Probleme lassen sich mit Hilfe von Technologien lösen. Dank eng verzahnter Daten- und Planungsprozesse können alle Beteiligten für effizientere Planungen und optimierten Personen- und Warenverkehr sorgen.

Entscheidungsunterstützung in Echtzeit

Aber unser Unternehmen fokussiert sich nicht nur auf die langfristige Entwicklung. Angesichts fortlaufend verbesserter Rechenleistung der Computersysteme sowie Qualität der Verkehrsinformationen, können wir dies auch in Echtzeit bieten. So sind wir in der Lage, die Strecke, auf der ein Lkw aktuell unterwegs ist, mit der jeweils zuständigen Verkehrsleitzentrale zu verbinden, sodass diese über Ausgangs- und Zielort des Fahrzeugs sowie dessen geplante Route informiert ist. Auf diese Weise könnte die Verkehrszentrale im Falle einer Verkehrsstörung dem Fahrer direkt entsprechende Informationen übermitteln, sodass dieser in der Lage wäre, die beste Route und Umleitung zu wählen. Die PTV Group verfügt bereits über ein Modell zur vorausschauenden Entscheidungsfindung, das sich auf Echtzeitdaten stützt. So lässt sich vorhersagen, wie sich die Verkehrssituation im Netz in naher Zukunft darstellt, um Probleme frühzeitig zu erkennen und vorbeugende Maßnahmen (z. B. eine veränderte Phasenschaltung der Lichtsignalanlagen) zu ergreifen. Eine solche Technologie könnte auch Live-Daten zu Transporten erfassen und diese für Vorhersagen zu Auswirkungen von Störungen in Echtzeit nutzen, sodass Verkehrsteilnehmer besser gesteuert werden könnten: ein weiterer enormer Vorteil für die Verkehrsbehörde. Da PTV sowohl mit Akteuren des Verkehrsplanungs- als auch Logistiksektors eng zusammenarbeitet, ist unser Unternehmen in der besonderen Lage, maßgeblich zur Zusammenarbeit aller Beteiligten beitragen zu können.

Das Beispiel A13 dient nur zur Veranschaulichung: Ein Pilotprojekt könnte jedem Abschnitt des strategischen, von Highways England betriebenen Straßennetzes zugeordnet werden.

Ein gemeinsames Pilotprojekt

Zur Realisierung meiner Idee müssten die beiden Sektoren eng zusammenarbeiten. „Proof of Concept“ und Pilotprojekte wären geeignete Ausgangspunkte. Betrachten wir beispielsweise die Einrichtung eines integrierten Verkehrs- und Logistikplanungskorridors. Dieser könnte als landesweite Musterlösung für andere strategische Korridore sowie Verkehrsnetzbetreiber dienen. Stellen wir uns einen Korridor entlang der A13 vor, der von Ost-London bis zur Küste führt und dabei vorbei am Containerhafen London Gateway in die A12 mündet, eine der Hauptverkehrsadern nach Felixstowe und Harwich. Nicht allzu verwunderlich, dass entlang dieser Straße viele Lager- und Verteilzentren liegen. Der aktuelle Korridor entspricht einer Straße der A-Kategorie, die in vielen Abschnitten nach Autobahnstandard gebaut wurde und meist drei Fahrspuren in jede Richtung aufweist. Im Vergleich zu anderen Londoner Straßen verfügt er daher über eine hohe Kapazität mit einem beträchtlichen Güterverkehrsanteil. Auch hohe Geschwindigkeiten sind hier üblich. Wenn es innerhalb Londons in der Nähe oder auf der A13 zu einer Störung kommt, hat dies enorme Auswirkungen auf den Verkehr im Allgemeinen und den Güterverkehr im Besonderen. Bei Staubildung auf der A13 müssten die Lkws von ihrem ursprünglichen Tourenplan komplett abweichen. Doch derzeit stehen ihnen nicht genügend Informationen zur Verfügung, die sie bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Dieser ausgewählte Korridor kann aufzeigen, wie Verkehrsmodelle Informationen für den Planungsprozess bereitstellen können – sowohl im Hinblick auf den regulären Betrieb als auch auf den Verkehr. Disponenten könnten [UH1] ein Modell verwenden, dass sie bei der Tourenplanung unterstützt. Zugleich hätten sie die Möglichkeit, unterschiedliche Szenarien als Reaktion auf mögliche Ereignisse abzubilden und entsprechende Alternativen zu entwickeln. Damit wären sie in der Lage, optimale Umleitungsmöglichkeiten zu erkennen, insbesondere an Stellen, an denen Störungen häufiger auftreten. Mit Hilfe des von den Planern verwendeten Verkehrsmodells könnten Disponenten, optimierte Touren erstellen und Strategien für eine effektivere Routenplanung entwickeln. So ließen sich Zeit, Kraftstoff und damit Kosten sparen. Bei diesem kooperativen Ansatz müssten sich Transportunternehmen und Behörden auf Zukunftspläne einigen, die beiden Seiten ermöglichen, mit Störungen so effektiv wie möglich umzugehen – eine echte Win-Win-Situation.


Über den Autor

Devrim Kara ist seit 2012 bei der PTV Group. Im Jahr 2014 wurde er Director, UK & Ireland. Sie möchten mit ihm persönlich Kontakt aufnehmen? Vernetzen Sie sich mit ihm über LinkedIn!

Der obige Artikel wurde ursprünglich in Data & Modelling 2019 veröffentlicht.

This post is also available in: Englisch